Von Florian Gathmann
Berlin/Frankenthal - Der Mann am Tresen des Mannheimer Bahnhof-Cafés weiß einigermaßen Bescheid. "Da draußen ist der Trittin", raunt er der blonden Kellnerin zu, "der mit dem Dosenpfand."
Vor dem Bahnhof steht tatsächlich Jürgen Trittin, 55. Aber der mit dem Dosenpfand ist er schon lange nicht mehr. Auf der Ladefläche eines mit Wahlplakaten behängten Lastwagens spricht in diesem Moment der grüne Spitzenkandidat Trittin, der Außenminister-Anwärter Trittin, der Parteiherrscher Trittin. Er poltert, eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen die Septemberluft zerhackend, schimpft und höhnt. Am lautesten gegen die Kanzlerin. "Man hat ja gelegentlich den Eindruck, gegen Merkel ist Horst Schlämmer hochpolitisch."
Das Dosenpfand hat Jürgen Trittin hinter sich gelassen, als Gerhard Schröder 2005 die Bundestagswahl verlor. Mit Schröder ging auch Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer, das größtmögliche grüne Alphatier aller Zeiten, und der nächste im Rudel rückte auf. So wurde aus dem Bundesumweltminister Trittin der nächste heimliche Grünen-Vorsitzende.
Geschadet hat es seiner Partei offenbar nicht: Sie wird - sollten sich die Umfrageinstitute nicht zu sehr irren - am Sonntag ihr bestes Bundestags-Ergebnis aller Zeiten erreichen, deutlich über den 8,1 Prozent der Fischer-Grünen von 2005. Seit Monaten kommt die Partei auf zweistellige Werte, bei der Europawahl lag sie vor FDP und Linkspartei. "Wir wollen auch im Bundestag wieder drittstärkste Kraft sein", sagt Spitzenkandidat Trittin.
Das Problem: Regieren werden sie wohl dennoch nicht. Und damit ist auch der Traum Trittins vom Auswärtigen Amt futsch, für den Moment jedenfalls.
Die Grünen müssen wohl wieder in die Opposition
Seit die FDP sich am Wochenende auf Schwarz-Gelb und nichts anderes festlegte, steuern die Grünen wieder auf die Oppositionsbänke zu. Weil die SPD für Rot-Grün zu schwach ist, schielte Trittins Partei bis zuletzt auf eine Koalition mit Sozialdemokraten und Liberalen. Da die Grünen wiederum ein Jamaika-Bündnis mit Union und Guido Westerwelles Partei für unverantwortlich halten, bleibt für sie nur die Opposition.
Die Führung der künftigen, größeren Grünen-Fraktion im Bundestag wird sich Trittin allerdings genauso teilen müssen wie zuvor die Spitzenkandidatur, mit derselben Person: Renate Künast, 54. Wie Trittin gehörte sie unter Schröder zum grünen Kabinettspersonal, wie Trittin polarisierte sie in ihrem Amt als Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin - und wie Trittin ging sie aus dem Fischer-Abgang gestärkt hervor.
Obwohl sich Künast als Ministerin gerne mit den traditionellen Landwirten oder der klassischen Nahrungsmittelindustrie anlegte - nach Fischer war sie schon damals die populärste Grüne. Ihre Ruppigkeit ist legendär, die Öffentlichkeit kennt sie aber vor allem als herzliche Frau aus dem Ruhrgebiet. Außerdem kann Künast kumpeln, damit brachte sie einst selbst störrische Bauern auf ihre Seite.
"Mhhmmm", macht Künast an einem sonnigen Frühherbst-Nachmittag und rührt in einer Pasta-Pfanne, auf dem Kopf trägt sie eine weiße Kochmütze mit der Aufschrift "Renate". Vor dem Zelt, das man für die Grünen-Spitzenkandidatin auf dem Gelände einer Kita in Berlin-Schöneberg aufgebaut hat, stehen jede Menge hungriger Kinder. "Na, was wollt Ihr denn?", sagt sie zu zwei Mädchen, die mit Teller und Besteck warten.
Die Grünen sind neidisch auf die Polit-Show der Kanzlerin
"Wenn es so was nicht gäbe, wäre Wahlkampf langweilig", sagt Renate Künast. Sie liebt solche Veranstaltungen, schon zu Regierungszeiten ist Künast damit durch die Republik gereist. "Früher hat man ja gedacht, Essen sei ein softes Thema." Aber das habe sich seit ihrer Ministerschaft zum Glück geändert. Dann dreht sich die Grünen-Politikerin zu einer Fernsehreporterin aus Frankreich. Was sie an der Kanzlerin kritisiere? "Vier Jahre Merkel heißt vier Jahre Show", sagt Künast in die Kamera.
Wenn das stimmen sollte, scheint die CDU-Kanzlerin von den Grünen gelernt zu haben. Denn Künasts Partei hat seit ihrer Gründung Ende der siebziger Jahre nicht nur den Öko-Gedanken tief in der Gesellschaft verankert - sie ist auch die Vorreiterin der politischen Show-Kunst. Klar, dass man sich deshalb umso mehr ärgert, wenn nun die Kanzlerin vor schmelzenden Eisbergen posiert. Oder SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel auf dem bedrohten Zugspitz-Gletscher.
Für Polit-Show hält es selbst der eine oder andere Grüne, wenn Jürgen Trittin mit einem süffisanten Lächeln sagt: "Das läuft prima mit Renate." Wobei Trittins Süffisanz kein Gradmesser für irgendetwas ist, weil sie von ihm jederzeit eingesetzt wird. Klar ist, dass es sich beide auch alleine zugetraut hätten. Aber bei den Grünen herrscht wegen der Koexistenz von Realos und Linken das eherne Prinzip des Teilens - doppelte Parteiführung, doppelte Fraktionsleitung, also auch doppelte Spitzenkandidatur. Künast steht für das Realo-Lager, Trittin für die Linken. Joschkas Solo-Trip vor vier Jahren war eine von der Basis nur widerwillig akzeptierte Ausnahme.
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