Chaos im Parteivorstand: Piraten rufen nach Comeback von Marina Weisband

Für die Piraten wird es eng, laut einer aktuellen Umfrage scheitern sie an der Fünf-Prozent-Hürde. In ihrer Verzweiflung fordern Wahlkämpfer in den Ländern nach SPIEGEL-Informationen eine Rückkehr von Marina Weisband an die Spitze. Die junge Politikerin erwägt tatsächlich ein Comeback.

Krise der Piraten: Eine richtig gute Truppe? Fotos
dapd

Hamburg - Monatelang fetzte sich der Piratenvorstand, zwei Mitglieder schmissen hin. Und der für seine skurrilen Selbstinszenierungen im TV bekannten Geschäftsführer Johannes Ponader musste gerade seinen Auftritt bei Stefan Raab absagen. In der Verzweiflung werden in der Partei nun die Rufe nach einem Comeback der früheren Politischen Geschäftsführerin Marina Weisband lauter.

Besonders die wahlkämpfenden Landesverbände würden eine Rückkehr Weisbands an die Parteispitze begrüßen. "Es wäre super, wenn Marina antreten würde, für den Bundestag oder ein Parteiamt", sagte Andreas Neugebauer, Piraten-Chef in Niedersachsen, dem SPIEGEL. Ähnlich sieht es der bayerische Vorsitzende Stefan Körner, der im September in den Landtag einziehen will: "Marina hat dafür gesorgt, dass die Piraten ein ansprechendes Gesicht hatten. Auf diesen Vorteil verzichtet man ungern."

Marina Weisband, die sich vor einem halben Jahr von der Parteispitze zurückgezogen hatte, sagte dem SPIEGEL, dass der Druck auf sie wachse: "Die Rufe nach mir nehmen zurzeit sehr zu." Weisband erwägt nun eine Rückkehr in die Bundespolitik. "Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde", sagte sie. "Es gibt keine Fraktion, die mich scheiße findet. Und mit 33.000 Followern auf Twitter bin ich die Piratin mit der größten Reichweite."

Weisband hatte Anfang des Jahres erklärt, sie werde bei der nächsten Wahl zum Bundesvorstand im Mai nicht mehr für ihr Amt zur Verfügung stehen. Die 24-Jährige kündigte damals an, weiter "aktiv" bei den Piraten mitarbeiten zu wollen, sie wolle "unsere Politik und unsere Vision mitgestalten". Als Grund führte die damalige Psychologie-Studentin aus Münster an, "dass ich es in letzter Zeit gesundheitlich nicht schaffe, euch ein so zuverlässiger Bundesvorstand zu sein, wie ihr es verdient. Ich muss neben der Parteiarbeit ja auch mein Diplom stemmen. Das ist für eine Person zu viel."

Weisband hatte weiter erläutert, sie wolle sich "nicht auf die gefährliche Schiene des Berufspolitikers begeben, der seine Berufsqualifikation zugunsten seiner politischen Laufbahn aufgibt."

Piraten unter der Fünfprozentmarke

Bis Anfang Januar will Weisband nun entscheiden, ob sie bei der Wahl 2013 für den Bundestag kandidiert. Derzeit würden die Piraten den Einzug ins Parlament verpassen. Die Partei fällt einer Umfrage zufolge bei den Wählern zunehmend in Ungnade. Im aktuellen Sonntagstrend des Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag der Zeitung "Bild am Sonntag" scheitern die Piraten ebenso wie die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde. Sie verloren einen Prozentpunkt und kommen nur noch auf vier Prozent. Diesen Anteil erreichen auch die Liberalen - genau wie in der Vorwoche. Zulegen konnten die Grünen, die einen Punkt auf 13 Prozent gewinnen. Die Union bleibt bei 38 Prozent, die SPD bei 29 Prozent, die Linkspartei bei acht Prozent. Emnid befragte dem Blatt zufolge vom 25. bis zum 30. Oktober insgesamt 2352 Personen.

Die Piraten sind seit Wochen nach heftigen innerparteilichen Querelen im Stimmungstief, schon Ende Oktober rauschten sie im ZDF-Politbarometer unter die Fünfprozenthürde. Zuletzt hatte sich die Partei vor allem mit Personalquerelen beschäftigt, anstatt inhaltlich zu arbeiten. So legten Julia Schramm und Matthias Schrade ihre Ämter als Beisitzer im Bundesvorstand der Partei nieder.

Während Schramm von einer persönlichen und grundsätzlichen Entscheidung sprach ("Aus dem Ehrenamt Politik ist ein Beruf geworden, den ich so nicht ausüben möchte"), begründete Schrade dies mit einem tiefen Konflikt mit dem politischen Geschäftsführer Ponader. "Die Situation im Bundesvorstand ist durch Johannes' Alleingänge zuletzt immer schwieriger geworden und behindert seit längerem die Arbeit des BuVos (Bundesvorstands - d. Red.) als Team", schrieb Schrade in seinem Blog. "... ich halte es inzwischen schlicht nicht mehr aus."

Ponader sorgt seit Monaten für Unruhe in der Piratenspitze. An dem politischen Geschäftsführer Ponader hatte es unter anderem heftige Kritik wegen einer umstrittenen Spendenaktion zu seinen Gunsten gegeben. Der Bundesvorstand zeigte sich zuletzt tief zerstritten. Parteichef Bernd Schlömer hatte Ponader öffentlich aufgefordert, "mal zu arbeiten, anstatt Modelle vorzustellen, die die Berufstätigkeit umgehen".

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cbu/Reuters

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insgesamt 323 Beiträge
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1.
niska 04.11.2012
Zitat von sysopFür die Piraten wird es eng, laut einer aktuellen Umfrage scheitern sie an der Fünf-Prozent-Hürde. In ihrer Verzweiflung fordern immer mehr Mitglieder eine Rückkehr von Marina Weisband an die Spitze. Nach SPIEGEL-Informationen erwägt die junge Politikerin tatsächlich ein Comeback. Krise bei den Piraten: Rufe nach Weisband werden lauter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/krise-bei-den-piraten-rufe-nach-weisband-werden-lauter-a-865160.html)
Das würde ich sehr begrüßen. Als Fraktionschefin im BT und/oder als PolGF.
2. Sie wird schon...
Bernd498 04.11.2012
.... eine fast richtig etablierte Politikerin: "Die Rufe nach mir nehmen zurzeit sehr zu." Weisband erwägt nun eine Rückkehr in die Bundespolitik. "Für die Piraten wäre es wohl das Beste, wenn ich wieder antreten würde", sagte sie. "Es gibt keine Fraktion, die mich scheiße findet. Und mit 33.000 Followern auf Twitter bin ich die Piratin mit der größten Reichweite." Ich werde gerufen. Ich bin sooo beliebt. Die Partei braucht mich. Hallo, Piraten, willkommen an Bord des Parteien-Polittheaters und der eitlen Selbstdarstellung. Nur: Ihr habr den Kahn nicht geentert, sondern werdet selbst geentert. Sei's drum.
3. Da ist ein Sack in China umgefallen.....
strombelberg 04.11.2012
....wer berichtet als Erster drüber? Der Spiegel.......
4. Das Ruder herumreissen.
pantapan 04.11.2012
Dafür ist es, meiner Meinung nach, zu spät. Die Piraten sind Geschichte und haben sich das selbst auf ihre Fahne zu schreiben. Der Markenname ist verbrannt. Die Mehrheit der Bevölkerung lässt sich ausschließlich von seriösen Politikern verkohlen und irreführen. Offensichtliche Spinner haben da keine Chance!
5. Freue mich schon
abominog 04.11.2012
auf den auftritt von lady weisband bei stefan raab. sorry ponader, aber die dame hat echt bessere chancen, die 100k am ende der sendung zu gewinnen. als gentleman gilt ohnehin ladies first, nicht wahr?
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