Krisen-Psychologie "Krasse Verkennung der Realität"

Susanne Osthoff spielt mit dem Gedanken, wieder in den Irak zurückzukehren. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Psychologe Georg Pieper, der auf die Behandlung von Trauma-Opfern spezialisiert ist, über mögliche Motive der Archäologin.


SPIEGEL ONLINE:

Susanne Osthoff will trotz wochenlanger Verschleppung und Lebensgefahr wieder in den Irak. Wie bewerten Sie diesen Plan?

Pieper: Vermutlich wäre es für Susanne Osthoff eine ungeheure persönliche Niederlage, jetzt nach Deutschland zurückzukehren. Sie hat sich, nach allem was in den Medien berichtet wurde, von Deutschland deutlich abgewendet, etwas Neues aufgebaut und lebt seit Jahren im Irak. Sie müsste also bei Null anfangen, wenn sie nach Deutschland zurückginge. Das kann sie sich von ihrer Psyche her offenbar nicht leisten. Es gibt aber einen weiteren Gesichtspunkt: Als Opfer einer Entführung hat sie einen extremen Kontrollverlust erlitten, was wahrscheinlich eine deutliche Traumatisierung nach sich ziehen wird. Dem versucht sie sich zu entziehen, in dem sie betont, die Situation selbst zu kontrollieren, und sich vieles schönredet.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich das?

Pieper: Ich finde es sehr auffällig, dass sie in dem al-Dschasira-Fernsehinterview betont, sie habe den Entführern gesagt, Muslimin zu sein und dass sie von den Kidnappern an eine Botschaft übergeben werden müsse. So, als habe sie alles im Griff gehabt. Dadurch wird ein solches Ereignis, diese Verschleppung, weniger schlimm. Trotzdem handelt es sich um einen extremen Realitätsverlust. Wahrscheinlich spielen bei Osthoffs Entscheidung, wieder in den Irak zu gehen, aber auch innerfamiliäre Konflikte eine Rolle, die ich aus der Distanz nur vermuten kann.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Vermutungen?

Pieper: Osthoff hat sich jahrelang nicht bei ihren Eltern gemeldet, sie scheint in Deutschland keinen guten Boden zu haben, auf den sie zurückkehren kann, da deutet vieles auf einen familiären Bruch hin. Man hätte doch auch erwartet, dass sie sich nach der Freilassung bei ihrer Familie, der Bundesregierung und der deutschen Öffentlichkeit bedankt. Die Bilder ihrer zu Tränen gerührten Angehörigen werden ihr nicht entgangen sein. Dass sie darauf nicht reagiert, deutet auf eine emotionale Verhärtung, deren Ursache ich nicht erklären kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Zeichen, dass sich Osthoff ausgerechnet im arabischen Fernsehen erstmals über ihre Entführung äußert?

Pieper: Auf jeden Fall bezieht sie eindeutig Stellung. Sie tritt bei al-Dschasira auf, trägt ein Kopftuch - das wirkt alles nicht sehr europäisch. Allein von ihrer äußeren Erscheinung distanziert sie sich damit von der westlichen Kultur. 'Ich gehöre hier hin, habe mit Deutschland nichts mehr zu tun und bin auf einem anderem Weg' - diese Aussage könnte hinter ihrem Auftritt stecken.

SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise ein bewusster Schritt, um nicht noch einmal in die Hände von Kidnappern zu fallen?

Pieper: Nennen wir es Scheinkontrolle, Scheinsicherheit. Sie will sich sicher sein, keine Angst haben zu müssen, wenn sie in den Irak geht. Dabei handelt es sich aber um eine krasse Verkennung der Realität. Auch als Muslimin ist sie im Irak in Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: In dem al-Dschasira-Interview spricht Osthoff positiv über ihre Entführer, es handle sich nicht um Kriminelle, sondern um "arme Menschen", das Leben mit ihnen sei besser gewesen "als an vielen Orten, die ich besucht habe". Überrascht Sie diese Sympathie für die Kidnapper?

Pieper: Überhaupt nicht. Man erlebt es häufig, dass Entführungsopfer Verständnis für ihre Kidnapper haben, sogar Sympathie entwickeln. Sie bezieht die Entführer offensichtlich ein in die Gruppe von Menschen, denen nur sie helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist Osthoffs Plan, in das Land zurückzukehren, psychologisch betrachtet ein gesunder Entschluss?

Pieper: Trauma-Opfer werden in Therapien häufig eben jenen Situationen ausgesetzt, die ihnen Angst machen, um diese Angst zu überwinden. Das ist aber nur dann sinnvoll, wenn keine objektive Gefahr besteht. Für Osthoff ist und bleibt der Irak gefährlich. Deswegen ist es dumm und aus psychologischer Sicht nicht zu rechtfertigen, in den Irak zurückzukehren. Bei manchen Menschen gibt es diesen Mechanismus, die Gefahr zu suchen, um eine Traumatisierung ungeschehen zu machen. Es ist ein gefährlicher Mechanismus. Viele Menschen haben dabei schon absoluten Schiffbruch erlitten.

Das Interview führte Björn Hengst



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