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Krieg gegen IS: Merkel verteidigt Pläne für Waffenlieferung an Kurden

Mit großer Brutalität verfolgt die Terrormiliz IS im Irak und in Syrien Andersgläubige. Die Bundesregierung will deshalb eine Grundsatzentscheidung zu Waffenlieferungen an die Kurden fällen - Kanzlerin und Außenminister sehen dazu keine Alternative.

Berlin - Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hat an verschiedenen Orten im Osten Syriens mindestens 18 Menschen öffentlich getötet. Mehrere Opfer seien an zentralen Plätzen gekreuzigt worden, berichtete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die Extremisten hätten ihnen unter anderem vorgeworfen, das Regime von Präsident Baschar al-Assad unterstützt zu haben.

Die meisten Taten wurden aus den beiden Provinzen Rakka und Dair as-Saur gemeldet, die von der Terrorgruppe fast vollständig kontrolliert werden. Die Extremisten beherrschen große Teile im Norden und Osten Syriens. Dort verhängen sie regelmäßig Strafen nach einer radikalen Interpretation der Scharia, des islamischen Rechts. Die Terrorgruppe hatte den US-Reporter James Foley als Rache für US-Luftangriffe im Nordirak enthauptet und Anfang der Woche dazu ein Video veröffentlicht.

Die Gräueltaten dürften auch die Diskussionen in Deutschland um die Waffenlieferungen befeuern, die den Kurden im Nordirak im Kampf gegen die IS helfen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Pläne der Bundesregierung in der Chemnitzer "Freien Presse" verteidigt. Sie räumte allerdings ein, dass die Waffen in die falschen Hände gelangen könnten. "Ich will nicht so tun, als bestehe dieses Risiko überhaupt nicht", sagte Merkel. "Ein hundertprozentiges Ja oder Nein auf die Frage, ob wir mit unserer Entscheidung richtig liegen, gibt es nicht."

Die Bundesregierung sei angesichts der Brutalität, mit der die radikalislamische IS Christen, Jesiden und auch Muslime verfolge, zu dem Schluss gekommen, eine Grundsatzentscheidung für begrenzte Waffenlieferungen zu treffen. Eine Beteiligung der Bundeswehr an den Kämpfen schloss Merkel aber aus.

Entscheidung am Mittwoch

Am kommenden Mittwoch soll eine abschließende Entscheidung über die Aufrüstung der kurdischen Streitkräfte fallen. Anschließend soll der Bundestag in einer Sondersitzung darüber diskutieren. Im Gespräch ist die Lieferung von Handfeuerwaffen und Panzerabwehrraketen. Die USA schicken bereits Waffen, in Europa sind auch Großbritannien, Frankreich und Italien bereit dazu.

Derweil ringt die SPD parteiintern noch mit der Entscheidung. Bedenken kommen insbesondere vom linken Parteiflügel. "Meine Sorge ist, dass die Folgewirkung ist, dass wir heute Waffen liefern, und morgen werden damit unschuldige Menschen erschossen", sagte SPD-Vize Ralf Stegner am Rande einer Klausurtagung der Parteispitze in Berlin. Heraushalten und keine Waffen schicken sei nicht das Gleiche, fügte er hinzu. "Deutschland leistet eine ganze Menge an Hilfe. Wir dürfen die humanitäre Hilfe nicht geringschätzen."

Käßmann lehnt Waffenlieferungen strikt ab

Außenminister Frank-Walter Steinmeier sieht jedoch keine Alternative zu Waffenlieferungen. Neben humanitärer Hilfe, die weiterhin für die Bundesregierung Priorität habe, gehe es um eine Unterstützung der kurdischen Streitkräfte "in dem außerordentlich herausfordernden Kampf" gegen die IS, sagte Steinmeier. "Natürlich sind Waffenlieferungen in Spannungsgebiete nur in allergrößten Ausnahmefällen möglich. Wir sind hier in einer Sondersituation."

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, lehnt Waffenlieferungen in den Irak dagegen strikt ab. "Das ist der falsche Weg", sagte sie. "Es macht mich fassungslos, dass Waffenlieferungen die Konsequenzen aus den Jahren der Friedensbewegung sein sollen. Aber mir ist bewusst: Auch wer gegen Waffenlieferungen votiert, kann sich schuldig machen."

Käßmann, die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017 ist, hatte bereits mit kritischen Äußerungen zum deutschen Afghanistan-Einsatz für Diskussionen gesorgt.

mik/Reuters/dpa

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insgesamt 150 Beiträge
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1.
kdshp 23.08.2014
Und wie lange soll das dauern bis man entschieden hat? Wenn ich mir anderes so anschaue werden die kurden dann 2019 ein paar alte waffen bekommen die die BW nicht mehr braucht.
2. Alternativlos?
Freeman69 23.08.2014
Ähm... eine Alternative wäre... KEINE WAFFEN IN KRISENGEBIETE. Oder sehe ich das falsch?
3. In ein paar Jahren
awoth 23.08.2014
wird es dann wieder total überraschte Gesichter geben und : "das konnte man doch nicht vorhersehen..." Aus der Geschichte lernen würde ja bedeuten, lernfähig zu sein. Weiter so Deutschland!
4.
dogan 23.08.2014
Es sieht so aus als ob die Bundesregierung den Armen Menschen im Irak und Syrien helfen möchte... Tatsächlich wird allerdings mit der Ausrüstung der Kurden die nächste Auseinandersetzung der Kurden mit der Türkei und Iran vorbereitet. Alles natürlich zu befriedungszwecken. Der Westen ist moralisch sowas von Pleite, das ist unerträglich.
5.
cato-der-ältere 23.08.2014
Dieser Spruch -"keine Alternative" ist ja wohl allmählich unerträglich. Es gibt Leute die wissen wovon sie reden und die Lage durchaus anders beurteilen, wie Herr Glasenapp von Medico International. Es geht Einigen in Wirklichkeit doch nur darum unsere Republik dahin zu manövrieren wo sie sei eben haben wollen. Marktkonform, und militärisch einsatzfreudig. Man könnte der alten Republik vor 89, Merkel und Gauck nachweinen, selbst wenn es damals Typen wie Strauss und Birne gab.
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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.


Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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