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Kritik an Guttenberg: Minister-Schnellschuss schockiert Marineoffiziere

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Innerhalb kürzester Zeit schasste Karl Theodor zu Guttenberg den Kommandanten der "Gorch Fock". Viele Marineoffiziere sind schockiert über seinen Befehl. Durch die Entscheidung verliert der bei ihnen bislang beliebte Verteidigungsminister an Rückhalt. Der CSU-Mann müsse sich umgehend erklären, fordern sie.

"Gorch Fock"-Crew: Guttenbergs Entscheidung entsetzt Offiziere Zur Großansicht
REUTERS

"Gorch Fock"-Crew: Guttenbergs Entscheidung entsetzt Offiziere

Hamburg - Der Marineoffizier, der einen ranghohen Posten im Flottenkommando in Glücksburg hat, tut sich schwer, die richtigen Worte zu finden. Es gelte die Regel, "dass man den IBuK, den 'Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt', nicht kritisiert, jedenfalls nicht öffentlich". Aber in diesem Fall könne er nicht schweigen. Er räuspert sich und sagt dann mit leiser Stimme: "Bei allem Respekt, aber was Verteidigungsminister zu Guttenberg da entschieden hat, erschüttert mich in meinen Grundfesten."

Der Mann meint die Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten Norbert Schatz durch Guttenberg, nachdem sich Vorwürfe gegen die Schiffsführung häuften. Guttenberg war noch am Freitag den vielen Gerüchten über Druck auf Kadetten, trotz eines tödlichen Unfalls in die Masten zu klettern, und über Schikanen und sexuelle Belästigung an Bord entgegengetreten. Er hatte eine Untersuchung gefordert und erklärt, es dürfe keine Vorverurteilung geben. Doch am späten Freitagabend berief er dann den Kommandanten ab.

"Ich will gar nicht abstreiten, dass es womöglich Verfehlungen auf der 'Gorch Fock' gegeben hat", sagt der Marineoffizier. "Eine eventuelle Schuldfrage hätte man in Ruhe ermitteln müssen, und ich war froh zu hören, dass ein Ermittlerteam nach Argentinien geschickt wird, um die Arbeit an Bord aufzunehmen. Aber offensichtlich reicht ein Artikel in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben und schon sind alle Regeln außer Kraft gesetzt."

Tatsächlich hatte die "Bild"-Zeitung Guttenberg am Freitagabend darüber informiert, dass sie ihre Samstagsausgabe mit dem Thema "Gorch Fock" aufmachen wird. Der Artikel enthalte neue Vorwürfe gegen die Schiffsführung. Zudem kursierten im Verteidigungsministerium Gerüchte über weitere Vorfälle an Bord des Segelschulschiffs, die in den kommenden Tagen an die Öffentlichkeit kommen könnten, darunter Alkoholmissbrauch, Diebstähle an Bord bis hin zum Verdacht auf einen Selbstmord wegen der harschen Verhältnisse an Bord.

Guttenberg reagierte noch am Freitagabend und ließ Kapitän zur See Schatz von seinem Posten als Kommandant der "Gorch Fock" abberufen.

"Guttenberg will sich selbst aus der Schusslinie nehmen"

Auch andere Offiziere sind von der Entscheidung des Ministers schockiert. "Die Vorwürfe sind schwerwiegend. Aber wozu schickt man ein Team, das ermitteln soll, und wartet nicht einmal dessen Arbeit ab?", fragt ein Marineoffizier aus dem Marineamt in Rostock, neben dem Flottenkommando eine der beiden höheren Kommandobehörden der Marine. "Hat nicht jeder Soldat in einem Verfahren das Recht auf Gehör? Gilt diese Regel etwa nicht mehr, wenn der mediale Druck auf den Verteidigungsminister zu groß wird?" Der Mann schimpft: "Wie es aussieht, will Guttenberg sich selbst aus der Schusslinie nehmen, gerade jetzt, in diesem Superwahljahr."

Der Posten des Kommandanten der "Gorch Fock" sei zwar ein "herausgehobener Dienstposten innerhalb der Bundeswehr, aber "doch kein politischer Posten, bei dem der Verteidigungsminister denjenigen, der ihn bekleidet, ohne ordnungsgemäßes Verfahren abberufen" könne.

Ähnlich äußert sich ein Offizier aus dem Zentrum Innere Führung in Koblenz. Er beklagt, das Vorgehen Guttenbergs stelle "alle Prinzipien einer korrekten militärischen Führung in Frage". "Das war eine politische Entscheidung, um es freundlich zu formulieren. Man kann auch von Bauernopfer oder Sündenbock sprechen. Kamerad Schatz hat eine solche Behandlung nicht verdient", sagt er. Die Aussetzung der Ausbildung auf der "Gorch Fock" bis zur Klärung der Vorwürfe sei dagegen eine richtige Entscheidung gewesen.

Guttenberg kündigt Untersuchungen in allen Teilstreitkräften an

Minister Guttenberg, bislang in der Truppe überaus beliebt, verliert an Rückhalt. "Ich bin schockiert, wie rücksichtslos Guttenberg seine Entscheidungen nur danach trifft, wie sie in der Öffentlichkeit ankommen", kritisiert ein Marineoffizier, der derzeit einen Posten auf einer Fregatte innehat. "Viele Soldaten wundern sich, was zu dem Sinneswandel des Ministers innerhalb nur eines Tages geführt hat. Da muss er sich wohl bald erklären."

Guttenberg hat derweil nach den Vorgängen auf der "Gorch Fock" und dem versehentlichen Todesschuss auf einen Soldaten in Afghanistan umfassende Untersuchungen in der gesamten Bundeswehr angeordnet. "Ich habe den Generalinspekteur beauftragt, eine Überprüfung in allen Teilstreitkräften vorzunehmen, inwieweit es in den letzten Jahren und auch jetzt noch Anhaltspunkte für Rituale gibt, die den Grundsätzen der Bundeswehr widersprechen", sagte der Minister der "Bild am Sonntag". Diese Untersuchungen sollen "zeitnah" aufzeigen, "welche Konsequenzen sich daraus ergeben müssen", erklärte Guttenberg.

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1. So geht das nicht ...!!!
weltbetrachter 23.01.2011
Niemand muß sich entschuldigen, wenn er seine Arbeit gut und anständig macht. Auch nicht der Herr Verteidigungsminister !!!! Er verdient Hochachtung und Respekt, weil er sich nicht von allen auf der Nase herumtanzen läßt, nur weil diese Herrschaften "Schulterklappen" tragen.
2. BILD-Politik
ChuckThePlant 23.01.2011
Mir war schon immer schleierhaft, warum Guttenberg so hochgejubelt wurde... ...und da die lautstärksten Jubler von der BILD kahmen, wundert es mich dann nicht im geringsten, dass Guttenberg BILD-Politik macht anstatt Wehrpolitik. Wo der 'Medienkanzler' aufgehört hat, setzt Guttenberg gerade erst an.
3. Durchgreifen ist richtig!
iman.kant 23.01.2011
Zitat von sysopInnerhalb kürzester Zeit schasste Karl Theodor zu Guttenberg den Kommandanten der "Gorch Fock". Viele Marineoffiziere sind schockiert über seinen Befehl. Durch die Entscheidung verliert der bei ihnen bislang beliebte Verteidigungsminister an Rückhalt. Der CSU-Mann müsse sich umgehend erklären, fordern sie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741105,00.html
Wer sagt dass er in der Truppe den Rückhalt verliert. So wie man durch einige Zeitungsartikel vermuten kann ist so einiges schief gelaufen. Wenn der Kapitän nach dem Tod der Matrosin noch eine Faschingfeier zuließ so zeigt dass von einem nicht akzeptablen Führungsstil. Wir brauchen Politiker die auch einmal Durchgreifen!
4. Der Bild-Minister
Hanno, 23.01.2011
Zitat von weltbetrachterNiemand muß sich entschuldigen, wenn er seine Arbeit gut und anständig macht. Auch nicht der Herr Verteidigungsminister !!!! Er verdient Hochachtung und Respekt, weil er sich nicht von allen auf der Nase herumtanzen läßt, nur weil diese Herrschaften "Schulterklappen" tragen.
Unsinn: Guttenberg reagiert immer dann, wenn er sich in der Bild-Zeitung davon Vorteile verspricht.
5. der Gegelte machts möglich
elbröwer 23.01.2011
Um seine Skalp zu retten müssen die Offiziere eben bluten. Wenn die oberste Instanz, die Bildzeitung, will daß Köpfe rollen, dann hat ein Guttenberg gar keine andere Wahl. Alles höchst demokratisch natürlich.
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Fotostrecke
Schulschiff "Gorch Fock": Riskante Ausbildung
Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.


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