Krisengebiet Ostdeutschland: Frau Haubold reißt ihren Kindheitstraum ab

Von Jonathan Stock, Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt war der Stolz der DDR, die "erste sozialistische Stadt" vom Reißbrett, modern, hell, eine Offenbarung für die Bewohner. Gabriele Haubold und ihre Familie zählten damals zu den ersten Bürgern. Heute arbeitet sie als Architektin und reißt den Traum ihrer Kindheit ab.

Eisenhüttenstadt: Vorreiter im Schrumpfen Fotos
Jonathan Stock

Gabriele Haubold kann sich an die Zeit erinnern, als Eisenhüttenstadt ein Versprechen war: eine Stadt ohne die Narben des Krieges, ein eigenes Kinderzimmer an der Straße der Republik, Licht in den Wohnungen und Birken im Hof. Wenn sie erzählt, klingt es wie ein Traum, den nur wenige erleben dürfen - in einer Stadt Kind zu sein, die erschaffen wird.

Sie reiste als junges Mädchen aus Chemnitz nach Eisenhüttenstadt, das bis in die sechziger Jahre noch Stalinstadt hieß. Chemnitz war grau, zwei Drittel vom Krieg zerstört. Dort lebte sie mit ihren Eltern im selben Zimmer. Bad und Küche teilte sie mit allen Familien im Haus.

Eisenhüttenstadt hatte Fernwärme, Badezimmer, Küche und Garten für jede Familie. Es war der Stolz der DDR, die "erste sozialistische Stadt", in ein paar Monaten aus dem Heideboden gestampft. Eine Offenbarung für sie und ihre Familie, sagt Gabriele Haubold.

Heute reißt sie diese Offenbarung ab.

Sie arbeitet im zweiten Stock des Rathauses, Zentraler Platz Eins, Fachbereich Fünf: Stadtentwicklung. Schaut sie aus dem Fenster des Sekretariats, sieht sie die alte Straße ihrer Kindheit. Sie wird saniert, ihre Eltern müssen bald ausziehen. Schräg gegenüber steht das verfallene Hotel Lunik, manchmal darf seine abblätternde Fassade als Kulisse dienen - für Filmstudenten, die abblätternde Fassaden interessant finden.

Ein Name wie ein Brandzeichen

Im Rathaus ist es still an diesem Freitagmittag. Auf den leeren Fluren fühlt es sich einsam an, wie auf den leeren Straßen der Stadt. Nur die Tasten des Computers klicken unter Haubolds Fingern. Die Titel auf dem Bildschirm klingen so verheißend, dass es schmerzt: "Zukunft als vernetzte Stadtlandschaft", "Vom Industriezentrum zum Innovationsstandort", "Raum für Generationen". Man hat vergeblich versucht, der Unmöglichkeit Namen zu geben. Deutlicher schrieb es ein Unbekannter mit großen hellblauen Buchstaben an die Außenwand des Bahnhofs: "Ich bin kein Rassist. Ich hasse euch alle."

Stadtentwicklung in Eisenhüttenstadt ist wie ein Zauberwürfel mit lauter grauen Seiten. Ein Traum für Stadtplaner, weil es so viel zu tun gibt, und ein Alptraum, weil es für so viel keine Lösung gibt. Wie wollen sie eine Stadt entwickeln, die nicht im Mittelalter um eine Kirche gewachsen ist, sondern 1950 als erweiterter Hochofen befohlen wurde? Eine Stadt, deren Viertel "Wohnkomplexe" heißen und sich nur durch Nummern unterscheiden? Eine Stadt, deren Name selbst wie ein Brandzeichen wirkt?

Gabriele Haubold hat versucht, die Stadt zu entwickeln, seit mehr als 30 Jahren. Das Bauen liegt in ihrer Familie, sagt sie. Sie arbeitet als Architektin, ihr Vater arbeitete als Architekt, ihre Schwester als Statikerin. Vor der Wende empfing sie Anweisungen vom Wohnungs- und Gesellschaftsbaukombinat, nach der Wende von der Stadtverwaltung. Sie plante für die letzten Neubauten und für den ersten Abriss.

Früher hieß Entwicklung: wachsen - heute heißt es: schrumpfen

Entwicklung hieß für sie lange zu wachsen. Ende der achtziger Jahre lagen die Prognosen für Eisenhüttenstadt bei 80.000 bis 100.000 Einwohnern. Sieben Wohnkomplexe gab es, und der achte sollte bald kommen. Heute sind es gerade noch 30.000 Einwohner, 2020 sollen es unter 24.000 sein, und den siebten Wohnkomplex gibt es nicht mehr. Entwicklung heißt jetzt zu schrumpfen.

Haubold versucht, das positiv zu sehen. Sie sagt, dass Eisenhüttenstadt im Schrumpfen Vorreiter sei. Sie geht davon aus, dass in zehn Jahren Städte im Westen kleiner werden, deren Verwaltungen darüber noch nicht nachdenken. Die sich verhalten, wie sich Politiker Eisenhüttenstadts Mitte der neunziger Jahre verhielten: ungläubig, trotz aller Statistik.

Damals wurden Haubold und ihre Kollegen von Stadtverordneten beschimpft, als sie für 2015 vorsichtig von 45.000 Einwohnern ausgingen. "Was soll das? Wie könnt ihr es wagen, die Stadt runterzurechnen?", fragten die Politiker sie. Damals wies das Land Fördermittel für Neubaugebiete aus. Es waren die ersten Häuser, die später leerstanden.

Weniger sanieren, mehr abreißen

Laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung könnte es in Deutschland im Jahr 2100 ohne Zuwanderung so viele Menschen geben wie zuletzt Anfang des 19. Jahrhunderts: 25 Millionen. Aber auch mit einer Zuwanderung von 200.000 Menschen im Jahr verliert Deutschland nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts bis 2050 zehn Millionen Menschen. Verlassene Dörfer und geschrumpfte Städte wären dann eine bundesdeutsche Realität.

Gabriele Haubold hätte Recht behalten mit Eisenhüttenstadt als Vorreiter im Schrumpfen, einer Art Labor für alle Städte, die es noch vor sich haben. Drei Punkte gebe es in diesem Labor zu lernen: abreißen, sanieren, Identität.

  • Beim Abreißen hat Eisenhüttenstadt vieles richtig gemacht, auch wenn die Bilder von wühlenden Baggern um einsame Grundschulen viele im Westen erschreckten. Bis Ende des Jahres werden in Eisenhüttenstadt 5526 Wohnungen verschwunden sein. Eine wirkliche Alternative dazu gibt es nicht. Leerstand kostet auf Dauer mehr Geld als der Abriss, der mit mehr als 14 Millionen Euro subventioniert wurde.
  • Beim Sanieren hätte Haubold nachträglich gerne auf einige Straßenzüge verzichtet. Mehr als 3000 Wohnungen wurden saniert. Wenn man saniert, sagt Haubold, steigt die Miete, wenn man nicht saniert, steigen die Betriebskosten. Und selbst die ersten sanierten Wohnungen von 1993 erfüllen schon heute nicht mehr den Energiestandard. Irgendwann wird keiner mehr in ihnen wohnen wollen, weil die Heizkosten zu teuer werden. Zu wenig Menschen für zu viele Wohnungen. Also: weniger sanieren, mehr abreißen.

    Sie hoffen jetzt in der Stadt auf den Zuzug der Alten aus den umliegenden Dörfern, denen das Leben auf dem Land zu beschwerlich wird. Der Tod der Dörfer wäre dann eine aufgeschobene Rettung für den Leerstand Eisenhüttenstadt.
  • Der letzte Punkt, die Identität einer Stadt, ist vielleicht der wichtigste und gleichzeitig der schwerste. Identität ist für jeden etwas anderes, aber sie hält einen und sie zieht einen zurück. Die alten Eisenhüttenstädter im Werk identifizieren sich mit der Stadt, die sie aufbauten und die jetzt abgerissen wird. Den neuen ist es egal, und mit Glück können sie auch Hässlichkeit schön finden.

Für junge Menschen wurde neben Kita und Jugendclub wenig getan, aber die Stadt hat sich darum bemüht, für die Alten wieder ein paar Orte der Identifikation zu schaffen, zum Beispiel die Gaststätte "Aktivist", wo früher die Arbeiter getanzt haben. Viele der Alten sagen: "Das ist wie früher." Und dann gehen sie zurück in den Garten. Vielleicht kann man Identität nicht bauen. Vielleicht ist es immer eine Spurensuche, die erst mit dem Verlust beginnt.

Für Gabriele Haubold ist Identität der Oder-Spree-Kanal, an dem sie als Mädchen Krebse fing. Und der Wohnkomplex VI, in dem sie wohnt, neben der Insel, deren Dschungel sie damals dazu einlud, Abenteuer zu erleben. Als Eisenhüttenstadt ein Versprechen war: eine Stadt ohne die Narben des Krieges, ein eigenes Kinderzimmer an der Straße der Republik, Licht in den Wohnungen und Birken im Hof.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wohnen und Arbeiten!
angara 02.01.2012
Zitat von sysopEisenhüttenstadt war der Stolz der DDR, die "erste sozialistische Stadt" vom Reißbrett, modern, hell, eine Offenbarung für die Bewohner. Gabriele Haubold und ihre Familie zählten damals zu den ersten Bürgern. Heute arbeitet sie als Architektin und reißt den Traum ihrer Kindheit ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806327,00.html
War doch eine schöne und erfolgreiche Idee! Warum nur schrumpfen, wenn es doch so schön war? Ja wo ist die Antwort? Ohne Arbeit sind die Menschen eben nicht zu halten. Seit 20 Jahren ist die sozialistische Planwirtschaft zu gunsten der scheinbar überlegeneren Marktwirtschaft abgelöst und bringt es nicht auf die Reihe, in Brandenburg für Arbeit und Lohn zu sorgen. Warum? Marktwirtschaft ist nur dann der Planwirtschaft überlegen, wenn Sie das Attribut sozial beinhaltet! Da spricht die Teilüberschrift "Entwicklung = schrumpfen" Bände. Das sagen Sie mal einem Herrn Wulff, Ackermann, Mehdorn u.v.a.m.
2. Also
huettenfreak 02.01.2012
die Häuser aus den 50igern sind doch sogar recht gut gelungen - erinnert mich an die Berliner Stalinallee/Karl-Marx-Allee. Ein Negativbeispiel ist es vor allem deshalb weil die gesamte Stadt mit dem Untergang der DDR ihre Existenzberechtigung verloren hat.
3. Haesslich
Mertrager 02.01.2012
Es liegt mir fern, schlecht über Hütte zu reden. Die Stadt hat auch ihre schönen Seiten. Obwohl dieser Artikel eigentlich wesentliche Probleme, also Negatives, darlegt, ist er sprachlich in einem positiven Grundton gehalten, der einen Aspekt verwischen könnte. Die Art und Weise, wie hier Platte gebaut wurde, ist besonders abweisend. Da fehlen leider auch die passenden Fotos. So wurden besonders auch im Stadtteil Fürstenberg Altbauten massiv durch Plattenbauten bedrängt. Der Wohnkomplex an dem der Mann verantwortlich mitarbeitete, mit dem Frau Haubold vor der Wende verheiratet war, ist besonders bedrückend. Eigentlich so häßlich, daß ich auch das Wort grausam für passend halte.
4. Interessante Lebensgeschichte!
ZiehblankButzemann 02.01.2012
Würde mich mal interessieren was unser ewiger Kanzler "Abrissbirne" Kohl dazu sagen würde? Wissenschaftler haben bei Untersuchungen entdeckt, daß Berufe bei denen Menschen etwas zerstören oder abreißen dürfen, besonders befriedigend sind weil anscheinend unheimlich viele Glückshormone dabei ausgeschüttet werden. Man kann ja beim Kleinkind schon herrlich beobachten wieviel Freude das Einreissen des gerade gebauten Bauklötzchenturms den Schnullerbacken bereitet. Regt auf jedenfall zum Nachdenken an.
5. Plattenbau
paulvr 02.01.2012
Als nicht-Deutscher habe ich mich immer gewundert über dieses Wort daß in Westdeutschland immer wieder verwendet wurde um äußerst negativ über solchen Gebäuden aber ausschließlich in der DDR und anderen sozialistischen Ländern zu reden. Ich war in verschiedenen "Plattenbäuten" in der DDR, und fand da eigentlich wenig anders als ich aus den Niederlanden (z.B. Bijlmer bei Amsterdam) oder Frankreich (HLM's) kannte. Trotzdem habe ich nie gehört daß man dieses Wort verwendete für ähnliche "Massen-Mensch-Haltungen" im Westen. Oder habt Ihr aehnlichen Bauten oestlich von Paris nie gesehen? Ist das bloß eine Propagandasache oder...? Im allgemeinen empfand ich die DDR-Gesellschaft als weit normaler als uns im Westen vorgegauckelt wurde. Als wir in der BRD rumgereist sind zum Beispiel gab´s immer wieder den Làrm von Dùsenjàger und von Militaerkolonnen. Wir reisten in den Ferien von West nach Ost und von Sùd nach Nord durch die DDR, mehrere Jahren lang, und nur einmal fanden wir bei Zufall ein russisches Militaerlager im Wald in Norden von Berlin - und dafuer waeren wr dankbar weil wir den Weg nach Neubrandenburg suchten und die uns Auskunft gaben. Kolonnen oder Duesenjaeger wird es wohl irgendwo gegeben haben aber wir sahen davon absolut nichts. Ruhe, laendliche Ruhe, und freundliche Menschen die sich noch Zeit fuer einander nahmen.
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Reise ins Krisengebiet
  • Der Reporter Jonathan Stock reiste eine Woche durch Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Per Autostopp, Bahn, Bus und zu Fuß suchte er Hoffnung in einem Gebiet, das in den meisten Statistiken als demografisches Krisengebiet geführt wird.

    Inspiration war ihm ein Satz aus den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" von Theodor Fontane: "Keine Voreingenommenheit, den guten Willen haben, das Gute gut zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen."

  • Teil 1: Eine Liebe in Haßleben
  • Teil 2: Bürgermeister Meistring führt Krieg
  • Teil 3: Abriss eines Traums
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