Kundgebung in Köthen Kein zweites Chemnitz, vorerst

Nach dem Tod eines Deutschen in Köthen rufen rechte Gruppen zu einem "Trauermarsch" auf, rund 2500 Menschen kommen. Krawalle wie in Chemnitz bleiben aus. Doch die Rhetorik wird heftig.

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Aus Köthen berichtet


Die ersten Informationen klangen tragisch und beunruhigend. Und auch beunruhigend vertraut. Eine Auseinandersetzung in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Ein Toter, ein junger Deutscher. Zwei Verdächtige, beides Migranten. Schließlich die Aufrufe in den sozialen Medien zu einem "Trauermarsch". Alles klang so, als wiederholten sich die Ereignisse von vor zwei Wochen, bloß nicht in Chemnitz, sondern in Köthen.

Am Sonntagnachmittag dann die Bemühungen von Polizei und Politik zu verhindern, dass es in der 26.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt zu ähnlichen Ausschreitungen kommt wie in Chemnitz. Einsatzkräfte aus mehreren Bundesländern machten sich auf den Weg nach Köthen. Der Oberbürgermeister der Stadt, Bernd Hauschild (SPD), wandte sich über Facebook an die Bürger und lud sie ein, am Nachmittag in der Jakobskirche auf dem Marktplatz der Stadt gemeinsam des Toten zu gedenken. Von der Teilnahme am "Trauermarsch" am Abend riet er ab. Ihm lägen Informationen vor, "dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb Köthens in großer Zahl anreisen werden".

Mehrere Hundert Menschen folgten Hauschilds Einladung zur Gedenkveranstaltung am Nachmittag; dem Aufruf zum "Trauermarsch" am Abend folgten viele mehr. In den sozialen Medien wurden Gerüchte gestreut: Der Tote sei erstochen worden, hieß es. Die Polizei dementierte das wenig später. Auch auf dem Landesparteitag der AfD im nahen Dessau war der Streit mit dem tödlichen Ausgang laut einem Bericht der "Mitteldeutschen Zeitung" ein Thema. "Zunächst warten wir das Ergebnis der Obduktion ab und rufen zu Besonnenheit auf", zitiert die Zeitung den Köthener AfD-Landtagsabgeordneten Hannes Loth.

Kurz vor Beginn der Veranstaltung teilten Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion dann mit, dass der Tote nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis einem Herzversagen erlegen sei, "das nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit den erlittenen Verletzungen steht". Nach Angaben der "Mitteldeutschen Zeitung" und Informationen der dpa hatte der 22-Jährige eine kardiologische Vorerkrankung. Gegen die beiden Verdächtigen wird wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

Doch diese Auskunft minderte die Wucht der politischen Dynamik kaum, die inzwischen entstanden war. Am Abend kamen laut Polizei zwischenzeitlich rund 2500 Teilnehmer zusammen, die durch die Straßen zum Karlsplatz zogen, dem Schauplatz der Auseinandersetzung. Neben Familien waren auch zahlreiche Personen in szenetypischer Kleidung unterwegs, etwa T-Shirts mit der Aufschrift "Htlr" oder "White Resistance".

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Köthen: Trauer und Wut

An einem Baum werden Kerzen angezündet, Blumen niedergelegt. Es bleibt zunächst still. In der Mitte, gleich am Baum, stehen Menschen mit Tränen in den Augen, die einander in den Arm nehmen und trösten. Einer von ihnen spricht kurz mit Journalisten, wird aber schnell von anderen Teilnehmern zurechtgewiesen.

Wenig später ist es vorbei mit der Stille, eine Stimme ist zu hören, Lautsprecher tragen sie über den ganzen Platz. Ein Mann mit kahlrasiertem Schädel und einer Tätowierung im Gesicht hat sich ein Mikrofon genommen. Es ist Thügida-Chef und Ex-NPD-Mann David Köckert. Eigentlich müsse man bei so einem Anlass schweigen, sagt Köckert. Er spricht dann trotzdem - und räumt den politischen Parolen deutlich mehr Zeit ein als den Beileidsbekundungen.

Köckert spricht über "Mord, Totschlag, Vergewaltigung", Verbrechen, die jede Woche an Deutschen verübt würden; über das angebliche Schweigen der "antideutschen Schweinepresse"; über einen "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk"; und über Polizisten, die er "charakterlose Söldner in Blau" nennt, die sich weigerten, sich auf die Seite des Volkes zu stellen.

Hunderte Beamte sind an diesem Abend im Einsatz. Dutzende Einsatzwagen fahren durch die Stadt, auf den Nummernschildern: Wappen aus Sachsen-Anhalt, Sachsen, Berlin und Niedersachsen. Auch Polizisten aus Brandenburg und Beamte der Bundespolizei sind im Einsatz. Sie trennen die Teilnehmer des Trauermarschs weiträumig von denen einer Gegendemonstration, zu der am Bahnhof der Stadt etwa 200 Menschen zusammengekommen sind.

Einige Journalisten berichteten, sie seien angegangen worden. Doch weitgehend sei der Aufmarsch störungsfrei verlaufen, teilt die Polizei am Ende des Abends mit.

Die Rhetorik ist dafür umso heftiger. Da sind die vertrauten Silben, die bei rechten Kundgebungen immer über die Plätze hallen: "Wi-der-stand", "Lü-gen-pres-se" und "Volks-ver-rä-ter", aber dabei bleibt es an diesem Abend nicht. Die Redner am "offenen Mikrofon" tragen eine Erzählung vor, in der sie "das Volk" an einem Wendepunkt sehen: jenem Punkt, an dem es aufhört, Opfer zu sein, und zum Angriff übergeht.

Manche der Redner, die an diesem Abend an das offene Mikrofon treten, drohen der Presse und den Politikern, die "das System" tragen. Andere rufen zu einem Marsch nach Berlin am 9. November auf. Am Ende der Veranstaltung ziehen die Teilnehmer wieder durch die Straßen, skandieren "Frei, sozial und national!" und "nationaler Sozialismus - jetzt!"



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