Kritik an Euro-Thesen Trittin wirft Sarrazin "D-Mark-Chauvinismus" vor

Für Thilo Sarrazin läuft alles wie geplant: Der Vorabdruck aus seinem neuen Buch "Europa braucht den Euro nicht" ruft Empörung hervor. Grünen-Fraktionschef Trittin nennt die Thesen des Ex-Bundesbankers "erbärmlich", SPD-Mann Schneider findet sie "nationalistisch".

Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin: Neue Thesen, wieder Empörung
dapd

Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin: Neue Thesen, wieder Empörung


Berlin - Die kalkulierte Provokation wirkt: Politiker von SPD und Grünen äußern sich entsetzt über die Thesen, die der Ex-Bundesbanker und ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) in seinem neuen Buch vertritt. "Sarrazin rutscht immer weiter nach rechts ins Abseits. Es ist erbärmlich, dass er den Holocaust heranzieht, um seinen Thesen zu Euro-Bonds größtmögliche Aufmerksamkeit zu sichern", sagte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin der "Welt". Sarrazin betreibe "D-Mark-Chauvinismus".

Anlass für Trittins Kritik ist der Vorabdruck aus Sarrazins neuem Buch "Europa braucht den Euro nicht", wonach deutsche Befürworter von Euro-Bonds bei SPD, Grünen und Linken getrieben seien "von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".

Der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider warf Sarrazin Unwissenheit vor. "Herr Sarrazin versucht es mal wieder mit den üblichen Provokationen. Seine Kritik am Euro ist nationalistisch und reaktionär", sagte Schneider der "Passauer Neuen Presse". Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ralf Stegner forderte Sarrazin zum Parteiaustritt auf. "Sein einzig wertvolles Buch ist das Parteibuch. Er täte sich und der SPD einen großen Gefallen, wenn er dieses zurückgibt", sagte Stegner zu "Handelsblatt Online".

Kauder: "Sarrazin liegt erneut falsch"

Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte: "Wäre ich Sozialdemokrat, würde ich diesen Hetzer nicht in meiner Partei dulden." Empört reagierte er darauf, dass Sarrazin in seinem neuen Buch den Holocaust und die europäische Währung in einen Zusammenhang stellt: "Offenbar kann Sarrazin den Juden den Holocaust nicht verzeihen", sagte Beck "Handelblatt Online".

Der frühere SPD-Finanzminister Peer Steinbrück hatte den Berliner Ex-SPD-Finanzsenator bereits am Sonntagabend öffentlich in die Schranken gewiesen. In der ARD-Talkshow "Günther Jauch" trat Steinbrück entschieden Sarrazins Verknüpfung von Holocaust und Euro-Krise entgegen.

Steinbrück warf Sarrazin "Geschichtsvergessenheit und Geschichtsblindheit" vor. Vor dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jahrhunderts habe Deutschland eine europapolitische Verantwortung, die EU zu stabilisieren. Sarrazins biete in seinem Buch dagegen lediglich "eine sehr platte ökonomistische Analyse" und liefere keinerlei "Handlungsempfehlungen". Er mache den Euro für Fehlentwicklungen verantwortlich, an denen die gemeinsame Währung nur den "geringsten Anteil habe".

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) sagte der "Bild"-Zeitung: "Sarrazin liegt erneut falsch. Der Euro ist eine Erfolgsgeschichte und wird es bleiben."

Sarrazin bekräftigte bei Günther Jauch seine Thesen. "Der große Erfolg der europäischen Integration fand bis zum Beginn der gemeinsamen Währung statt", argumentierte er. "Die reinen Daten und Fakten sagen, dass Deutschland durch den Euro keine messbaren Vorteile hatte". Für die Südländer habe die Gemeinschaftswährung "wachsende Risiken" gebracht. Deutschland könne zudem "nicht die Schulden anderer Länder übernehmen wegen der Schuld der Vergangenheit".

Sarrazin hatte bereits mit seinem 2010 erschienenen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" für heftige Kontroversen gesorgt. Darin hatte er umstrittene Thesen zur Migration aufgestellt und unter anderem behauptet, alle Juden teilten ein Gen.

anr/dapd/dpa



insgesamt 48 Beiträge
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derandersdenkende, 21.05.2012
1. Ist Trittin "Euro-Chauvinist"
Zitat von sysopdapdFür Thilo Sarrazin läuft alles wie geplant: Der Vorabdruck aus seinem neuen Buch "Europa braucht den Euro nicht" ruft Empörung hervor. Grünen-Fraktionschef Trittin nennt die Thesen des Ex-Bundesbankers "erbärmlich", SPD-Mann Schneider findet sie "nationalistisch". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834226,00.html
Und ist das etwas Besseres? In der Demokratie redet man miteinander und tauscht Meinungen aus. Zu Beleidigungen greifen vor allem jene, denen die Argumente ausgehen. Altkanzler Schmidt und viele andere Prominente meinen, wir brauchen ein Europa der Bürger. Auch ich meine, es wäre wichtiger und besser als ein Europa des Euros!
Jörgi1980 21.05.2012
2.
Bin ebenfalls für die Abschaffung des EURO, weil er dazu führt, dass Deutschland langsam entdemokratisiert wird. Der EURO kann nur funktionieren, wenn die EU eine einheitliche Wirtschaftsregierung hätte. Dies würde aber bedeuten, dass der Einfluss der Bevölkerung auf die Regierenden noch weiter geschmählert werden würde, denn diese einheitliche Wirtschaftsregierung könnte vom einfachen Bürger nicht mehr kontrolliert werden, da rechtspolitisch viel zu weit vom Bürger entfernt. Allerdings ist ein Grundprinzip der Demokratie die Kontrolle der Regierenden durch das Volk. Weiterhin wäre eine Beschneidung des Bürokratiemonsters EU zu begrüßen. Kostet uns Steuerzahler jährlich mehrere Milliarden und ist dabei extrem ineffizient.
labbimen 21.05.2012
3. optional
Hmm, da regen sich die üblichen Bedenkenträger aller Couleur - oh quelle surprise!- lautstark bis schrill über die kruden Theorien des Thilo S. auf. Und verschaffen ihm das Einzige, worum es ihm bei der ganzen Sache geht: Publicity für sein neues Buch und folglich gaaanz viele von den bösen Euronen auf dem Konto. Und jedesmal fallen die darauf rein.
firlefranz2 21.05.2012
4. Sarrazin
Die aufgeregten Reaktionen auf Sarrazin wirken schon sehr unsouverän. Anscheinend liegt er sachlich gar nicht so falsch, sonst würde man ihn ja sehr leicht argumentativ Schachmatt stellen. Die Debatte zeigt auch wiedermal, wieweit man in Deutschland in Sachen Meinungsfreiheit und Debattenkultur anderen westlichen Staaten hinterherhinkt. Da würde man sich mit den Argumenten auseinandersetzen und nicht einfach nur versuchen jemanden mundtot zu machen, selbst wenn man seine Thesen für Mumpitz hält.
th_gast 21.05.2012
5. Worthülsen und Analyse
Können Politiker nur noch solche Worthülsen wie z.B. "erbärmlich" oder "nationalistisch" gebrauchen? Hilfreich wäre es, wenn Sie über gründliche Analysen - da könnten Sie auch von Sarrazin lernen - richtige Schlussfolgerungen ziehen würden. Zumindest waren die Beiträge des Herrn Sarrazin bei Jauch bezüglich der Eurokrise fundierter als die von Herrn Steinbrück. Z.B., dass die "Spanische Immobilien-Krise", die Probleme in Italien und Irland kaum etwas mit der Bankenkrise in USA zu tun haben. Politiker reden und tun so, als müssten die Einrichtungen, die Geld leihen dies nach ihren Kriterien tun - Dies war nicht der Fall und wird auch nicht eintreten.
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