Kriegsspiel für Kinder Bundeswehr prüft Vorgänge in Kaserne

Merkwürdige Nachwuchsrekrutierung: Beim Tag der offenen Tür in einer Kaserne durften Kinder auf eine Modellstadt schießen, die den Namen "Klein-Mitrovica" trägt. In dem realen Ort im Kosovo wüteten im Zweiten Weltkrieg Nazi-Soldaten. Die Bundeswehr kündigt disziplinarische Maßnahmen an.

Gebirgsjäger beim Tag der offenen Tür: "Keine Waffen unter 18"?
dapd

Gebirgsjäger beim Tag der offenen Tür: "Keine Waffen unter 18"?


Bad Reichenhall - Eine bunte Modellstadt haben die Soldaten zwischen den Kasernengebäuden aufgebaut. Kleine Häuschen stehen auf der Wiese, manche stellen nur noch ausgebrannte Ruinen dar. Am Rande hocken Bundeswehrsoldaten in Olivgrün unter Tarnnetzen, neben ihnen Kinder. Diese haben Waffen in der Hand, Attrappen vermutlich, manchen sehen aus wie Gewehre, die mit Farbkugeln schießen können. Die Kinder zielen auf die bunten Häuschen.

Es ist ein bizarres Programm, das sich die Truppe in der Kaserne von Bad Reichenhall an ihrem Tag der offenen Tür für die jüngsten Besucher ausgedacht hat. Kleine Jungen und Mädchen dürfen Krieg spielen. Schon am 27. und 28. Mai fand die Werbeveranstaltung statt. Doch erst Tage später kam der Eklat heraus, nachdem das linke Bündnis "Rabatz" Fotos des Schießspiels verschickt hatte.

Jetzt hat die Angelegenheit ein Nachspiel. Das Heeresführungskommando der Bundeswehr habe eine Untersuchungskommission zur Aufklärung der Vorkommnisse eingerichtet. "Den dafür Verantwortlichen wird disziplinarisch-juristisch beizukommen sein", sagte ein Sprecher dem "Münchener Merkur". Er sieht demnach neben der moralischen Verfehlung auch einen Verstoß gegen klare Grundregeln, die in der Bundeswehr gelten: "Menschen unter 18 Jahren dürfen zu keinem Zeitpunkt auf dem Gelände der Bundeswehr Waffen in die Hand nehmen." Mit der Aufklärung wurden die zehnte Panzerdivision in Sigmaringen und die Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall beauftragt. Man nehme den Fall sehr ernst, hieß es.

Für besonderen Zündstoff sorgt ein kleines Detail in der Modelllandschaft der Soldaten. Die hatten nämlich auch an ein kleines gelbes Ortsschild gedacht. "Klein-Mitrovica" stand darauf - in Anlehnung an den im Kosovo existierenden Ort Mitrovica.

Die Stadt hat eine blutige Vergangenheit. Im Zweiten Weltkrieg wurde dort auch die 1. Gebirgs-Division der Wehrmacht eingesetzt, darunter auch Soldaten aus Reichenhall. 1999 kam es im Kosovo-Krieg zu schweren Kämpfen, noch heute sind dort Kfor-Schutztruppen stationiert, auch hier sind die Gebirgsjäger aus Reichenhall dabei. Ein Bundeswehrsprecher sagte am Sonntag: "Den Namen der Ortschaft so zu wählen, ist sicherlich geschmacklos."

phw/dpa/dapd

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