Kunduz-Affäre Nato-Bericht prangert Fehler von Oberst Klein an

Der Nato-Abschlussbericht zum Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kunduz legt die Fehler des deutschen Obersts Klein offen. Nach SPIEGEL-Informationen verstieß der Bundeswehr-Offizier gegen etliche Regeln. Dabei ist die Rolle der Spezialtruppe KSK größer als bisher bekannt.

Ausgebranntes Wrack bei Kunduz: Oberst Klein "isolierte sich vom System"
AP

Ausgebranntes Wrack bei Kunduz: Oberst Klein "isolierte sich vom System"


Hamburg - Die Beteiligung des Kommandos Spezialkräfte (KSK) bei dem Bombardement von zwei Tanklastern bei Kunduz spielte nach Informationen des SPIEGEL eine größere Rolle als bisher bekannt. Die Nato kommt in ihrem geheimen Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass die vielen Verstöße des deutschen Obersts Georg Klein gegen Nato-Vorschriften nur möglich wurden, weil dieser ausschließlich vom Gefechtsstand der deutschen Spezialeinheit Task Force 47 aus agierte.

Die Task Force 47 agiert strikt abgeschirmt auf dem Gelände des deutschen Feldlagers in Kunduz. Die Einheit besteht zur Hälfte aus KSK-Elitesoldaten und zur anderen aus Aufklärern der Bundeswehr.

Klein, so das Urteil des Abschlussberichts der Nato, "isolierte sich vom System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung". Die Bundeswehr hat die Rolle der Task Force und damit des KSK bisher stets heruntergespielt. Die Nato hingegen konstatiert in ihrem Bericht, "dass der Einsatz hauptsächlich vom Personal der Task Force 47 initiiert und ermöglicht wurde".

Zudem haben Oberst Georg Klein und sein Fliegerleitoffizier den Piloten der zwei F-15-Kampfjets vor der Bombardierung der beiden von Taliban entführten Tanklaster entscheidende Informationen vorenthalten. Dem SPIEGEL sagte einer der Piloten jetzt, er habe die ganze Nacht kein gutes Gefühl gehabt. Der US-Pilot erwog sogar, den Einsatz über Kunduz abzubrechen, da er spürte, dass der deutsche Kommandeur am Boden das Bombardement um jeden Preis wollte. Bei dem Angriff am 4. September 2009 kamen bis zu 142 Menschen ums Leben, darunter auch Zivilisten.

Einer der beiden Tanklasterfahrer war noch am Leben - dann kam der Angriff

Aus dem geheimen Nato-Bericht über den Vorfall geht hervor, dass die Bundeswehr von einem Informanten wusste, dass mindestens einer der beiden Fahrer der Tanklastwagen noch am Leben war, als die Laster die Sandbank im Fluss erreicht hatten. Der Übersetzer der Task Force 47, ein Afghane mit deutschem Pass, der in der Nacht mindestens siebenmal mit dem afghanischen Informanten gesprochen hatte, sagte dies als Zeuge vor Nato-Ermittlern aus. Als die US-Piloten per Funk bei den Deutschen nach dem Schicksal der Fahrer fragten, sagte der Fliegerleitoffizier von Oberst Klein dennoch, er habe darüber keine Informationen.

Den Nato-Ermittlern berichtete einer der beiden US-Piloten, wenn sie gewusst hätten, dass einer der entführten Tanklasterfahrer unter den Menschen im Zielgebiet sei, "hätten sie ihre Waffen nicht eingesetzt".

Im Zuge der Kunduz-Affäre war Arbeitsminister Franz Josef Jung (CDU), der zum Zeitpunkt des Angriffs Verteidigungsminister war, von seinem Amt zurückgetreten. Auch den jetzigen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatten die Untersuchungen zum Hergang belastet.

Karzai lobt Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan

Der afghanische Präsident Hamid Karzai sieht die Beziehungen zu Deutschland durch das Tanklaster-Bombardement aber nicht gefährdet. "Keine andere Regierung hat sich so um die zivilen Opfer gekümmert wie die deutsche", sagte er dem SPIEGEL. Karzai zollt den deutschen Truppen sogar großes Lob. "Sie haben ihre Sache gut gemacht."

Bei der Londoner Afghanistan-Konferenz habe der Westen sich dem Kurs der afghanischen Regierung angeschlossen, behauptet Präsident Hamid Karzai in dem SPIEGEL-Interview. Das Ergebnis der Konferenz fasste er mit den Worten zusammen: "Das Neue daran ist, dass die internationale Gemeinschaft endlich begreift, wie wichtig ein Aussöhnungsprogramm" mit den Taliban für das Land sei. Neu sei auch, "dass die Vereinigten Staaten, Europa und Japan ein solches Programm mittragen wollen". Erst jetzt habe der Westen erkannt, dass sich der Anti-Terror-Kampf nicht gegen afghanische Dörfer richten dürfe, sondern gegen die "Rückzugsgebiete, die Trainingscamps, die finanziellen Unterstützer" der Terroristen. Karzai: "Hätten die Verbündeten das schon vor acht Jahren eingesehen, stünden wir heute besser da. Leider haben nicht alle auf uns gehört."

Die neue Strategie des amerikanischen Oberbefehlshabers, General Stanley McChrystal, unterstützt Karzai vor allem, weil sie "dem Schutz von Zivilisten" diene. "Wenn wir uns an dieses Prinzip halten, werden wir Erfolg haben. Wenn nicht, ist ein Scheitern sicher."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
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EvilMoe, 30.01.2010
1. re
Wir schreiben das Jahr 2086: "Wieder neue Fakten im Fall von Oberst Klein!" Aber mal zum eigentlich Artikel: "Den Nato-Ermittlern berichtete einer der beiden US-Piloten, wenn sie gewusst hätten, dass einer der entführten Tanklasterfahrer unter den Menschen im Zielgebiet sei, "hätten sie ihre Waffen nicht eingesetzt"." Ob der Pilot das erste mal einen US-Kampfjet fliegt?
csaa6966, 30.01.2010
2. Aufregung?
Na und? "Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt." Napoleon Bonaparte
Sir_Lancaster 30.01.2010
3. Erfolgreiche Operation
Hört auf die erfolgreich Operation schlecht zu machen. 10 solcher Einsätze und das Bundeswehrgebiet ist erst Banditenfrei! Es ist jedoch bedenklich, dass unsere Soldaten auf amerikanische Luftunterstützung angewiesen sind. Es ist unmöglich, wenn ein einfacher US-Pilot eine klare Anweisung eines kommandierenden deutschen Offiziers in Frage stellen kann. Holt unsere Jungs schnellstens da raus!
genugistgenug 30.01.2010
4. .
Zitat von sysopDer Nato-Abschlussbericht zum Luftangriff auf zwei Tanklaster bei Kunduz legt die Fehler des deutschen Obersts Klein offen. Nach SPIEGEL-Informationen verstieß der Bundeswehr-Offizier gegen etliche Regeln. Dabei ist die Rolle der Spezialtruppe KSK größer als bisher bekannt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,675058,00.html
Bomben können sie bereits wieder über Dritte werfen lassen, müssen sich nicht mal selbst die Finger schmutzig machen. Jetzt muss nur noch an der Verdunkelung gearbeitet werden - doch da gibt es doch die Sekretärin für Agitation und Propaganda, wann wird die wieder reaktiviert? Oder ist der Afghanistaneinsatz nur die Ausrede wenn die NRW Wahl für die unChristliche unDemokratische Union schiefläuft? Erklärt dann die Kanzlerin den Kriegszustand und schwupp ist sie Alleinherrscherin und ihre Gegner kommen wieder nach Bautzen?
Chrysop, 30.01.2010
5. Tribunal
Die mutmaßlichen Kriegsverbrecher und Verantwortlichen für die Tötung von Verbündeten und Zivilisten müssen endlich vor einem ordentlichen Gericht angeklagt werden, wenn Deutschland dazu nicht Willens oder in der Lage ist, muss das notfalls ein Gericht der Weltgemeinschaft übernehmen, sonst verliert der Afghanistaneinsatz vollkommen an Glaubwürdigkeit, nicht nur bei den Afghanen.
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