Kriminalität Der Stoff, aus dem die Alpträume sind

Von Ulrike Heitmüller

2. Teil: Arabische Dealer lassen sich leicht erwischen


Typisch: Im Jahr 2006 handelte es sich laut Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik bei etwa einem Zehntel der knapp 8800 Tatverdächtigen bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz um Araber, sprich: Palästinenser, Libanesen, Staatenlose, Jordanier und Nordafrikaner. Das sind überproportional viel - schließlich sind nicht ein Zehntel der Einwohner Berlins Araber, außerdem wurden Deutsche mit Migrationshintergrund nicht mitgezählt. Allerdings sind Rauschgiftdelikte sogenannte Kontrolldelikte: Ihre zahlenmäßige Entwicklung hängt nicht von der tatsächlichen kriminologischen Entwicklung ab, sondern davon, wie oft Bürger Anzeige erstatten und Polizisten kontrollieren. Und arabische Dealer lassen sich besonders leicht erwischen, weil sie in Gruppen arbeiten, an den stadtbekannten Umschlagplätzen handeln und vor allem ihren Stoff direkt an die Verbraucher abgeben. Mit etwas Boshaftigkeit würde man sagen: Sie sind die Loser.

Nicht nur beim Dealen ? auch sonst: Palästinenser etwa erhalten in Berlin recht leicht eine Aufenthaltserlaubnis und können nach vier Jahren dann auch arbeiten. Allerdings dürfen sie nicht straffällig werden, und bei Dealern ist die Rechtslage besonders streng.

"Ich hab an dem Tag nichts verkauft, aber der Richter hat den Polizisten geglaubt", beklagt sich ein Mann mit einem dünnen Bartstreifen über der Wange. "Ich hab drei Jahre gesessen", erinnert sich ein kräftiger Lockenkopf mit freundlichem Gesicht, "Raubüberfall, aber das ist zehn Jahre her, ich war 21 und besoffen." Dieter Kierzynowski ist Rechtsanwalt und auf Flüchtlingsfragen spezialisiert: "Die müssen dann warten, bis das Bundeszentralregister wieder sauber ist", sagt er "das dauert zwischen fünf und 15 Jahren, je nach Höhe der Strafe. Und wenn sie wieder verurteilt werden, beginnt die Frist von Neuem."

Die Ware liegt im "Bunker" - versteckt im Gestrüpp

Davor haben die Dealer Angst. Als ein Polizeiauto näherkommt, springt ein junger Mann mit Pferdeschwanz auf: "Ein Mannschaftswagen!", ruft er und rennt ins Gebüsch. Wo sind bloß all die Päckchen geblieben? Er springt hin und her, seine älteren Kumpels gucken und grinsen. Das Auto ist längst weg. Egal, her mit dem Stoff, schnellschnell die Tütchen suchen und flüchten, womöglich kehren die Bullen um, durchsuchen das Gestrüpp und nehmen alles mit.

Niemand kommt zurück, der Junge beruhigt sich. Er lässt das Gras im Gras, stakst aus dem Unterholz hervor und schüttelt seine Hosenbeine aus. "Alles nass", jammert er, "siehst du!" Immer Aufregung.

Die Männer haben ihren Kaffee ausgetrunken und einen zweiten gleich hinterher. Nun ist gut. Sie werfen ihre Plastikbecher in den Mülleimer, der alte Mann steigt wieder auf sein Rad und fährt davon.

Kaum ist er weg, kommt ein junger Araber angeradelt. Aber er biegt um die Ecke und fährt zu einer anderen Kreuzung, an der ebenfalls Palästinenser stehen. Anderer Standort, mehr Laufkundschaft, schlechtere Fluchtmöglichkeiten. Mehr Risiko, mehr Geld. Da macht man Karriere. Die Jungs hier sind jünger, schicker. Sie belagern den Radfahrer, er verteilt Tütchen, sie bauen sich einen Joint. Ein junger Bursche mit Locken zerbröselt ein bisschen Gras in der hohlen Hand, pustet rein, es staubt grünlich. "Schlechte Qualität", grummelt er.

Was verdient ein Dealer?

Was verdient er damit? Will er nicht sagen: Er und seine Kumpels murmeln irgendwas mit 10, 20, 30 Euro am Tag, was ein untertrieben sein dürfte. Herauszufinden ist es aber nicht - wieviel Geld mit Drogen umgesetzt wird, kann ohnehin niemand sagen, "reine Spökenkiekerei", sagt Drogen-Ermittler Rüdiger Engler.

Im Park herrscht reger Verkehr zwischen den beiden Kreuzungen: Mahmout und seine Männer gucken alle paar Minuten, was die anderen Jungs machen. Und die kommen rüber, um mit ihren älteren Kumpels zu quatschen. Die Jungs reden über halblegale Nebenjobs, den Stoff, die Polizei. Die älteren Männer über Politik: Überall Juden, Demokratie gibt's nicht. Einen Plan für die nächsten Jahre hat keiner von ihnen.

Allmählich wird es dunkel. Der junge Radfahrer ist auf und davon. Die Männer verschwinden. Die Jungs bleiben. Nachtschicht. Plötzlich tauchen ein paar richtig schicke Typen auf, weiße Turnschuhe, Dragon Teddy-Bomberjacken aus glänzendem Satin. Sie schnauzen die Jungs auf Arabisch an. Die pöbeln zurück. "Unsere Cousins", raunt einer der jungen Burschen. Es fängt wieder an zu regnen. Die Cousins verduften. Der Lockenkopf spannt seinen Schirm auf. Guckt in den strömenden Regen und wartet. Kein Kunde kommt. Immerhin, auch kein Polizist.

* Name von der Redaktion geändert



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