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Interview mit Familienministerin Schröder: "Kritik an meiner Person trifft mich natürlich"

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Kaum eine Politikerin ist so umstritten wie Kristina Schröder. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wehrt sich die CDU-Familienministerin gegen Angriffe, erklärt ihr persönliches Bild von einer modernen Karrierefrau - und stellt neue Bedingungen beim Betreuungsgeld.

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HC Plambeck

Familienministerin Schröder: "Ich werde meine Haltung nicht aufgeben"

Betreuungsgeld, Flexi-Quote, Geschlechterdebatte - die Familienministerin kämpft derzeit an vielen Fronten. Nun geht sie in die Offensive, weist Kritik an ihrer Politik und an ihrer Person energisch zurück. "Die Anfeindungen kommen vor allem aus bestimmten Ecken, sie stehen nicht für die Mehrheit. Und ich werde meine Haltung auch nicht aufgeben", sagt Kristina Schröder im Interview. An Rücktritt habe sie aber noch nicht gedacht. "So ticke ich nicht".

Zugleich verteidigt Schröder ihr umstrittenes Modell einer flexiblen Frauenquote für Unternehmen: "Mein Ziel ist, dass meine Flexi-Quote im Wahlprogramm der Union für die nächste Bundestagswahl steht."

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

SPIEGEL ONLINE: Frau Schröder, ein Netzaufruf gegen Sie findet innerhalb weniger Stunden Tausende Unterstützer, in Beliebtheitsumfragen rangieren nur Philipp Rösler und Guido Westerwelle hinter Ihnen. Auch die Mehrheit der Unionswähler bewertet Sie negativ. Haben Sie schon an Rücktritt gedacht?

Schröder: So ticke ich nicht. Berechtigte Kritik nehme ich an, um mich zu hinterfragen. Ungerechtfertigte Kritik an meiner Person trifft mich natürlich, gerade weil sie oft auch sehr beleidigend ist. Dann hilft mir, dass in meinem Privatleben die wichtige Dinge stimmen, das gibt mir Rückhalt und Gelassenheit.

SPIEGEL ONLINE: Frauen unterschiedlicher politischer Herkunft scheinen sich mit einem Ziel zu sammeln: Schröder muss weg. Wie erklären Sie sich diese Ablehnung?

Schröder: Die Anfeindungen kommen vor allem aus bestimmten Ecken, sie stehen nicht für die Mehrheit. Und ich werde meine Haltung auch nicht aufgeben: Eine Frauenministerin muss deutlich machen, wie sie grundlegende Fragen der Geschlechterverhältnisse sieht. Das tue ich. Beispielsweise lehne ich die These von Simone de Beauvoir ab, die sagt, dass Mädchen nicht als Mädchen geboren werden und Jungen nicht als Jungen, sondern dass erst die Gesellschaft sie dazu macht. Dass eine solche Aussage streitbar ist, ist mir klar.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt sorgte eine Ihrer Personalentscheidungen für Aufruhr. Es entstand der Eindruck, die Leiterin der Abteilung für Gleichstellung, Eva Maria Welskop-Deffaa, musste gehen, weil sie eine andere Ansicht zur Frauenquote hatte. War sie Ihnen zu modern?

Schröder: Es geht hier um den persönlichen Schutz meiner ehemaligen Abteilungsleiterin, deshalb werde ich öffentlich keine Gründe für meine Entscheidung nennen. Wichtig ist: Ihre Nachfolgerin Renate Augstein ist seit über 30 Jahren im Ministerium, ebenfalls eine profilierte Frauenrechtlerin und lange Jahre stellvertretende Abteilungsleiterin. Schon daran ist abzulesen, dass es mir nicht darum geht, die Arbeit der Abteilung in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Da arbeiten sehr viele engagierte und hochqualifizierte Frauen - und Männer.

"Es wird oft, gerade in den Medien, ein Bild gezeichnet von den Supermüttern" Zur Großansicht
HC Plambeck

"Es wird oft, gerade in den Medien, ein Bild gezeichnet von den Supermüttern"

SPIEGEL ONLINE: Die Amerikanerin Anne-Marie Slaughter, früher Mitarbeiterin von Hillary Clinton, hat international Aufsehen erregt mit ihrem Aufsatz "Why Women Still Can't Have It". Familie und Top-Beruf seien ohne große Opfer nicht vereinbar. Hat sie recht?

Schröder: Frau Slaughter hat einen wichtigen Punkt getroffen. Wenn man Kinder hat, dann will man auch Zeit mit ihnen verbringen, auch in einem Top-Job, sonst droht man, todunglücklich zu werden. Das auszusprechen, schafft für viele Erleichterung. Es wird, gerade in den Medien, oft ein Bild gezeichnet von den Supermüttern, die vier Wochen nach der Geburt schon wieder den perfekten After-Baby-Body haben und Familie und Beruf problemlos unter einen Hut kriegen. Dieses Bild setzt jede Frau unter Druck, auch ich kenne das Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Bei Abstimmungen im Bundestag haben Sie und Ihr Mann Ole Schröder sich zuletzt für alle offenkundig mit dem Babysitting ihrer Tochter Lotte abgewechselt. Für wen ist es schwieriger, Amt und Familie zu vereinbaren?

Schröder: Es ist für uns beide schwierig - und oft genug schwieriger, als es nach außen aussieht. Wir konnten als Abgeordnete beide keine Elternzeit nehmen. Wir haben aber das Glück, dass uns unsere Familien sehr unterstützen. Trotzdem nehmen wir Lotte immer wieder mal mit ins Büro oder arbeiten mit der Kleinen auf der Spieldecke von zu Hause aus. Es ist immer ein Spagat, zum Beispiel gehe ich meist nicht in spätabendliche Talkshows. Natürlich habe ich dadurch auch Nachteile, denn für einen Politiker ist es wichtig, in solchen Medien vorzukommen.

Kristina Schröder im Interview mit SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Anna Reimann (links) und Annett Meiritz: "Der Kita-Ausbau ist eine Mammutaufgabe" Zur Großansicht
HC Plambeck

Kristina Schröder im Interview mit SPIEGEL-ONLINE-Redakteurinnen Anna Reimann (links) und Annett Meiritz: "Der Kita-Ausbau ist eine Mammutaufgabe"

SPIEGEL ONLINE: Die schwangere Managerin Marissa Mayer übernimmt den Konzern Yahoo, sie will nach der Geburt kaum eine Auszeit nehmen. Ein Vorbild?

Schröder: Ich respektiere diesen persönlichen Schritt von Frau Mayer, aber ich sehe es mit großer Sorge, wenn prominente Frauen öffentlich den Eindruck erwecken, der Mutterschutz sei etwas, das eigentlich gar nicht notwendig ist. Die Mutterschutz-Zeit ist absolut richtig, und zwar bei weitem nicht nur in medizinischer Hinsicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Kita-Ausbau hinkt hinterher, noch immer fehlen bis zu 160.000 Kita-Plätze, Pädagogen kritisieren die Qualität deutscher Betreuungsstätten. Die Bundesregierung will Qualitätsstandards erst 2020 einführen. Geht der Kita-Ausbau so lange auf Kosten der Kinder?

Schröder: Wir tun alles, damit das nicht passiert. Schon heute gibt es Qualitätsstandards in den einzelnen Bundesländern - und im Westen ist der Betreuerschlüssel mit vier bis fünf Kleinkindern auf einen Erwachsenen gar nicht so schlecht. Fakt ist: Der Ausbau ist eine Mammutaufgabe. Am Rechtsanspruch ist mit mir nicht zu rütteln. Ja, viele Kommunen sind am Rande ihrer Kräfte, aber dann müssen die Verantwortlichen vor Ort sich auch die Frage stellen: Ist es nicht vernünftiger, sie ertragen eine Weile lang Schlaglöcher und stecken das verfügbare Geld in ihre Kitas? Jedenfalls darf der Endspurt nicht auf Kosten der pädagogischen Qualität gehen.

SPIEGEL ONLINE: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Sie gelten als Rivalinnen, zuletzt hat von der Leyen Sie allerdings in einem Interview gelobt. Was fällt Ihnen Lobendes zu Ihrer Kabinettskollegin ein?

Schröder: Es ist ganz großartig, wie sie es schafft, mit sieben Kindern ein Ministeramt zu managen, Grenzen zu ziehen und Zeit für die Familie zu reservieren. Das ist eine bemerkenswerte Leistung, das sehe ich schon mit nur einem Kind. Sie ist außerdem eine Kollegin mit einem sehr feinen Gespür für politische Konjunkturen.

"Meine Flexi-Quote soll im Wahlprogramm der Union stehen" Zur Großansicht
HC Plambeck

"Meine Flexi-Quote soll im Wahlprogramm der Union stehen"

SPIEGEL ONLINE: Eine Abstimmung zum Betreuungsgeld ist vor der Sommerpause im Bundestag gescheitert, die FDP warnt vor der Prämie, auch in der CDU wird der Widerstand immer größer. Sie selbst gelten nicht als großer Fan des Projekts. Wie geht es weiter mit dem Betreuungsgeld?

Schröder: Ich bin sehr zuversichtlich, dass ein alter Vorschlag von mir wieder aktuell werden wird, nämlich die Auszahlung des Betreuungsgelds mit dem Nachweis der Vorsorgeuntersuchungen des Kindes zu verknüpfen. In den Beratungen der Fraktionen spielt das derzeit wieder eine große Rolle, und es wäre nicht nur politisch vernünftig, sondern erst recht für die Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Ein Gericht hat Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen verboten. Müssen gläubige Juden und Muslime sich in Zukunft eine andere Heimat suchen?

Schröder: Jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland muss möglich sein. Wir müssen also Rechtssicherheit dafür schaffen, dass Jungen beschnitten werden dürfen. Es muss absolut klar sein, dass die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen nicht dazu gehört, sondern ein Verbrechen ist. Außerdem darf das Kindeswohl nicht einfach hinter der religiösen Selbstbestimmung oder Elternbestimmung zurückstehen. Ich bin deshalb dafür, dass religiöse Beschneidungen nur mit angemessener Anästhesie stattfinden und nur von einem Arzt durchgeführt werden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie lehnen eine feste Frauenquote in Unternehmen ab. Kann eine flexible Quote wirklich etwas am Frauenmangel in deutschen Unternehmensspitzen ändern?

Schröder: Ja, und zwar besser als eine starre Quote. Die Flexi-Quote können die Unternehmen nicht abhaken wie eine Statistikpflicht, sie müssen sie zu ihrem eigenen Anliegen machen und das Unternehmen dementsprechend umbauen. Bei der Flexi-Quote ist es wie bei anderen neuen Vorschlägen auch. Erst werden sie verlacht, dann werden sie bekämpft, und dann setzen sie sich durch. Die größte Gruppe meiner Bundestagsfraktion und zuletzt auch die CSU-Landesgruppe haben sich für mein Modell ausgesprochen. Mein Ziel ist, dass meine Flexi-Quote im Wahlprogramm der Union für die nächste Bundestagswahl steht.

"Berechtigte Kritik nehme ich an, um mich zu hinterfragen" Zur Großansicht
HC Plambeck

"Berechtigte Kritik nehme ich an, um mich zu hinterfragen"

Das Gespräch führten Anna Reimann und Annett Meiritz

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insgesamt 171 Beiträge
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1. :-d
realburb 01.08.2012
"Sie ist außerdem eine Kollegin mit einem sehr feinen Gespür für politische Konjunkturen." Ein wahreres Wort wurde zu Frau Leyen wahrscheinlich noch nicht gesagt
2.
Ameisenbauer 01.08.2012
Wenn ich allein schon die gestellten, pseudo-intellektuellen und pseudo-nachdenklichen Posen auf den Bildern sehe, kommt mir fast die Galle hoch. Genau solche kompetenzfreien Leute wie die Schröder, bei denen es im Oberstübchen auch noch ziemlich übersichtlich und aufgeräum aussieht - um nicht zu sagen: leer - sind doch der Grund dafür, warum jedermann fast sämtliche Regierungsangehörigen für sinn-, merk- und verstandsbefreite chmalspurhengste und -stuten hält.
3. Ich mag...
jan07 01.08.2012
... die pragmatische Vorgehensweise von Fr. Schröder. Eine kompetente und sympathische Frau und zugleich ein angenehmer Kontrakt zu den vielen oft kinderlosen Steinzeitfeministinnen bei SPD, Grünen und Linken.
4. Inkompetenz-Zentrum
LeisureSuitLenny 01.08.2012
Zitat von sysopHC PlambeckKaum eine Politikerin ist so umstritten wie Kristina Schröder: Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wehrt sich die CDU-Familienministerin gegen Angriffe, erklärt ihr persönliches Bild von einer modernen Karrierefrau - und stellt neue Bedingungen beim Betreuungsgeld. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,847463,00.html
Diese Dame ist für mich das offizielle Inkompetenz-Zentrum der Bundesregierung. Sie sollte den bezahlten Babyurlaub auf 4 Jahre ausdehnen und selber gleich nochmal nehmen - das wäre das beste für alle.
5. Ganz schwaches Interview - kein Hinterfragen, kein Nachhaken...
CROD 01.08.2012
Dieses Interview ist unnötig. Zu jedem Thema eine Frage, auf die Antworten der Ministerin erfolgt keine Nachfrage, kein Nachhaken. So bleibt alles unhinterfragt im Raum stehen, was Frau Schröder sagt. Wie sieht es z.B. mit dem Gegensatz zwischen freier Religionsausübung - in Form der Beschneidung - und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit aus? Ein Interview, das in dieser unkritischen Form nur der Eigendarstellung Frau Schröders dient.
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Zur Person
  • HC Plambeck
    Kristina Schröder, Jahrgang 1978, ist seit November 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die promovierte Politologin ist das jüngste Mitglied im Bundeskabinett. Die CDU-Politikerin ist verheiratet mit dem Staatssekretär Ole Schröder, gemeinsam haben sie eine Tochter.

Die Pläne für das Betreuungsgeld
Das Betreuungsgeld soll nach den bisherigen Plänen der Koalition vom 1. Januar 2013 an ausgezahlt werden. Es soll Familien zugutekommen, die ihr Kleinkind nicht in eine Kindertagesstätte bringen, sondern bis zum dritten Lebensjahr zu Hause betreuen möchten. 2013 sollen junge Familien demnach monatlich 100 Euro für das zweite Lebensjahr des Kindes bekommen, vom 1. Januar 2014 an 150 Euro für das zweite und dritte Lebensjahr. Das Betreuungsgeld soll unabhängig von Erwerbstätigkeit und Einkommen garantiert werden.
Zwischen Garten und Bundestag

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