Krisengebiet Ostdeutschland Bürgermeister Meistring führt Krieg

Er war Matrose, Hundezüchter, Arbeiterjugendsekretär - heute ist er Bürgermeister in Löcknitz: Am äußersten Rand Mecklenburg-Vorpommerns stemmt sich Lothar Meistring erfolgreich gegen die Landflucht. Jetzt muss er fürchten, dass ihm die NPD alles wieder kaputtmacht.

Von , Löcknitz

Jonathan Stock

Vor einer Weile holte sich Lothar Meistring einen Schäferhund aus dem Strafvollzug. Einen Knochenbrecher, den hätten die nicht fertigbekommen, sagt er. Ein guter Hund muss wissen, wer der Herr ist, findet Meistring, ein guter Hund braucht einen guten Hundeführer. Er hat ihm ein Stachelhalsband umgelegt, er hat mit ihm gekämpft. Je schneller er lernt, desto weniger muss er sich quälen. Am Ende bluteten beide.

Wenn man Lothar Meistring fragt, ob Löcknitz sein Königreich ist, dann sagt er: Natürlich. Seit neun Jahren regiert er hier als Bürgermeister, bei seiner ersten Wahl bekam er 83 Prozent. Aber was ist schon ein Titel, wenn man regiert. Im Ort sagen sie über ihn, er sei immer auf dem Posten. Beim Fußball wäre er lieber Schütze, trotzdem steht er im Tor. Wenn es nach Schwerin geht, der Förderanträge wegen, fährt er 240 Stundenkilometer. Wenn er sitzt, hat man das Gefühl, er steht. Und wenn er redet, redet er schnell, weil er Wichtiges zu sagen hat. Er hat manchmal einen hohen Blutdruck, und er sagt, er brauche auch einen hohen Blutdruck. Er trinkt Kaffee.

Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig, sagt Meistring. Kleinvieh macht auch Mist, sagt Meistring. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, sagt Meistring. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sagt Meistring. Wenn ich Krieg führe, dann muss ich eine Chance haben, ihn zu gewinnen, sagt Meistring. Er will kein Don Quijote sein, der gegen Windmühlen kämpft. Er will die Windmühle sein.

Krieg gegen den Abstieg

Meistring führt Krieg im äußersten Südosten Mecklenburg-Vorpommerns, zehn Kilometer vor der polnischen Grenze. Es ist ein Krieg gegen den Abstieg. Seine Waffen sind Anträge. Hier heißen die Dörfer Boock und Grambow, Plöwen und Wollschow. Und Löcknitz eben, sein Dorf, sein Königreich. Es ist eine Gegend, die auf den Karten demografischer Institute dunkelrot gefärbt wird, egal, ob es um Arbeitslosigkeit, Einwohnerzahlen oder NPD-Anhänger geht. Jeder vierte ist arbeitslos, jeder fünfte wählt die NPD.

Wenn es um die NPD geht, dann verrutscht Meistring manchmal die Sprache, dann ist er mehr Hundezüchter als Bürgermeister. "Prägungsphase" nennt er die Zeit bei Jugendlichen, wenn die sich als Nazis geben, ohne zu wissen, was der Holocaust ist, den sie verleugnen. Dann entscheidet es sich, ob sie rechts oder links liegen werden, wie Hundezüchter sagen. Wenn sie rechts liegen, sind Hunde Beißer, die schlimmsten sind Hackenbeißer. Wenn sie links liegen, sind sie gut auszuhalten. In der Regel. Als Hund wäre Meistring ein Linker. Als Mensch auch.

"Ihr Bonzen fahrt die großen Autos," schrien sie ihm mal entgegen mit seinem Ford Scorpio. Da hat er sich einen geschnappt. Er hat sich vor ihn hingestellt und gefragt: "Weißt du was? Als ich so alt war wie du, da hatte ich ein gebrauchtes Fahrrad. Aber ich habe mir Mühe gegeben im Leben. Und wenn ihr mal wollt, dann könnt ihr mich gerne anrufen. Ihr kennt mich ja. Dann komm ich zu euch und dann reden wir mal, wie man vom Fahrrad zum Ford Scorpio kommt." Man muss mit den Rechten reden, meint er, nicht über sie, man muss früher an sie ran. Aber sie haben ihn nie angerufen. Vielleicht hatten sie Angst.

Das mag er - Leute sprachlos machen

Meistring meint, im Betragen hatte er immer die schlechteste Note. 14 Tadel schrieben die Lehrer in sein Zeugnis. Aber er hatte sechs Geschwister, verteidigt er sich, er musste sich durchsetzen. Einmal soll er sich mit der Polizeieinsatzleiterin geprügelt haben, weil die ihm mit ihren Streifen sein Dorffest kaputtmachen wollte. Drei Polizisten mussten ihn überwältigten, um ihm Handschellen anzulegen. Sein Anwalt meinte, vor Gericht sollte er lieber still sein, aber auch das hat nicht so gut geklappt. Die Zeitungen schrieben darüber.

Er hat Oberarme, wie man sie bekommt, wenn man auf Hochseekuttern Dorsche schlachtet. Denn das hat er getan, jahrelang. Er war Vollmatrose der Hochseefischerei. 26 Stunden hintereinander arbeiten, dann Ruderwache gehen: Das hat Meistring gefallen, aber nicht gereicht. Er wurde Facharbeiter für Datenverarbeitung, erst Sortierer, dann Schichtleiter für den Robotron R300, den schnellsten Computer seiner Zeit - zumindest in der DDR, Ende der sechziger Jahre.

Er wurde Arbeiterjugendsekretär der FDJ, er vermietete seine Wohnung für konspirative Zwecke an die Stasi. Dass seine Akte heute nur drei Blatt umfasst, macht ihn traurig. "Ich hab mehr für den Staat DDR getan, als da drinsteht.", sagt er. Als die Wende kam, sammelte er persönlich die Parteiausweise ein und wenn ein Freund in den Westen hätte abhauen wollen, hätte er ihn nicht gelassen. "Das war Feindesland", sagt Meistring. Er steht dazu und schimpft auf andere, die heute in der CDU sind und ihre SED-Vergangenheit leugnen. Aber als die Stasi-Beauftragte des Landes ihn anrief und fragte, ob man denn mal eine Stasi-Ausstellung machen könne in Löcknitz, da sagte er: "Natürlich, und ich eröffne die Ausstellung auch." Das mag er gern, Leute sprachlos hören.

Unter Bürgermeister Meistring wächst Löcknitz wieder

Nach der Wende verkaufte Meistring Versicherungen, weil er irgendetwas machen musste. Er war nicht glücklich damit, er war auch nicht gut, weil er den Leuten keinen Schrott verkaufen wollte. Und dann wurde er das, was er neben Hundezüchter und Vollmatrose vielleicht am Besten kann: Bürgermeister.

Er erlebte wie in Löcknitz das Bauelementewerk schloss, der NVA-Standort und die Konsumgenossenschaft. Ein Viertel der Bevölkerung zog in den Westen, die Jungen, die Frauen, die gut Ausgebildeten und vor allem die jungen, gut ausgebildeten Frauen. Der Rest, der dablieb wurde arbeitslos oder schlug sich irgendwie durch, am Ende von Deutschland.

Aber vielleicht dachte Meistring, müsste man Löcknitz gar nicht als das Ende von Deutschland sehen, sondern als den Anfang Polens. 20 Kilometer weiter liegt Stettin, mit 400.000 Einwohnern die größte Stadt Westpommerns. Noch bis Kriegsbeginn fuhren die Stettiner nach Löcknitz in den Urlaub. Meistring machte Werbung für Löcknitz im polnischen Fernsehen, er stellte Förderanträge bei der EU, er ließ den Neuen im Ort erklären, wie man ein Gewerbe oder die Müllabfuhr anmeldet.

Heute geht es Löcknitz gut, zumindest besser als seinen Nachbarn. Der Ort wächst, als einziger in der Gegend, dank der Polen. Die 3200 Einwohner haben die Infrastruktur einer Kleinstadt, mit einem deutsch-polnischen Gymnasium, einer neuen Kindertagesstätte, einer Regionalschule, einer Sonderschule, einer Bibliothek, einer Sparkasse, drei großen Supermärkten, einem Jugendclub und einer sanierten Badeanstalt. Der Netto hat am Samstag noch bis 21 Uhr auf. Der Kindergarten ist voll. Es gibt zwei Neubaugebiete.

Meistring ist jetzt nicht mehr bei der SED, sondern bei den Linken. Er regiert zusammen mit der CDU. Die Koalition läuft gut. NPD und SPD sitzen in der Opposition. Nach Löcknitz kommen die Polen wieder, um dort Urlaub zu machen, oder sie kaufen bei Netto Gummibärchen und Blumenerde ein, weil es günstiger ist. Oder sie gründen eine Fabrik oder sanieren Villen, die jahrelang leergestanden haben.

Die NPD macht Wahlkampf gegen die "Poleninvasion"

Manche kaufen sich auch gleich ein Haus, weil die Häuser in Stettin doppelt so teuer sind, und pendeln zur Arbeit nach Polen. Auf dem Rückweg kommen sie an den Deutschen vorbei, die nach Stettin zum Feiern fahren. Das geht besser als in Vorpommern.

Aber Meistring weiß nicht, ob er den Kampf gewinnt. Die NPD erreichte bei der jüngsten Landtags- und Kreistagswahl im September zwanzig Prozent der Stimmen. Vor zwei Jahren plakatierte sie: "Poleninvasion stoppen!" Meistring ließ die Plakate abhängen, noch bevor sie gerichtlich verboten wurden.

Manche im Ort bezeichnen ihn als einen Polenfreund, viele sind nicht einverstanden mit seiner Politik, sie haben Angst, dass die Polen ihnen ihre Arbeit wegnehmen, selbst wenn das nicht stimmt. Oder sie haben Angst, weil es jetzt zwar besser ist, aber anders. Einige Polen wollen wieder wegziehen, sie sagen, die Leute im Ort verstehen den Meistring nicht, sie sehen nicht, dass es dem Ort besser geht als vorher.

Aber aus Erfolg wird Neid, sagt Meistring, aus Neid wird Hass.

Vielleicht verliert er den Kampf. Auch wenn er Kämpfe anfängt, um sie zu gewinnen. Er züchtet seit 40 Jahren Hunde, er weiß eigentlich, wie das geht. Aber den Schäferhund, den er aus dem Strafvollzug geholt hat, den hat selbst er nicht fertigbekommen. Er biss immer wieder, er schnappte nach seinem eigenen Sohn im Kinderwagen. Meistring war das Risiko zu groß. Er gab ihn weg. Später starb er angeleint an einem Hitzschlag. Dabei war es ein preisgekrönter Rüde, für die Zucht ausgewählt.



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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
kuddel37 29.12.2011
1. .
Zitat von sysopEr war Matrose, Hundezüchter, Arbeiterjugendsekretär - heute ist er Bürgermeister in Löcknitz: Am äußersten Rand Mecklenburg-Vorpommerns stemmt sich Lothar Meistring erfolgreich gegen die Landflucht. Jetzt muss er fürchten, dass ihm die NPD alles wieder kaputtmacht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,804808,00.html
"Ihm" wird also alles kaputt gemacht. Anscheinend hat er manchen Wählern so manches geschaffen, was diese in dieserArt gar nicht haben wollten. Wenn jetzt andere gewählt werden ist das das recht des Wählers um diese Dinge, die nicht gewollt sind,zu korregieren.
uchawi 29.12.2011
2. Querköppe statt Wendehälse
Solche Querköppe sind mir in der Politik allemal lieber als die Parteigänger, die jeden morgen mit einer neuen Meinung aufstehen, nur nie mit einer eigenen. Dass man im äußersten Osten Deutschlands gegen jede Menge Vorurteile (und auch manche gerechtfertigte Aversion) anrennt, wenn man Polen in die Gemeinde zieht, hat er sicher vorher gewusst. Dass er 's trotzdem versucht hat, selbst auf die Gefahr hin, sich (auch im nicht übertragenen Sinne) eine blutige Nase zu holen, ehrt ihn. Und dass rechte Brandstifter gegen so eine Politik Alarm machen und auch noch Erfolg damit haben, ist nicht die Schuld eines Bürgermeisters und seiner unorthodoxen Methoden, sondern ein allgemeines Versäumnis in der Bildungs- und Sozialpolitik unseres Staates. In leeren Teenagerköpfen hallt "Polen raus" eben besonders laut wieder. Und wer keine Arbeit hat, braucht wenigstens ein Feindbild ...
huettenfreak 29.12.2011
3. Was kommt nach Herrn Meistring?
Das liest sich ja soweit alles ganz gut was er für den Ort bislang gemacht hat. Obwohl mir parteilose BM generell besser gefallen. Wenn der ganze Erfolg jedoch an einem Mann hängt muss man sich schon fragen was denn nach der Meistring-Zeit kommt. Ich finde es traurig dass sich die "etablierten" Parteien immer mehr aus der dünn besiedelten Fläche zurückziehen. Dann muss man sich nicht wundern wenn die Rechten, im Übrigen mit überschaubarem Aufwand, genau dort ansetzen. Aber wie der Vorschreiber schon sagte, es ist vollkommen o.k. wenn Bürger auf dem Wahlzettel dort ihr Kreuz machen wo es ihnen am besten gefällt. Wenn die NPD irgendwann verboten ist stellt sich diese Frage ja nicht mehr.
Peterchen01 29.12.2011
4. Missverstanden
Zitat von kuddel37"Ihm" wird also alles kaputt gemacht. Anscheinend hat er manchen Wählern so manches geschaffen, was diese in dieserArt gar nicht haben wollten. Wenn jetzt andere gewählt werden ist das das recht des Wählers um diese Dinge, die nicht gewollt sind,zu korregieren.
Wie schön es wäre, wenn die NPD dieses Recht auch wie vorgesehen in Anspruch nähme. Die NPD und ihre braune Anhängerschaft hat aber so eine unnachahmliche Art Dinge kaputt zu machen, ohne auch nur in den Bereich einer ernsthaften Legitimierung durch den Wähler gekommen zu sein. Im Artikel steht ein schönes Beispiel, wie man Zugezogene vergrault.
miruwa 29.12.2011
5.
Schön auch mal andere Dinge aus Deutschlands Nordosten zu hören. Was der Herr Meistring sonst so treibt, weiss man nun natürlich nicht. Aber zumindest wirkt er hier engagiert und scheint ja auch Erfolg zu haben. In vielen Dörfchen hier im Westen geht es stetig abwärts und man wählt nur regelmäßig einen neuen langweiligen Verwalter des Abschwungs.
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