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Kriminalstatistik: Gewalt von Mädchen nimmt rasant zu

Mehr Gewalt, mehr gefährliche und schwere Körperverletzung: Laut Statistik der Polizei stieg die Kriminalität von Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren auffällig an, vor allem auch von Mädchen. Die Gesamtkriminalität ging hingegen leicht zurück.

Berlin - Die Zahlen sind bedenklich: Die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren hat laut Kriminalstatistik der Polizei von 2006 auf 2007 um 4,9 Prozent zugenommen. Als "besonders auffällig" wurde der Anstieg bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung eingestuft, der um 6,3 Prozent anwuchs. Auch bei Mädchen habe die Gewaltbereitschaft deutlich zugenommen. Die Gewaltkriminalität weiblicher Jugendlicher stieg im Jahresvergleich von 7147 auf 7498 (4,9 Prozent).

Innenminister Schönbohm, Schäuble: "Auffälliger" Anstieg bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung
AP

Innenminister Schönbohm, Schäuble: "Auffälliger" Anstieg bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble stellte die neue Kriminalstatistik am Donnerstagmittag auf der Innenministerkonferenz in Berlin vor, zusammen mit seinem Parteikollegen, Jörg Schönbohm, dem brandenburgischen Innenminister und Vorsitzenden der Konferenz.

Der Trend wachsender Jugendgewalt setzt sich damit fort: Bereits die Polizeistatistik von 2006 meldete einen Anstieg der Gewaltkriminalität von Jugendlichen um 0,7 Prozent. Ausländische Jugendliche stellten 2007 rund 16,6 Prozent aller Tatverdächtigen. Weitaus höhere Anteile wiesen sie bei den Rohheitsdelikten und Straftaten gegen die persönliche Freiheit auf (35,5 Prozent), ebenso bei Körperverletzungsdelikten (29,2 Prozent) und bei der Gewaltkriminalität (22,6 Prozent).

Im Kriminalbericht heißt es dazu: "Diese Entwicklung zeigt, dass bei Teilen der Jugendlichen eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei gesunkener Hemmschwelle und teilweise brutalem Vorgehen festzustellen ist. Dabei erweist sich sicherlich Alkohol als Gewaltkatalysator. Zudem wird Jugendgewalt auch stark durch Gruppendynamik beeinflusst."

Schäuble sagte: "Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass es eine wachsende Neigung zur Gewalt gibt." Gefordert sei nicht nur die Polizei, sondern auch Eltern, Schulen und die Gesellschaft insgesamt. Schönbohm sagte, jugendliche Straftäter müssten so schnell wie möglich für ihre Taten zur Verantwortung gezogen werden. Dies sei Ländersache. "Wir glauben, dass da noch etwas verbessert werden kann", sagte der brandenburgische Innenminister.

Gestiegen ist auch die Straßenkriminalität. Besonders deutlich zugenommen haben 2007 die Sachbeschädigungen auf Straßen, Wegen oder Plätzen, und zwar gegenüber 2006 um mehr als zehn Prozent. Noch stärker schoss die gefährliche und schwere Körperverletzung in der Öffentlichkeit nach oben. Hier gab es einen Anstieg um 11,1 Prozent auf knapp 66.800 Fälle.

Gesamtkriminalität leicht gesunken

Ein positiveres Bild ergibt die Gesamtauswertung des Berichts: Im vergangenen Jahr sank demnach die polizeilich registrierte Kriminalität um 0,3 Prozent auf knapp 6,3 Millionen Fälle - 19.562 weniger als im Vorjahr. 1993 hatte die Kriminalität in Deutschland mit 6,75 Millionen Straftaten ihren Höhepunkt erreicht.

Zugleich habe sich die Aufklärungsquote von Verbrechen mit 55 Prozent stabilisiert, betonten die Minister - das ist der zweitbeste Wert der letzten 14 Jahre. 2006 war mit 55,4 Prozent die bisherige höchste Quote erzielt worden. Auch in einzelnen Bereichen ist die Kriminalität deutlich gesunken - verringert haben sich unter anderem:

  • die Zahl der Rauschgiftdelikte (minus 2,6 Prozent auf 248.355 Fälle);
  • die Fallzahlen beim Ladendiebstahl (minus 6,7 Prozent);
  • die Fallzahlen beim Taschendiebstahl (minus 8,8 Prozent) und
  • die Fallzahlen beim Autodiebstahl (minus 6,8 Prozent).

Erstmals sanken auch die über Jahre gestiegenen Betrugsfälle, und zwar um 4,3 Prozent auf rund 913.000. Wesentliche Ursache waren starke Rückgänge beim Beteiligungs- und Anlagebetrug sowie beim Betrug mit gestohlenen EC-Karten. Hier fruchteten stärkere Kontrollen beim Lastschriftverfahren, also dem Zahlen ohne Pin-Nummer.

Schönbohm unterstrich: "Die Sicherheit in unserem Land und insbesondere das Sicherheitsgefühl der Menschen werden maßgeblich von der sogenannten Alltagskriminalität bestimmt. Ein Rückgang der Straftaten ist daher ebenso wie eine weiterhin hohe Aufklärungsquote ein Beitrag zu mehr Sicherheit." Laut Schäuble belegen die Zahlen, dass Deutschland "nach wie vor eines der sichersten Länder der Welt" sei.

Polizeigewerkschaft warnt vor wachsender Gewalt

Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, warnte indes vor wachsender Gewalt in Deutschland. Es gebe täglich ungefähr 1600 Gewaltdelikte bundesweit, davon rund 70 Übergriffe auf Polizisten, sagte er im ZDF-"Morgenmagazin". Das mache deutlich, dass es eine gefährliche Entwicklung gebe.

Zwar sei in vielen Bereichen, darunter auch bei Sexualdelikten, die Sensibilität in der Bevölkerung größer als noch vor einigen Jahren. Aber schwere Gewaltstraftaten seien schon immer angezeigt worden. Die Zunahme in diesem Bereich sei tatsächlich vorhanden.

Auch bei Straftaten im Internet, etwa bei Kinderpornographie, ist laut Freiberg eine Zunahme an Delikten zu verzeichnen. Dort fänden sich mittlerweile "Tausende von Tätern". Generell sei das Internet ein Kommunikationsforum für viele Straftaten, darunter Kinderpornographie, Terrorismus und Geldwäsche. Deswegen müsse die Polizei technisch besser ausgerüstet werden. "Das ist völlig unzureichend, was die Polizei da zur Verfügung hat", sagte Freiberg.

ssu/AFP/dpa/ddp

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