Kritik an Guttenberg Wie der Unionsstar seine Parteifreunde verstört

Die CSU steht trotz der Plagiatsaffäre wie ein Mann hinter ihrem vermeintlichen Superstar Karl-Theodor zu Guttenberg. Doch wie lange noch? Unter der Oberfläche brodelt es längst, die Kleine-Leute-Partei ist in ihrem Selbstverständnis getroffen.

CSU-Chef Seehofer, Minister Guttenberg: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand?
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CSU-Chef Seehofer, Minister Guttenberg: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand?

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Berlin - Horst Seehofer hat da einen bemerkenswerten Satz über die Zukunft von Karl-Theodor zu Guttenberg gesagt: "Ein Minister stürzt nur, wenn es die Partei will. Und die Partei will es nicht." Das ist, auf den ersten Blick, eine saftige Solidaritätsbekundung.

Auf den zweiten dann schon nicht mehr.

Denn Seehofers Worte lassen einen Umkehrschluss zu: Wenn die Partei nicht mehr will, nun, dann ist Guttenberg weg.

Das ist neu. Schien Guttenberg vor seiner Plagiatsaffäre doch schier unangreifbar. Die Partei durfte seinerzeit ja dankbar sein, wenn er sich ihrer irgendwann erbarmte und in nicht allzu ferner Zukunft den CSU-Vorsitz übernähme. Sein Griff nach Münchner Parteizentrale und Berliner Kanzleramt - alles nur eine Frage der Zeit. Das jedenfalls war die Stimmung bei Winterbeginn. Guttenberg feierten sie auf dem CSU-Parteitag, Seehofer stempelten sie zur lahmen Ente.

Alles passé. Die Christsozialen halten ihren einstigen Superstar längst nicht mehr für unantastbar. Für nicht wenige ist es eine äußerst bittere Enttäuschung, dass ausgerechnet Guttenberg jene bürgerlichen Werte "mit Füßen tritt" (ein führendes CSU-Mitglied), die man gegen Rote und Grüne so gern ins Feld führt: Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Anstand.

Und nicht zuletzt: Glaubwürdigkeit.

Noch stehen sie an Guttenbergs Seite

Noch brodelt es bei den Christsozialen nur unter der Oberfläche. So geben Parteivolk und CSU-Granden in Sachen Guttenberg bisher ein selten geschlossenes Bild der Treue ab: Man erkennt "kommunistische Initiative" (der CSU-Abgeordnete Norbert Geis), "unwürdige Hatz" und "Rufmord" (CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt) oder schlicht "eine Unverschämtheit" der Opposition (CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich). Kommunale Mandatsträger berichten, dass sie im Supermarkt und beim Bäcker angesprochen werden, um Gottes willen auf den KT aufzupassen und sich nicht beirren zu lassen.

Soweit die Oberfläche. Die wird so lange ruhig bleiben, wie Guttenbergs Beliebtheitswerte im grünen Bereich sind. Was aber, wenn der Mann nicht mehr Idol und Kult ist?

Aber noch ist ja alles gut: Guttenberg bleibt trotz Affäre der beliebteste Politiker in Deutschland - vor der Kanzlerin. Das weiß das ZDF-Politbarometer. 60 Prozent der Befragten bekunden, dass der CSU-Politiker trotz seiner fehlerhaften Doktorarbeit und des aberkannten Doktortitels weiter für höchste politische Ämter geeignet sei. Und für mehr als zwei Drittel der Leute hat Guttenbergs Schummeln und Abkupfern generell keine überragende Bedeutung.

"Irgendwann aber wachen wir auf", sagt ein CSUler, "in ein paar Wochen werden die Werte zurückgehen - und dann haben wir ein Problem." Und zwar ein doppeltes. Erstens: Der CSU kommt ihre Zukunft in der Gestalt Guttenbergs abhanden. Zweitens: Sie hat ausgerechnet bürgerliche Prinzipien verraten, die jeder Konservative so gern vor sich her trägt.

Und noch etwas kommt hinzu: Die CSU war immer auch - fast wie die Sozialdemokratie und ganz im Unterschied zu CDU, FDP und Grünen - eine Partei der kleinen Leute und der Aufsteiger. Fast alle ihre Vorsitzenden haben sich aus mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen nach oben gekämpft.

Partei der Aufsteiger

Drei Beispiele: Die Eltern von Franz Josef Strauß betrieben eine kleine Metzgerei, der Junge kam nur durch Fürsprache eines Priesters aufs Gymnasium; Erwin Huber wuchs vaterlos und in Armut auf einem niederbayerischen Einödhof auf, kämpfte sich hoch durch Bildung; Horst Seehofer ist der Sohn eines Lastwagenfahrers. "Leberkäs-Etage" nennen sie das in Bayern. Für alle galt das Aufstiegsversprechen: Leiste was, dann wirst du was.

Daneben hat die CSU als Bauernpartei aber auch adelige Großgrundbesitzer an sich gebunden, unter ihnen die Familie zu Guttenberg. Karl-Theodors gleichnamiger Großvater war profilierter Außenpolitiker in Bonn, einer der Architekten der Großen Koalition im Jahr 1966 und Mitglied der Regierung Kiesinger. Dieser CSU-Adel allerdings, so schreibt es der Politikwissenschaftler Alf Mintzel, dürfe nicht "mit den ostelbischen Junkern verglichen werden".

Denn man pflegt die Nähe zum Volk, man beugt sich bürgerlichen Konventionen - und dem entsprechenden Leistungsdenken. Karl-Theodor zu Guttenberg hat das immer für sich reklamiert. Auch seine Doktorarbeit galt als Ausweis dafür, dass er, der steinreiche Adelige, sich nicht auf seinem Besitz ausruhte.

Und wenn jetzt alles nur geklaut ist, dann ist das mehr als ein privates Problem des Mannes Guttenberg, wie Angela Merkel dies mit ihrer Persönlichkeitsaufspaltung in erfolgreichen Minister und sündigen Ex-Doktor suggerieren will. Es ist viel mehr als das: Guttenberg greift das Selbstverständnis seiner Partei an.

So könnte der christsoziale Ärger in dem Moment hochkochen, in welchem der vermeintliche Messias keine entsprechenden Umfragewerte mehr liefert. Oder wenn die Leute im Supermarkt und in der Bäckerei immer dann zu spotten beginnen, wenn ein CSU-Vertreter härteres Durchgreifen gegen Ladendiebe fordert oder die große Rede von der deutschen Bildungsrepublik schwingt.

"Dann wären unsere Träume zerstoben", sagt einer.



insgesamt 12043 Beiträge
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Seite 1
mischli 19.02.2011
1. Wie dreinst Uwe Barschel
Guttenberg hat gelogen, was seine Augen in den entscheidenden Passagen gestern verraten haben. Ich fühlte mich sehr schnell an Uwe Barschel erinnert und gestern war das 'Ehrenwort' das einzige, was noch gefehlt hat. Und dies an einem Tag mit drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan! Jeder weitere Tag im Amt ist eine Schande!
Wertkonservativliberaler 19.02.2011
2. Nein, er muss zurücktreten.
Nein, Guttenberg muss zurücktreten. Er ist als Verteidigungsminister oberster Dienstherr aller Soldaten und Mitarbeiter der Bundeswehr und entscheidet über diese bei Dienstvergehen. Er selbst plagiiert seine Doktorarbeit, gibt bei der Abgabe seiner Doktorarbeit vor der Promotionskommission der Uni Bayreuth eine falsche ehrenwörtliche Erklärung ab, bezeichnet nach Bekanntwerden des Plagiats dies als "abstrus" (Mittwoch, 16.02.) und hält an seiner Version nicht getäuscht zu haben weiterhin fest (Freitag, 18.02.). Wie soll so ein Mann von seinen Dienstuntergebenen noch Ernst genommen werden? Und von CDU-Wählern wie mir, die es mit dem "Konservativ-Sein" tatsächlich genau nehmen. Ich will keine "Blender" in Regierungsverantwortung!
gambio 19.02.2011
3. Natürlich nicht
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Wer klaut, lügt, betrügt, fälscht und unterschlägt hat keinen Anspruch auf ein öffentliches Amt.
Gesine Ungefragt, 19.02.2011
4.
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Für mich ist da nur ein Aspekt ausschlaggebend: Guttenberg ist augenblicklich Chef zweier Bundeswehrhochschulen. Das darf er auf keinen Fall bleiben.
mike stevens 19.02.2011
5. Deutsche wollen Guttenberg behalten
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Der Focus ist sagt die Wahrheit voraus, lasst den armen KT im Amt, sonst muss er nen Psychiater, womöglich mit Doktortitel aus Beyreuth, aufsuchen, könnt ihr das vertreten, von was soll er dann Leben, von Luft und Sabine, Hatz4 zahlt bestimmt nicht das Gel zum gleiten auf dem Scheitel.
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