Kriminalitätsstatistik Polizei machtlos gegen Datendiebe

Die neue Kriminalitätsstatistik verzeichnet weniger Mord und Totschlag, aber dafür einen steilen Anstieg der Computer-Straftaten. Surfen auf fremde Rechnung wurde zum Massendelikt.


Innenminister Schily: Drastische Zunahme der Computer-Kriminalität
REUTERS

Innenminister Schily: Drastische Zunahme der Computer-Kriminalität

Berlin - Die Computerkriminalität habe im vergangenen Jahr in Deutschland drastisch zugenommen, berichtete Bundesinnenminister Otto Schily, der gemeinsam mit Bremens Innensenator Kuno Böse (CDU) die Polizeistatistik für 2001 vorstellte. Demnach stieg die Zahl der Straftaten mit Computern gegenüber dem Vorjahr um fast vierzig Prozent. Besonders verbreitet sei der Diebstahl von Passwörtern und Internet-Zugangsdaten.

Schily sagte, der Anstieg bei der Computerkriminalität zeige, dass Bund und Länder in Zusammenarbeit mit der Industrie noch erhebliche Anstrengungen vor sich hätten. Böse, der zurzeit Vorsitzender der Innenministerkonferenz der Länder ist,beklagte, dass den Polizeien nicht ausreichend Mittel und Personal zur Bekämpfung von Computerkriminalität zur Verfügung stünden.

Tatort Computer: Der Datenklau treibt die Verbrechensstatistik nach oben
%[M]mm.de

Tatort Computer: Der Datenklau treibt die Verbrechensstatistik nach oben

Statt normale Polizisten in teure Fortbildungen zu schicken, müsse es möglich werden, Computer-Spezialisten einzustellen und diese auch marktüblich zu bezahlen. Allein die registrierten Fälle von Computerbetrug nahmen um 162,3 Prozent auf 17.310 Fälle zu. Der Betrug mit Zugangsberichtigungen zu Kommunikationsdiensten stieg sogar um 265,7 Prozent auf 8039 Fälle an. Dabei handelt es sich meistens um Surfen im Internet mit ausgespähten Zugangsdaten oder auf Telefonkosten anderer Internet-Benutzer.

DNS-Analysen gegen Sexualstraftäter

Um 5,2 Prozent haben auch die Sexualstraftaten deutlich zugenommen. Schily sagte, der Anstieg bei den Sexualstraftaten sei auch auf die gewachsene Bereitschaft der Opfer zurückzuführen, die Täter anzuzeigen. Bei jeder zweiten Vergewaltigung oder schweren sexuellen Nötigung wurden Bekannte oder Personen aus flüchtigen Vorbeziehungen als Tatverdächtige festgestellt. Verwandtschaftliche Beziehungen einschließlich Ehe bestanden in 16,8 Prozent der angezeigten Fälle.

Bei vollendetem und versuchtem sexuellen Missbrauch von Kindern betrug der Verwandtenanteil unter den Tatverdächtigen 12,3 Prozent. Der Anteil von Bekannten wurde mit 25,6 Prozent beziffert. Bei 45,5 Prozent konnte eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer nicht nachgewiesen werden. Insgesamt ging der registrierte sexuelle Missbrauch von Kindern im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 15.117 Fälle zurück. Gerade in diesem Bereich geht die Polizei aber von einer hohen Dunkelziffer aus.

Schily, Böse und der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) forderten, die Möglichkeiten von DNS-Analysen noch stärker zur Ermittlung der Täter einzusetzen. Mehrere entsprechende Gesetzesinitiativen liegen derzeit im Bundesrat.

Mehr jugendliche Täter

Die Zahl aller registrierten Straftaten stieg dagegen nur um 1,6 Prozent. Insgesamt wurden 2001 rund 6,4 Millionen Straftaten in Deutschland registriert. Die Aufklärungsquote lag bei 53,1 Prozent nach 53,2 Prozent im Vorjahr 2000. Während bei den unter 14-Jährigen die Zahl der Tatverdächtigen um 1,9 Prozent auf 143.045 zurückging, stieg sie bei den Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren um 1,5 Prozent auf 298.983 an.

Alltagskriminalität nimmt ab

Erhebliche Rückgänge verzeichneten die Polizeibehörden in Teilbereichen der so genannten Alltagskriminalität, die als besonders wichtig für das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung gilt. So ging die Zahl der Autodiebstähle um 9,2 Prozent zurück. Die Polizei führt dies etwa auf elektronische Wegfahrsperren zurück. Auch die Zahl der angezeigten Wohnungseinbrüche ging um 4,5 Prozent auf 133.722 zurück. Die Straßenkriminalität, die ein Viertel aller Straftaten ausmacht, stieg dagegen um 2,2 Prozent, was auf die wachsende Zahl von Sachbeschädigungen (plus 7,2 Prozent) wie etwa Graffiti-Schmierereien zurückzuführen ist.

Bei der Gewaltkriminalität wurden unterschiedliche Trends registriert. Mord und Totschlag gingen um 4,7 Prozent auf 2641 Fälle zurück. Auch die Zahl der angezeigten Raubdelikte nahm um 3,9 Prozent auf 57.108 ab. Handtaschenraub ging um 14,7 Prozent zurück, was Schily auf verstärkte Kontrollen an Bahnhöfen durch den Bundesgrenzschutz zurückführte. Die gefährlichen und schweren Körperverletzungen nahmen dagegen um 2,9 Prozent zu.

Im internationalen Vergleich zähle Deutschland aber zu den sichersten Ländern der Welt, konstatierte Schily



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.