Kulturhauptstadt Ruhrgebiet Unser Pott soll schöner werden

2010 wird Deutschlands größter Ballungsraum Europas Kulturhauptstadt. Mit spektakulären Projekten will sich das Ruhrgebiet neu definieren. Die große Frage: Feiert sich da nur die Elite des einstigen Kohlenpotts - oder profitieren auch Verlierer des Strukturwandels?

Von Jan Müller


Essen - Katernberg hat seinen Eiffelturm. Den "Eiffelturm des Ruhrgebiets", so nennen sie im Essener Norden den stählernen Doppelbock von Schacht Zwölf. Seit 2001 ist das rostrote Fördergerüst und das alte Steinkohlebergwerk der Zeche Zollverein Unesco-Weltkulturerbe - und die wohl bekannteste Kathedrale der Industriekultur.

Ob Tanz, Skulpturausstellungen oder klassische Konzerte, vor den bizarren Kulissen der Industriebrachen wird mittlerweile fast so hochfrequent Kultur gefördert wie einst das schwarze Gold. Im ehemaligen Kesselhaus - umgebaut von Stararchitekt Norman Foster - residiert längst ein Designzentrum, nebenan, in der "School of Management", saßen jüngst die EU-Umweltminister beim informellen Treffen zusammen.

Wenn Essen im Jahr 2010, stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet, Europas Kulturhauptstadt wird, soll die alte Zeche die zentrale Anlaufstelle für Gäste aus aller Welt sein und bis weit über ihre Grenzen vor allem ein Credo verkünden: Das Revier atmet nicht mehr Kohlenstaub, sondern Zukunft.

Bier zum Frühstück

Im Schatten des Weltkulturerbes, nur wenige hundert Meter entfernt, zeigt sich die andere Seite des einstigen Kohlenpotts. Hier, im selben Stadtteil, sitzen schon am Vormittag Männer in Trainingsanzügen vor dem grauen Hauseingang neben dem Wettbüro und trinken Bier aus Flaschen. Ein Klischeebild sicherlich. Und doch hat das Ruhrgebiet, ein halbes Jahrhundert nachdem der Steinkohlebergbau zum bloßen Subventionsfeld mutierte und unaufhörlich seinem Niedergang entgegenzudriften begann, zwei Gesichter.

Eines davon zeichnen immer noch die Verlierer des Strukturwandels. Auch in Katernberg, einem Stadtteil mit "besonderem Erneuerungsbedarf", wie es offiziell heißt. Als die Zeche 1986 die Pforten schloss, verloren viele ihre Jobs. Arbeitslosigkeit und Sozialhilfequote sind hier überdurchschnittlich hoch, das Bildungsniveau entsprechend niedrig.

"Das wahre Elend", so überschrieb das Magazin "Stern" vor einigen Jahren eine Reportage über den Stadtteil im Essener Norden. Zwar berichtet Karin Neuhaus vom Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit, dass in letzter Zeit "viele positive Entwicklungsschübe" erkennbar seien. Auch bewerten die Katernberger in Umfragen das Zusammenleben in ihrem Stadtteil als überdurchschnittlich gut. Aber mit dem vergleichsweise reichen Essener Süden hat das Viertel wenig gemeinsam.

Reicher Süden, armer Norden

Seit vor rund 200 Jahren im Zuge der Industrialisierung einige lose Siedlungen und versprengte Bauernhöfe zu einem der größten Ballungsgebiete Europas zu wuchern begannen, folgte der Bergbau an der Ruhr stets dem unterirdischen Verlauf der Kohleflöze. Neue Zechen richteten sich deshalb meist nach Norden aus, ebenso wie die neu errichteten Arbeitersiedlungen und Zechenkolonien. Noch heute spaltet eine Wohlstandsgrenze das Revier, in dem in der Hochphase der Schwerindustrie mehr als 700.000 Menschen vom Bergbau abhängig waren.

Auch die Stadtforscher beobachten in vielen Städten des Ruhrgebiets dieses Nord-Süd-Gefälle. "In bestimmten Stadtteilen verfestigt sich die Armut, wird regelrecht von Generation zu Generation weitergegeben", sagt Annett Schultz vom Zentrum für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung. "Dazu kommt die Abwanderung Hochqualifizierter. Zurück bleiben diejenigen, die weniger Möglichkeiten, weniger finanziellen Spielraum haben." Segregation nennen die Stadtforscher dieses Phänomen.

In den Vierteln verstärken sich die Probleme dann oft von selbst: Es gibt Gegenden, in denen kaum einer jemanden kennt, von dem er beispielsweise lernen könnte, wie man eine Bewerbung schreibt - geschweige denn, wo man diese dann hinschicken soll. Die Teilhabe an hochkulturellen Veranstaltungen rückt da erst recht in den Hintergrund: Was die gesamten Kulturinvestitionen der Kommunen angeht, ist das Ruhrgebiet in Deutschland spitze - bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur sieht es deutlich düsterer aus.



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