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Künasts Berlin-Option: Grüne träumen von der Landesmutter

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Es ist eine historische Chance - wenn sich Renate Künast darauf einlässt. Die Grünen träumen davon, bei der Wahl 2011 mit ihr als Spitzenkandidatin Bürgermeister Wowereit zu schlagen. Die Umfragen geben es her. Noch zögert Künast, aber sie hat kaum eine andere Wahl.

Berliner Polit-Duell: Künast gegen Wowereit Fotos
dpa

Berlin - Renate Künast, 54, macht Urlaub in der Holsteinischen Schweiz, wie seit vielen Sommern. Frische Luft, ein paar Bücher, viel Ruhe. Künast will in diesen Tagen Abstand zum Berliner Politikbetrieb.

Den wird sie brauchen - denn in den kommenden Monaten hat sie eine schwere Entscheidung zu treffen. Die Chefin der Grünen-Bundestagsfraktion könnte im Herbst 2011 als Spitzenkandidatin bei der Berlin-Wahl antreten. Und ihre Chancen, SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit das Rote Rathaus abzujagen, stünden nach Lage der Dinge nicht schlecht.

Die Grünen kommen einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge in der Hauptstadt wie die SPD auf 27 Prozent, weit vor der CDU mit 17 Prozent. Bei der Bürgermeisterfrage liegt Künast mit 40 Prozent sogar drei Prozentpunkte vor Wowereit. Erstaunliche Werte für eine virtuelle Kandidatin, sensationelle Werte für die Grünen, die nun erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik von einem Regierungschef-Posten träumen können, von einer Landesmutter grüner Couleur. "Wir sind auf Augenhöhe mit der SPD", sagt Fraktionschef Volker Ratzmann. Das müssten auch die Sozialdemokraten einsehen.

Seit ihr Name im Herbst ins Gespräch gebracht wurde, hat der Hype um Künast zugenommen. "Das hat sich verselbständigt", sagt der Medienberater und ehemalige "Bild am Sonntag"-Chefredakteur Michael Spreng. Sie kann eigentlich jetzt schon nicht mehr zurück, findet er: "Eine Absage wäre eine Niederlage."

Auch Bürgerliche setzen auf sie

Die frühere Verbraucherschutzministerin ist einerseits die beliebteste Grüne auf Bundesebene. Andererseits gehört Künast - geboren und aufgewachsen in Recklinghausen - zum politischen Inventar Berlins. Hier lebt sie seit mehr als drei Jahrzehnten, hier hat sie jahrelang die Abgeordnetenhausfraktion geführt, und hier ist dank ihr jetzt plötzlich von Grün-Rot oder Grün-Schwarz die Rede. Nicht mehr von einer Regierungsbeteiligung als Juniorpartner.

Die Berliner Grünen sind seit 20 Jahren in der Opposition, unterbrochen von einer halbjährigen Regierungsphase 2001. Die meisten Fraktionsmitglieder im Abgeordnetenhaus wollen unbedingt wieder regieren. Angeführt werden sie von den ehrgeizigen Vorsitzenden Ramona Pop und Ratzmann, und allen ist klar: 2011 könnten sie tatsächlich die stärkste politische Kraft in Berlin werden - aber nur mit einer Spitzenkandidatin Künast. Sie werben bei ihr.

Selbst Bürgermeister Wowereit gibt vor, sich auf Künast als Gegnerin zu freuen. Parteifreunde erklären das damit, dass er dann wenigstens wieder eine politische Herausforderung hätte. Wowereit, seit gut neun Jahren im Amt und seit 2006 Chef einer rot-roten Koalition, wirkt auffallend oft matt und lustlos.

Dass die seit dem Ende der Diepgen-Ära weitgehend bedeutungslose Berliner CDU in der Lage wäre, Wowereit abzulösen, glaubt in der Hauptstadtpolitik kaum noch jemand. Deshalb soll es nun auch aus Sicht vieler Bürgerlicher Künast richten - die einst eine sogenannte Regierungslinke war, inzwischen aber die Führungsfigur des Realo-Flügels ist und keine Berührungsängste zur Union hat.

Zwei Gründe zum Zaudern

Künasts Lager hat zur Kenntnis genommen, wie auffällig freundlich die Spitzengrüne in den vergangenen Monaten gerade von der "Bild"-Zeitung behandelt wurde. Hier ein Neujahrsempfangsfoto auf Seite 2 mit Friede Springer und Konzernchef Mathias Döpfner, dort ein freundliches Porträt, erst am Montag wurde Künast zur "Gewinnerin des Tages" ausgerufen.

Bleibt die Frage: Wieso hat sich Künast trotzdem noch nicht erklärt?

Erstens ist das Problem, wie sie mit ihrem jetzigen Amt umgehen soll. Selbst Realo-Grüne sind der Meinung, Künasts Berliner Spitzenkandidatur könne nur funktionieren, wenn sie als Fraktionschefin im Bundestag aufhöre. "Alles andere wäre heikel", sagt ein prominenter Realo. Andere Grüne behaupten genau das Gegenteil: Künast brauche als Spitzenkandidatin "jede Bühne". Medienberater Spreng rät zum Kompromiss- "Sie sollte als Fraktionschefin weitermachen - müsste sich aber für die Zeit nach der Abgeordnetenhauswahl eindeutig zu Berlin bekennen. Eine Kandidatin mit Rückfahrticket kommt bei den Leuten nicht an." Im schlimmsten Fall hieße das: Künast verliert die Wahl und sitzt auf der Oppositionsbank im Abgeordnetenhaus, wo ihre Politkarriere einst begann.

Zweitens ist da die Frage, welche Verlockungen die Bundespolitik für Künast bereit hält. Falls, ja falls die schwarz-gelbe Koalition in noch größere Schwierigkeiten gerät, könnte es Neuwahlen geben - und die Grünen hätten gute Chancen auf eine Regierungsbeteiligung. Künast wäre wieder Ministerin. Ebenfalls eine reizvolle Perspektive. Aber eine realistische?

Künast will sich frühestens im Herbst öffentlich erklären, heißt es - Umfragen hin oder her. Ohnehin ist eine alte Regel, dass von einer frühen Festlegung nur einer profitiert: der politische Gegner. In diesem Fall die SPD.

In Berlin gilt das schon deshalb, weil die Grünen noch einige programmatische Fragen zu klären haben. Zwar verspricht Fraktionschef Ratzmann selbstbewusst "ein Programm für die ganze Stadt" - aber inhaltlich sind die Berliner Grünen noch keine Volkspartei. Erst im November soll auf einem großen Parteitag ein entsprechendes Programm verabschiedet werden.

Vielleicht passt dieser Termin auch in Künasts persönliche Agenda.

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Forum - Soll Renate Künast in Berlin für die Grünen antreten?
insgesamt 141 Beiträge
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1. ...wie man hörte!
eikfier 02.08.2010
Zitat von sysopIn Umfragen liegen die Berliner Grünen gleichauf mit der SPD - und Renate Künast ist beliebter als der sozialdemokratische Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Doch die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag zögert noch mit einer Kandidatur für die Abgeordnetenhauswahlen im Herbst 2011. Soll sie es wagen?
...also mein Vertrauen in Umfrage deckt sich wohl eher mit dem von Heide Simonis in Schl.-Holst. damals, d.h. nur sehr begrenzt brauchbar. Wenn Sie aber antritt, würde das a)eine Polarisierung geben, in der Wowereit nicht schlecht bei weg käme, meine ich und b) brauchte Merkel bei der Bundestagswahl ihr beklagenswertes Ränkespiel ( Merkel ist zu mißtrauisch, vertraut offenbar der eigenen Qualität nicht richtig!?) nicht auch noch auf Frauen auszudehnen, denn Künast soll ja auch mit dem Kanzleramt liebäugeln wie man hörte...
2. ...
...ergo sum, 02.08.2010
Auch die Grüne FDP kann machen was sie möchte, aufstellen wen sie mag ... also alles wie immer. Ich gehe nicht mehr wählen, diese Zeiten sind für mich (ansonsten steter treuer Dauerwahlgänger) entgültig vorbei. Egal aus welcher Partei, - die kreisen seit Jahrzehnten nur noch um sich selbst, um ihre Befindlichkeiten, um ihre Parteikarrieren, um ihre späteren gut dotierten Posten in der Wirtschaft ... - dann sollen sie sich auch selbst wählen. Es ändert sich absolut gar nichts, - ob mit oder ohne Wahl. Vielleicht gleich untereinander bei den Parteien ausknobeln, - das wäre wenigstens dann ehrlich. Meine Legitimation durch Teilnahme an Scheinwahlen jedenfalls erhalten die nicht, keine Parteien, keine Parteisoldaten. Macht einfach weiterhin was ihr wollt, ich werde euch diesbezüglich nicht mehr stören. Wer aus meiner Familie und dem Kollegen- / Freundeskreis noch nicht ausgewandert ist geht schon nicht mehr zu Wahlen. In spätestens 5 Jahren packen wir ebenfalls, - also wozu noch über dieses Land nachdenken. Letzteres haben wir als Einstellung von den Politikern abgesehen, - wozu über dieses Land und seine Bürger nachdenken.
3. Wer sonst von den Grünen?
maan, 02.08.2010
Zitat von ...ergo sumAuch die Grüne FDP kann machen was sie möchte, aufstellen wen sie mag ... also alles wie immer. Ich gehe nicht mehr wählen, diese Zeiten sind für mich (ansonsten steter treuer Dauerwahlgänger) entgültig vorbei. Egal aus welcher Partei, - die kreisen seit Jahrzehnten nur noch um sich selbst, um ihre Befindlichkeiten, um ihre Parteikarrieren, um ihre späteren gut dotierten Posten in der Wirtschaft ... - dann sollen sie sich auch selbst wählen. Es ändert sich absolut gar nichts, - ob mit oder ohne Wahl. Vielleicht gleich untereinander bei den Parteien ausknobeln, - das wäre wenigstens dann ehrlich. Meine Legitimation durch Teilnahme an Scheinwahlen jedenfalls erhalten die nicht, keine Parteien, keine Parteisoldaten. Macht einfach weiterhin was ihr wollt, ich werde euch diesbezüglich nicht mehr stören. Wer aus meiner Familie und dem Kollegen- / Freundeskreis noch nicht ausgewandert ist geht schon nicht mehr zu Wahlen. In spätestens 5 Jahren packen wir ebenfalls, - also wozu noch über dieses Land nachdenken. Letzteres haben wir als Einstellung von den Politikern abgesehen, - wozu über dieses Land und seine Bürger nachdenken.
Klingt, pardon, reichlich wehleidig. Ist aber Ihre Entscheidung. Das "stabile Hoch" der Grünen würde ich zunächst skeptisch beurteilen. Bis zum Herbst 2011 ist noch länger als ein Jahr hin. Ob Künast als Persönlichkeit nun tatsächlich in Berlin mehrheitsfähig ist, weiß ich nicht. Auf mich wirkt sie intelligent, verbissen, besserwissend und schnarrend - kann ja durchaus sein, dass die Berliner nach den Jahren mit Party-Wowi die Schnauze voll haben und etwas "preußische Disziplin" im Roten Rathaus wünschen. So eine Art Oberaufseherin im Armenhaus. *grins*
4.
Morotti 02.08.2010
Zitat von maanKlingt, pardon, reichlich wehleidig. Ist aber Ihre Entscheidung. Das "stabile Hoch" der Grünen würde ich zunächst skeptisch beurteilen. Bis zum Herbst 2011 ist noch länger als ein Jahr hin. Ob Künast als Persönlichkeit nun tatsächlich in Berlin mehrheitsfähig ist, weiß ich nicht. Auf mich wirkt sie intelligent, verbissen, besserwissend und schnarrend - kann ja durchaus sein, dass die Berliner nach den Jahren mit Party-Wowi die Schnauze voll haben und etwas "preußische Disziplin" im Roten Rathaus wünschen. So eine Art Oberaufseherin im Armenhaus. *grins*
Sie glauben doch wohl selbst nicht, dass die SPD als Juniorpartner der "Grünen" mit denen in eine Koalition geht, so weit geht die beschworene ( teilwiese verlogene ) Gemeinschaft wohl doch nicht. Zumal ja ein Bezirksverband der Grünen in Berlin vehemennt "Tempo 30 " für ganz Berlin fordert. Meinen Sie, die Berliner sind so blöde?
5. Eine Abwahl
Bre-Men, 02.08.2010
Das ganze wird eher eine Abwahl, denn eine ernsthafte Wahl.
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Die Geschichte der Grünen
7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft
Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.
13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei
In Karlsruhe wird am 13. Januar 1980 die neue Bundespartei unter dem Namen "Die Grünen" gegründet. Die erste Bundesversammlung der Partei in Saarbrücken bestimmt das Führungstrio August Haußleiter, Petra Kelly und Norbert Mann als "Parteisprecher". In der Präambel zum ersten Programm heißt es: "Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien. … Wir verstehen uns als Teil der grünen Bewegung in aller Welt." Zentrales Thema der Grünen wird die Umwelt - ein Feld, das die deutsche Politik bislang kaum beachtet hat: "Die in Bonn etablierten Parteien verhalten sich, als sei auf dem endlichen Planeten Erde eine unendliche industrielle Produktionssteigerung möglich. Dadurch führen sie uns nach eigener Aussage vor die ausweglose Entscheidung zwischen Atomstaat oder Atomkrieg, zwischen Harrisburg oder Hiroshima. Die ökologische Weltkrise verschärft sich von Tag zu Tag: Die Rohstoffe verknappen sich, Giftskandal reiht sich an Giftskandal, Tiergattungen werden ausgerottet, Pflanzenarten sterben aus, Flüsse und Weltmeere verwandeln sich in Kloaken, der Mensch droht inmitten einer späten Industrie und Konsumgesellschaft geistig und seelisch zu verkümmern, wir bürden den nachfolgenden Generationen eine unheimliche Erbschaft auf. Die Zerstörung der Lebens- und Arbeitsgrundlagen und der Abbau demokratischer Rechte haben ein so bedrohliches Ausmaß erreicht, dass es einer grundlegenden Alternative für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bedarf."

Unmittelbar nach der Gründung brechen heftige Kämpfe um die grundsätzliche Richtung aus; die Wertkonservativen - wie die Gruppe um den ehemaligen CDU-Abgeordneten und Schriftsteller Herbert Gruhl - ziehen sich zurück.
6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl
Mit 5,6 Prozent der Zweitstimmen und 27 Abgeordneten ziehen die Grünen in den zehnten Bundestag ein; es ist seit Jahrzehnten die erste neue politische Kraft, der das gelingt. Aber der Erfolg führt nicht zu einer Einigung in der Partei, sondern verstärkt die Flügelkämpfe zwischen Fundamentalisten - "Fundis" - und Pragmatikern - "Realos". Permanente Streitpunkte: das Rotationsprinzip für wichtige Funktionen in der Parteiführung, die Trennung von Amt und Mandat - und die Frage, wie weit man mit den etablierten Parteien zusammenarbeiten konnte und wollte. Nach der Hälfte der Legislaturperiode "rotieren" alle Angeordneten - bis auf Petra Kelly und Gert Bastian, die sich weigern, ihren Platz frei zu machen.
16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen
Der Sozialdemokrat Holger Börner gewinnt 1983 die vorgezogenen Landtagswahlen in Hessen, er ist bei der Bildung seiner Regierung aber auf die Tolerierung durch die Grünen angewiesen. Im Oktober 1985 wird diese Zusammenarbeit formalisiert - und die hessischen Grünen unter dem Realo Joschka Fischer werden offizieller Regierungspartner in der ersten rot-grünen Koalition. Bei seiner Vereidigung zum Umweltminister am 12. Dezember erschien Fischer in Jeans und Sportschuhen. Die rot-grüne Koalition zerbrach nur zwei Jahr später am Streit über Genehmigungen für das Hanauer Atomunternehmen Alkem.
25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"
Bei den Wahlen zum elften Bundestag können die Grünen ihr Ergebnis noch einmal deutlich verbessern: Unter einem von "Fundis" dominierten Vorstand - Jutta Dittfurth, Rainer Trampert und Lukas Beckmann - holen sie 8,3 Prozent der Stimmen und ziehen mit 44 Abgeordneten ins Parlament ein. Das Rotationsprinzip wird reformiert: Die Parlamentarier bleiben jetzt volle vier Jahre - dann wird gewechselt.
2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen
Auf den Fall der Mauer reagieren die Grünen mit einem Aufruf an die Bundesregierung, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen - und sie argumentieren auch in den folgenden Monaten gegen eine "Einverleibung" der DDR und einen "Vollzug der Unterwerfung" oder "Anschluss". In den Bundestagswahlkampf zieht die Partei mit einer trotzigen Verfremdung eines Werbeslogans der Bahn gegen die Einheitseuphorie: "Alle Reden von Deutschland. Wir reden vom Klima". Die Wahl wird zum Debakel für die West-Grünen, sie verpassen die Fünfprozenthürde und damit den Wiedereinzug in den Bundestag. Die "Grüne Partei in der DDR" hingegen verbündet sich mit der Bürgerbewegung "Bündnis 90" und bekommt vom Verfassungsgericht einmalig eine separate Fünfprozentklausel im Osten zugestanden - zusammen schafft man 6,1 Prozent und zieht mit acht Parlamentariern in den Bundestag ein. Im Richtungsstreit, der auf die Auseinandersetzung mit dem Wahldebakel folgt, treten prominente "Fundis" aus der Partei aus - die Parteilinken Jutta Dittfurth, Thomas Ebermann und Rainer Trampert.
14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90
Es ist eine Fusion in drei Etappen: Unmittelbar nach der Bundestagswahl 1990 tun sich Grüne in Ost und West zusammen; dann vereinigen sich Teile der vormaligen DDR-Bürgerbewegungen "Neues Forum", "Initiative Frieden und Menschenrechte" sowie "Demokratie Jetzt" zur Partei "Bündnis 90"; im Mai 1993 schließlich gehen Grüne und Bürgerbewegte in der Formation "Bündnis 90/Die Grünen" zusammen.
27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland
So deutlich war die Wechselstimmung noch nie: Erstmals wird bei einer Bundestagwahl eine Regierung komplett abgewählt - CDU und FDP. Die SPD holt mit ihrem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder 40,9 Prozent der Stimmen, Bündnis 90/Die Grünen erreichen 6,6 Prozent. Das reicht für die erste rot-grüne Koalition im Bund. Im Kabinett sitzen drei grüne Minister: Joschka Fischer wird Außenminister, Andrea Fischer übernimmt das Gesundheitsressort, und Jürgen Trittin tritt als Umweltminister an. Gemeinsam mit der SPD wird der mittelfristige Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und eine Ökosteuer eingeführt.

Der Nato-Einsatz in Serbien stellt das Bündnis auf eine harte Probe. Beim Sonderparteitag der Grünen im Mai 1999 wird das Spitzenpersonal wüst beschimpft, Joschka Fischer wird von einem Farbbeutel getroffen und am Ohr verletzt. Aber er kämpft für eine Fortsetzung der Luftangriffe gegen Milosevic: "Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung der Angriffe für das grundfalsche Signal. (...) Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt, damit das klar ist!"
22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm
Im März 2002 erteilt die Bundesdelegiertenkonferenz in Berlin dem neuen Grundsatzprogramm den Segen. Titel: "Die Zukunft ist grün." Die wesentlichen Unterschiede zum "Saarbrücker Programm" beschreiben die Grünen so: "Inzwischen sind wir nicht mehr Anti-Parteien-Partei, sondern die Alternative im Parteiensystem. Die entscheidende Veränderung war, dass wir uns zu einer Reformpartei entwickeln wollten und mussten, um erfolgreich zu bleiben. Unsere politischen Visionen und Ziele wollen wir heute durch eine langfristig angelegte Reformstrategie erreichen." Die neue Richtung kommt beim Wähler an; bei der Bundestagswahl am 22. September erreichen die Grünen 8,6 Prozent - und gleichen so die starken Verluste der SPD aus. Rot-Grün geht wichtige Reformprojekte an, büßt aber im Bundesrat die Mehrheit ein und hat danach nur noch geringen Gestaltungsspielraum.
18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts
Mit der vorgezogenen Bundestagswahl verlor die bisherige Regierung ihre Mehrheit - und während sich die SPD in die Große Koalition retten konnte, stürzten die Grünen in die Opposition ab. Der bisherige Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer - heimlicher Herrscher der Partei - kündigte rasch seinen kompletten Rückzug aus der Politik an, während andere rot-grüne Ex-Minister weiter machten. Renate Künast, zuvor zuständig für das Verbraucherschutzministerium, wurde gemeinsam mit Fritz Kuhn neue Fraktionschefin im Bundestag, der bisherige Umweltminister Jürgen Trittin zu einem ihrer Stellvertreter gewählt.
15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus
Auf dem Bundesparteitag in Göttingen verabschieden sich die Grünen endgültig vom außenpolitischen Pragmatismus der Regierungsjahre. Das klare Nein der Delegierten gegen den kombinierten Antrag des Vorstands, der Verlängerung des Isaf- und des "Tornado"-Mandats in Afghanistan zuzustimmen, ist eine Ohrfeige für Künast, Kuhn und Co. Gleichzeitig genießt die Basis mit dieser Entscheidung, dass sie nach den vielen außenpolitischen Kompromissen der rot-grünen Ära fürs Erste keine Rücksicht mehr nehmen muss.
17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün
Es war ein langer Weg der Hamburger Grünen, von den fundamentaloppositionellen Anfangstagen bis ins Frühjahr 2008 - der an einem sonnigen Apriltag mit der Unterzeichnung des bundesweit ersten schwarz-grünen Koalitionsvertrags endete. Dass es selbst mit der verhältnismäßig liberalen Hamburger CDU unter Bürgermeister Ole von Beust nicht leicht für die Grünen wird, zeigt sich bald: Der Bau des von den Grünen bekämpften Kohlekraftwerks in Moorburg lässt sich nicht mehr aufhalten. Inzwischen droht ein weiteres Grünen-Projekt zu scheitern - und damit möglicherweise auch die Koalition: Die Schulpolitik von Bildungssenatorin Christa Goetsch stößt in der Stadt auf heftigen Widerstand. Das längere gemeinsame Lernen aller Kinder wird für Schwarz-Grün in Hamburg zur Bewährungsprobe. Im August 2010 tritt CDU-Bürgermeister Ole von Beust zurück, im November zerbricht die Koalition.
5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor
Wochenlang war es hin- und hergegangen, SPD und CDU warben im Saarland um die Gunst der Grünen - am Ende entschied sich die Partei mit ihrem Vorsitzenden Hubert Ulrich für ein Jamaika-Bündnis. Die Koalition mit CDU und FDP ist die erste dieser Art in Deutschland, von Parteilinken im Saarland wie im Rest der Republik wird sie argwöhnisch beobachtet. Rein strategisch ist es aus Grünen-Sicht ein kluger Schachzug, weil die Partei so ihre Machtoptionen verbreitert. Allerdings wäre auch ein rot-rot-grünes Bündnis eine Premiere gewesen.
28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg
Nach dem Abgang des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust schmeißt auch der Koalitionspartner hin: Am 28. November kündigen die Grünen dem neuen CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus die Gefolgschaft. Damit ist die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene vorzeitig gescheitert.
12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident
Die baden-württembergische Landtagswahl am 27. März 2011 führt zu einer kleinen politischen Revolution im Ländle - und stellt einen weiteren Meilenstein für die Grünen dar: Spitzenkandidat Winfried Kretschmann holt 24,2 Prozent der Stimmen und kann gemeinsam mit der SPD eine Koalition bilden. Am 12. Mai wird Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident im Stuttgarter Landtag vereidigt.
25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu
Dem Bundesparteiag am 25. Juni 2011 gehen wochenlange parteiinterne Debatten voran - doch am Ende ist das Votum klar: Die Delegierten stimmen in Berlin mit großer Mehrheit der schwarz-gelben Atomwende in ihren Grundzügen zu.


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