Ex-Familienministerin Kristina Schröder "In der #MeToo-Diskussion wird zu viel vermischt"

Ex-Familienministerin Kristina Schröder ist angesichts der #MeToo-Debatte skeptisch. Sie kritisiert, dass nicht immer zwischen anzüglichen Bemerkungen und Vergewaltigung unterschieden werde.

Kristina Schröder
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Kristina Schröder


Sie möchte nicht in einer sterilen Welt leben, sagt Kristina Schröder (CDU) in einem Interview mit dem "Tagesspiegel am Sonntag". Die Ex-Familienministerin setzt damit ein Statement gegen manche Äußerungen und Forderungen in der #MeToo-Debatte, die Schröder oft zu weit gehen.

Mit dem Schlagwort #MeToo, das in den USA aufkam, berichten seit dem vergangenen Jahr Frauen und Männer weltweit über sexuelle Übergriffe und Missbrauch. Begonnen hatte die Debatte im Hollywood-Betrieb, inzwischen wird sie auch in der Politik und im sonstigen öffentlichen Leben teils heftig geführt.

"Ich denke, in der Diskussion wird zu viel vermischt: Krasse Fälle der Vergewaltigung oder der körperlichen Annäherung werden in einen Topf geworfen mit anzüglichen Bemerkungen. Das finde ich unangemessen. Man muss das trennen", sagte die 40-Jährige.

Gut sei die Debatte da, wo es um körperliche Übergriffe gehe. "Da hat Öffentlichkeit eine Grenze verschoben, die früher von vielen noch augenzwinkernd anders gezogen wurde. Jetzt ist klar, dass neben sexueller Gewalt auch die Hand auf dem Knie nicht geht, dass auch die distanzlose Annäherung im Aufzug nicht geht."

Negativ finde sie die #MeToo-Debatte da, wo sie weit über das Ziel hinausschieße "und wo sie versucht, jegliche Äußerung von Anziehung zwischen den Geschlechtern zu tilgen". Beispiele dafür nannte Schröder nicht - und es war auch nicht das Ansinnen der Initiatorinnen der #MeToo-Bewegung, die Anziehung von Geschlechtern zu tilgen.

"Ich hab' dann kurz und kühl gelächelt"

Die CDU-Politikerin Schröder war mit 32 Jahren unter Kanzlerin Angela Merkel Bundesfamilienministerin geworden. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre strikte Ablehnung einer gesetzlichen Frauenquote. Sie kämpfte stattdessen für die sogenannte Flexi-Quote. Zudem war sie die erste Ministerin, die während ihrer Amtszeit Mutter wurde.

Schröder äußert sich im Interview auch zu ihren ersten Jahren als Bundestagsabgeordnete und anzüglichen Bemerkungen, die sie damals gehört habe. "Es passierte, dass in einer sachlichen Diskussion eine Bemerkung auf optischer Ebene gemacht wurde. Also zum Beispiel, dass jemand sagte: 'Wenn ein Argument von so einer attraktiven Dame vorgetragen wird, dann muss man darauf Rücksicht nehmen.' Das ist natürlich albern, aber ich hab' dann kurz und kühl gelächelt und weitergeredet", sagt Schröder.

Sie selbst halte nichts davon, solche Bemerkungen generell zu verbieten. Es würde dazu führen, "dass wir uns in einer sterilen Welt bewegen, in der jegliche Anziehung zwischen den Geschlechtern negiert und tabuisiert würde. Das will ich nicht".

#MeToo ist bisher nicht dafür bekannt, Wortmeldungen zu verbieten. Weil Menschen angesichts ihres Geschlechts oder ihres Aussehens in einer Sachdebatte häufig kleingemacht werden, indem andere sie auf Äußerlichkeiten reduzieren, weil Menschen Opfer von Übergriffen werden, weil sie unterdrückt werden, ist #MeToo entstanden. Für derartige Fehlverhalten soll sensibilisiert werden.

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wo_st 11.02.2018
1.
Eigentlich bin ich kein Anhänger von Kristina Schröder, aber hier hat sich absolut Recht. Die öffentlichen Diskussionen laufen normalerweise immer hysterisch ab und bringt niemand dem Ziel nahe, ein #metoo niemals mehr notwendig zu haben.
skywalker2411 11.02.2018
2. Leider zu spät
Differenzierte Beiträge zur #metoo Debatte sind leider eher selten. Insofern großes Lob an Frau Schröder. Wie in fast allen Medien zu lesen/sehen ist, ist die Bewegung sehr erfolgreich die einen kalten, distanzierten und damit unmenschlichen Umgang zwischen den Geschlechtern offensichtlich zum Ziel hat. Feministinnen sei Dank!
irinitav 11.02.2018
3. Treffend
Endlich mal jemand, der diese Vermischung anspricht. Ich finde es auch lächerlich, dass Bilder in Museen abgehängt werden, dass Gedichte übertüncht werden und womöglich kommt noch jemand auf die Idee, Bücher zu verbrennen! Wir sollten genau überlegen, wohin uns dieses Thema navigiert. Irgendwann dürfen dann auch schöne und ästhetische Illustrationen nicht mehr gezeigt werden? Und irgendwann bekommen wir Frauen keine Komplimente mehr, weil wir uns gut fühlen und das auch ausstrahlen. Vielleicht sind wir dann verpflichtet, dies zur Anzeige zu bringen? Weil es jemand gewagt hat, es zu bemerken und zu kommentieren??? Ich finde es richtig, dass es diese #metoo - Bewegung gibt. Nur sollte sie als das genutzt werden, was ursprünglich damit gemeint war. Nämlich, dass Frauen (und Männer!) den Mut haben, eine Vergewaltigung, eine Verletzung der Seele, einen Übergriff anzuprangern!
MiguelD.Muriana 11.02.2018
4. Differenzierung
tut Not! #metoo zeigt leider nicht nur den körperlich gewordenen Sexismus bis hin zur Gruppenvergewaltigung, sondern auch den Sexismus in vielen Köpfen. Den der Männer, die Frauen als Lustobjekt sehen und dumme Sprüche reißen, aber auch den der Frauen, die am liebsten alle Männer gerne in der Schublade „dumm und primitiv“ sehen wollen und jede Avance die abgelehnt wurde als „Anmache“ mit einem Eintrag versehen. Die gleiche, aber erfolgreiche Avance bleibt unerwähnt. Wenn ein Mann diese Kritik an mangelnder Differenzierung äußert bricht ein feministischer Shitstorm über ihn aus. Ich wünsche der Familienministerin bleibt dieser erspart. Warum? Weil sie eine Frau ist? Nein, weil diese Differenzierung notwendig ist!
JaWeb 11.02.2018
5.
Ich stimme Frau Schröder da zu. Besser ist es zu lernen, wie anzügliche Bemerkungen verbal oder nonverbal gekontert werden können, wenn sie einem gegen den Strich gehen. Die Grenzen zwischen anzüglichen Bemerkungen und verbalen Flirts sind da je nach Ausführung und Wahrnehmung ggfs. fließend. Nach meiner Wahrnehmung ist dies auch keine Mann-zu-Frau-Einbahnstraße (mehr), da viele Frauen selbstbewusster als früher mit ihrer Sexualität umgehen. Nicht tolerierbar sind aus meiner Sicht entwürdigende oder beleidigende Äußerungen, von Übergriffen auf den Körper ganz zu schweigen. Wer seine Hände nicht bei sich behalten kann oder will, wenn dies nicht vom gegenüber gewünscht wird, muss in die Grenzen gewiesen werden, wenns sein muss auch durch Justitia.
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