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Kreuzberg: Hinziehen statt weggucken

Moscheen in Wohnhäusern, Öcalan-Transparente im Garten - aber ein lebenswerter Bezirk mit Potenzial: Der Grüne Cem Özdemir will mit seiner Familie nach Kreuzberg ziehen. Denn über geglückte Integration werde hier entschieden, schreibt er in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE. Ein Plädoyer gegen die Parallelgesellschaft.

Um es gleich klarzustellen: Wir sind weder Märtyrer noch wollen wir mit unserem Kind experimentieren. Meine Familie und ich werden bald umziehen – nach Kreuzberg, in den ehemaligen Postbezirk SO36. Ja, genau in die Ecke Kreuzbergs, wo manche angesichts der Nachrichten über Konfrontationen von türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen mit der Polizei bald Unruhen wie in der französischen Banlieue erwarten.

Cem Özdemir: Nicht in falsche Kiez-Romantik verfallen
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Cem Özdemir: Nicht in falsche Kiez-Romantik verfallen

Die Antwort auf die Fragen im Freundes- und Bekanntenkreis, warum wir diesen Schritt "wagen" (als ob wir auswanderten…), fällt uns nicht schwer: Kreuzberg ist ein lebenswerter Stadtbezirk. Auch und gerade in Kreuzberg gibt es gute und innovative Kindertagesstätten. In einem vergleichsweise kinderunfreundlichen Land ist Kreuzberg außerdem nahezu eine Insel der Glückseligen; ein Ort, wo wir uns nicht ständig rechtfertigen müssen, warum das Kind sich eben wie ein Kind verhält und warum man als junge Eltern gelegentlich etwas Unterstützung und Verständnis braucht.

Sucht man in der Onlinebibliothek Wikipedia einen Eintrag zu SO36, erhält man über diesen auch unter den Kreuzberger Kiezen ärmeren (das gesetzte links-liberale Milieu wohnt eher in Kreuzberg 61) folgende Information: "So ist SO 36 in den Augen seiner Einwohner lebenswerter als sein Ruf in der Öffentlichkeit. Geprägt ist der Kiez von einem starken Zusammenhalt der Bevölkerung. Einwohner von 36 zu sein, ist in hohem Maße identitätsbildend." Im Gegensatz zu Neukölln und Wedding gibt es den viel beschworenen Mythos Kreuzberg mit seinen alternativen Lebensentwürfen tatsächlich – trotz Hartz IV, Drogenszene am Kottbusser Tor und sonstigen sozio-ökonomischen Verwerfungen.

Wer mehr über die soziale Realität Kreuzbergs wissen möchte, dem sei empfohlen, nicht nur einen Blick in die Sozialhilfestatistik zu werfen, sondern auch in die Studie des Berliner Zentrums Demokratische Kultur (ZDK) über "Demokratiegefährdende Phänomene in Friedrichshain-Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention" aus dem Jahr 2003. Claudia Dantschke, eine der Mitautoren, weist darauf hin, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft "die Türken" oder "die Muslime" oft als homogene Gruppe ansehe und thematisiere, was sich entsprechend auf das Selbstbild der türkischen Community auswirke. Dies habe zur Folge, dass sie sich selbst vorverurteilt und ausgegrenzt erlebten, wodurch sie auch empfänglicher für radikale Bestrebungen würden. Wer in Kreuzberg lebt, wird genauso auch Türkischstämmige kennen, die "ganz normale Menschen" sind. Wer hingegen nur von außen auf den Bezirk schaut, kann sich das angesichts der Berichterstattung wohl kaum vorstellen.

"Moschee" mitten in einem Wohnhaus

Was die Jugendlichen angeht, so darf man natürlich nicht in falsche Kiez-Romantik verfallen, schnell sind manche mit der Selbstzuweisung der Opferrolle. Nichtsdestotrotz verteidigen sie quasi ihr Revier und die Polizei verkörpert einen Staat, von dem sie sich ausgegrenzt fühlen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob dies der Wahrheit entspricht. Es ist die Perspektive dieser Jugendlichen, die wir endlich Ernst nehmen müssen. Oder ist es in den Köpfen immer noch nicht angekommen: Auch diese Jugendlichen sind die Zukunft Deutschlands.

Wer möchte, dass SO36 nicht zum Synonym für Krawall und Selbstjustiz wird, muss den Mut für Veränderung mitbringen. Als künftiger Kreuzberger werde ich mit Dingen konfrontiert, die über meine bereits ganz gut trainierte Vorstellungskraft deutlich hinausgehen. Damit meine ich nicht nur die Situation an Schulen mit überforderten und alleingelassenen Lehrern und Eltern, die sich entweder nicht kümmern oder keinen Zugang mehr zum Alltag ihrer Kinder finden. Auch die geringen Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungsmarkt sind bekannt. Was ich vor allem meine, sind Tendenzen einer, hier passt der Begriff wohl tatsächlich, Parallelgesellschaft.

Man erfährt von einer "Moschee" (!) mitten in einem Wohnhaus, die quasi als Domizil der in Deutschland als terroristisch verbotenen Organisation PKK dient - so richtig scheint es in Berlin niemanden zu stören, auch nicht die Polizei und die Behörden, die sehr wohl informiert sind. Sicher ist es auch nur ein dummer Zufall, dass im Keller der "Moschee" leere Flaschen und ein Benzinkanister standen, kurz bevor wenige Meter weiter ein türkisches Restaurant, ein türkischer Laden und zwei Autos mit Molotowcocktails angegriffen wurden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wenn im Garten Öcalan-Transparente gemalt werden, dann ist dies für die Berliner Behörden wahrscheinlich ein Beitrag zur Integration, solange die Farben lösungsmittelfrei sind. Ein kurdischer Aktivist im Haus, der sich stets gewaltfrei für die Menschenrechte der Kurden eingesetzt hat, wird schon mal zur Rechtfertigung seiner Position vor ein PKK-Tribunal geladen. Der alternative Hausmeister, der sich pflichtbewusst an die Polizei wendet, wird, weil "nicht zuständig", heimgeschickt und nur dank seiner Hartnäckigkeit geht der Fall auf die nächste Ebene. Und die Wohnungsbesitzerin erhält Besuch von einem PDS-Abgeordneten, der sich quasi als Anwalt der "Moschee" versteht und wie "Im wilden Kurdistan", seine Autorität dadurch unterstreicht, ob sie ihn etwa nicht erkennen würde. Soviel zum staatlichen Gewaltmonopol im rot-roten Senat.

Wer nach einem Tabu-Thema sucht, hier kann man es finden

Ein künftiger Nachbar berichtet mir resigniert, wie sein Neffe, der in einem türkischen Hochzeitssalon arbeitet, seit Monaten auf seinen Lohn wartet. Als er einmal nachfragte, wurde der Junge nach allen Regeln der Kunst zusammengeschlagen. Um Wiederholungen zu vermeiden, gleich vor seinen Kollegen. Auf meine Frage nach einer polizeilichen Anzeige habe ich nur ein ungläubiges Kopfschütteln geerntet. In der Zwischenzeit weiß ich, dass mitunter eine Art passive Sklavenhalterei einerseits und Selbstausbeutung andererseits zu den Schattenseiten der in Sonntagsreden gern gefeierten türkischen Selbstständigenkultur gehören.

Wer nach einem Tabu-Thema sucht, hier kann man es finden. Betriebsräte, Gewerkschaften? Fehlanzeige! Darüber spricht man einfach nicht. Wie der Betrugsskandal um die islamischen Holdings, die zahlreiche Migranten um ihre Ersparnisse erleichtert haben, wird es offensichtlich nicht ernst genommen und als innerethnischer Konflikt gesehen, aus dem man sich besser raushält.

Nach dem Vorfall mit der "Moschee" fällt es tatsächlich nicht mehr so leicht, zu verstehen, wer hier die "Guten" sind.

Ich frage mich, ob es denn in der multikulturellen Hauptstadt Deutschlands keine Hotline für arabisch, türkisch, russisch sprechende Berliner gibt, wo man 24 Stunden anonym oder öffentlich von solchen und anderen Erlebnissen berichten kann, damit sich keine rechtlichen Grauzonen entwickeln - bevor es irgendwo brennt und eskaliert.

Parallelgerichtsbarkeit darf nicht geduldet werden

Wer möchte, dass SO36 im besten Sinne multi-kulturell bleibt, der muss eben nicht nur Schulen und Lehrer unterstützen sowie an die Verantwortung der Eltern appellieren. Der muss auch für Sicherheit sorgen und darf keine Parallelgesellschaft bzw. Parallelgerichtsbarkeit dulden, wo radikale Organisationen "Abtrünnige" bestrafen, Schutzgelder erpresst werden, Arbeitgeber ihre angestellten verprügeln und Drogenhändler unbehelligt ihren Geschäften nachgehen können.

Dafür benötigt man dann auch eine Polizei mit interkultureller Kompetenz, arabisch-, türkisch- und russischstämmigen Polizisten, die vor Ort Präsenz zeigt; Polizisten, die die Sprache der Menschen sprechen, mit denen sie es tagtäglich zu tun haben und auch dadurch eine spürbare Autorität verkörpern.

Um es noch einmal zu unterstreichen: Kreuzberg ist ein lebenswerter Bezirk mit Potenzial, auch für junge Eltern. Es gibt tolle Kindertagesstätten, es gibt Initiativen von deutsch-türkischen Müttern, die sich gegen Drogendealer zur Wehr setzen, es gibt nette Bars und Restaurants ebenso wie verrauchte Kneipen. Es gibt zivilgesellschaftliche Initiative. Und auch die Vielfalt der türkischen Community, von der die Mehrheitsgesellschaft viel zu wenig weiß (übrigens auch deshalb, weil manche deutsche Medien bis heute nicht einmal den Unterschied zwischen Aleviten und Sunniten kennen) spiegelt sich in Kreuzberg wieder.

Kreuzberg ist wie ein Mikrokosmos. Es ist nicht wie der schicke Prenzlauer Berg, wo alle gleich alt sind und die gleich hübschen Kinder haben und in der ähnlichen Einkommensgruppe sind. Es ist auch nicht so künstlich wie Berlin-Mitte und deutlich lockerer als Dahlem oder Steglitz. Und für Marzahn und Hellersdorf bin ich einfach nicht mehr schnell genug und meine Tochter kann noch nicht laufen, um notfalls vor den Nazis davonrennen zu können.

In der Umgebung des Kottbusser Tors, wo frühere Generationen von Kommunalpolitikern städtebaulich so einiges in den märkischen Sand gesetzt haben, entscheidet sich der Erfolg oder Misserfolg der multikulturellen Gesellschaft. Ein Misserfolg wird es ganz sicher dann werden, wenn Mittelschichtsfamilien, darunter übrigens auch viele mit Migrationshintergrund, dem Stadtteil den Rücken kehren.

Die Verantwortung für die Integration bzw. Erziehung der Kinder und Jugendlichen schieben wir den Eltern, Lehrern und Schulen zu. Aber Integration findet auch in den Wohnzimmern der Mittelschicht statt, etwa wenn der eigene Sohn den türkischstämmigen Freund mit nach Hause bringt. Ich weiß, wovon ich rede.

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