Berlin Kreuzbergs letzter Revolutionär

54 Razzien hat er überstanden, nun droht dem Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf in Berlin-Kreuzberg die Räumung. Inhaber Hans-Georg Lindenau kämpft gegen den Wandel in seinem Kiez.

SPIEGEL ONLINE

Von  und Charlotte Schulze (Video) 


Vielleicht die "Kleine Geschichte des Anarchismus"? Oder wie wäre es mit "Antifa heißt Angriff", einem Buch über militante, antifaschistische Gruppen der Achtzigerjahre? Das letzte Heft der Tüftler-Reihe "Einfälle statt Abfälle"? Es gibt natürlich auch Aufnäher mit durchgestrichenen Hakenkreuzen oder "Refugees Welcome"-Banner, Palästinensertücher, Sturmhauben, alte Polizeihelme, Teleskopschlagstöcke und Pfefferspray - auch "antifaschistisches Deospray" genannt.

Es ist kaum ein Durchkommen im M99, bis unter die Decke ist der Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf vollgestopft mit allem, was das linke Herz begehrt, die Fassade ist zugekleistert mit alten Plakaten, Flyern und Transparenten. Das Geschäft in der Manteuffelstraße 99 ist Kult im Kiez von Berlin-Kreuzberg, aber selbst hier wirkt der Laden inzwischen wie aus der Zeit gefallen, ein Relikt aus den wilden Achtzigerjahren. Der Häuserkampf, es gibt ihn noch im linken Szenebezirk, nur wird er heute anders geführt. Aber auch dafür ist das M99 ein Symbol.

Inmitten der Warenberge sitzt Ladeninhaber Hans-Georg Lindenau, 57, und philosophiert. Über seinen Laden, den Staat, über Herrschaft und Gewalt und eine gerechtere Zukunft. HG, wie er von den meisten genannt wird, ist ein Berliner Unikat, auch wenn er aus Süddeutschland kommt. Er redet schnell und ohne Unterbrechung, immer folgen kann man seinen Gedankengängen nicht. "Das Konzept des Ladens ist, dass die gemischte Ware auch immer wieder einen gemischten Dialog ermöglicht. Nur dadurch ist eine Veränderung der Gesellschaft möglich", sagt Lindenau.

Fakt ist: Lindenau ist vor Jahrzehnten nach Berlin gekommen, war stets in der linken Szene aktiv, besetzte in den wilden Kreuzberger Jahren mehrere Häuser. 1985 gründete er das M99, wo er weit mehr verkauft als die Grundausrüstung für Demonstranten. Seine Lebensgeschichte gibt es gratis dazu.

Die ist geprägt von gefühltem Mobbing: Seit Jahrzehnten glaubt er sich verfolgt, von der "Gedankenpolizei", der Justiz und der "Staatsmacht" - allein 54 Mal soll die Polizei seinen Laden durchsucht haben. Im September 1989 stürzte sich Lindenau von einer Kirche am Lausitzer Platz, nur wenige Meter von Laden und Wohnung entfernt.

"Ich bin durch Mobbing gestorben", sagt Lindenau über diesen Tag. Ein Selbstmordversuch sei das nicht gewesen, er habe sich schlicht von größeren Mächten in die Enge getrieben gefühlt. Lindenau hat den Sprung nach drei Wochen im Koma überlebt, seitdem sitzt er im Rollstuhl.

Zwei Euro pro Quadratmeter

Aus seiner Sicht hat das Mobbing bis heute nie aufgehört. Jetzt ist es vor allem der Eigentümer der Manteuffelstraße 99, von dem er sich gejagt fühlt. Der Eigentümer hat HG am 19. Juli 2014 den Mietvertrag gekündigt, da er die Räumlichkeiten regelmäßig und unerlaubt pensionsartig untervermietet habe.

"Nach Kenntnis dieser schweren, hartnäckig wiederholten Vertragsverstöße, die sowohl das Amts- als auch das Landgericht bestätigten, haben unsere Mandanten nach zahlreichen, wiederholten Fristsetzungen zur Abhilfe gekündigt", teilt Eigentümer-Anwalt Cornelius Wollmann mit. Im gesamten Haus sei es darüber hinaus nur zu einer weiteren Kündigung gekommen - wegen erheblicher Mietrückstände.

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Sozialer Wandel: Das M99 in Berlin-Kreuzberg kämpft gegen die Zwangsräumung

Lindenau weist die Vorwürfe zurück, er wehrt sich. Er suchte und fand Unterstützer wie etwa die Initiative "Zwangsräumung verhindern", demonstrierte und blieb im M99 - inzwischen einem Symbol für den Widerstand gegen den sozialen Wandel in Kreuzberg.

Denn die Gentrifizierung lässt sich hier kaum aufhalten, was sich nicht nur an hippen Bars und schicken Bioläden zeigt: Friedrichshain-Kreuzberg, der am dichtesten besiedelte Bezirk der Hauptstadt, ist in den vergangenen Jahren auch zum teuersten Stadtteil geworden. Laut einem Wohnungsmarktbericht der Berliner Investitionsbank IBB kostet jeder angebotene Quadratmeter im Durchschnitt mehr als zehn Euro Miete. Lindenau zahlt nach eigenen Angaben nur zwei Euro pro Quadratmeter.

Letzter Ausweg: Haus besetzen

Noch ist der Bezirk, der im Schatten der Mauer ein schmuddeliges Image genoss, bunt durchmischt: Mehr als ein Drittel der Einwohner hat einen Migrationshintergrund, das Haushaltsnettoeinkommen beträgt unterdurchschnittliche 1500 Euro pro Monat und die Arbeitslosenquote liegt bei rund elf Prozent. Die Frage ist: Wie lange bleibt das noch so?

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch die örtliche Politik. "Eine bunte Durchmischung ist immer wichtig, für jeden Kiez", heißt es im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg mit Blick auf die Gentrifizierung. In den meisten Fällen seien die Spielräume aber sehr klein. Soll heißen: "Wir können in solchen Fällen meist nur vermittelnd tätig werden", so eine Sprecherin.

Ein paar Straßen weiter, im beliebten Wrangelkiez, hat das Bezirksamt seinen Spielraum genutzt: Die Behörde nahm im Dezember ihr Vorkaufsrecht für ein Wohnhaus wahr und will es in Gemeingut umwandeln. Die 30 Bewohner sollen so vor Immobilienspekulationen geschützt werden.

Im Fall des M99 hat Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) ein solches Vorkaufsrecht nicht. Stattdessen initiierte sie zwei Gesprächsrunden, an der sie auch selbst teilnahm - mit mäßigem Erfolg. Den zweiten Runden Tisch verließen die Gesprächspartner ohne eine Einigung, Anwalt Wollmann wollte nur noch über einen Termin, aber nicht über den Auszug an sich diskutieren.

Im Bezirksamt geht man daher nicht davon aus, dass Hans-Georg Lindenau langfristig im M99 bleiben kann. Lindenau selbst wird aber wohl nicht freiwillig gehen: Der frühere Hausbesetzer greift stattdessen zu Mitteln der Achtzigerjahre: Seit dem 31. Dezember begreift er sich als Besetzer der Manteuffelstraße 99. Beide Seiten schieben sich derweil Angebote und Vergleiche über den Verhandlungstisch. Eine Lösung? Bisher nicht in Sicht.

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