Kunduz-Bombardement: Falsche Kameradschaft mit Oberst Klein

Ein Kommentar von

Es ist ein Freispruch erster Klasse. Die Bundeswehr hat entschieden, dass Oberst Klein vor einem Jahr beim Tanklaster-Bombardement von Kunduz nichts falsch gemacht hat - er soll nicht einmal abgemahnt werden. Die Entscheidung ist juristisch feinsinnig. Und zeugt von falsch verstandenem Korpsgeist.

Afghanistan: Klein und der Befehl zum Bomben Fotos
DPA

Es war das folgenschwerste Bombardement, das ein deutscher Offizier seit dem Zweiten Weltkrieg befohlen hat. In den frühen Morgenstunden des 4. September 2009 warf ein F-15-Jet der US-Armee zwei 500-Pfund-Sprengkörper auf eine Sandbank nahe Kunduz in Nordafghanistan ab - auf Anforderung von Bundeswehroberst Georg Klein. Die Bomben trafen zwei Tanklastwagen, die von Taliban entführt worden waren. In der Feuerhölle starben bis zu 142 Menschen.

Unter ihnen waren sehr viele Dorfbewohner, die nur den Sprit aus den Tanks wollten. Die Hinterbliebenen haben kürzlich 5000 Dollar von der Bundeswehr bekommen. "Ex gratia" nennt man das - ohne Anerkennung, dass die Truppe oder Klein aus juristischer Sicht etwas falsch gemacht haben.

Gut ein Jahr ist die Katastrophe nun her, und was die Frage nach der Verantwortung und den falschen Entscheidungen angeht: Dazu gab es an diesem Donnerstagnachmittag Neuigkeiten. Die Bundeswehr verschickte 14 Zeilen per E-Mail. Kurz und knapp verkündete sie darin, man habe die disziplinarischen Ermittlungen gegen Klein eingestellt.

Es sei "kein Dienstvergehen" festzustellen, schreibt das Heer. Vorsorglich wird erwähnt, dass im April ja schon die Bundesanwaltschaft ihr Ermittlungsverfahren gegen Klein eingestellt hat, "weil sein Handeln nach den maßgeblichen Kriterien des humanitären Konfliktvölkerrechts rechtmäßig war". In geschliffenem Beamtendeutsch wird in der E-Mail formuliert, man sei nun in "sachgleicher disziplinarer" Vorermittlung zum gleichen Ergebnis gekommen.

Etwas weniger umständlich gesagt: Die Truppe wird ihren wohl umstrittensten Offizier für seine Handlungen am 4. September 2009 nicht einmal abmahnen.

Zurzeit ist Klein auf einem eher symbolischen Job als Stabschef bei seiner Panzereinheit in Leipzig geparkt und wird auf eigenen Wunsch von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Er wird nie wieder einen wichtigen Posten einnehmen, ist aus der Truppe zu erfahren - allerdings ist er nun dienstrechtlich entlastet worden. Und damit ist er ein Beispiel mit Symbolcharakter für alle anderen Soldaten geworden, die in Afghanistan dienen.

Klein irrte sich

Die Entscheidung irritiert, so folgerichtig sie nach dem Völkerrecht sein mag. Auf Hunderten Seiten hat die Nato Kleins Entscheidungen untersucht. Das Militärbündnis hat eindeutig gerügt, dass der deutsche Oberst in jener Nacht nur eine Quelle für seine Meinungsbildung hatte und darauf basierend seine Entscheidung traf. Dieser einen Quelle zufolge ging von den Tanklastern eine unmittelbare Gefahr für Soldaten aus. Das war falsch. Und damit irrte Klein.

Die Ermittler warfen dem Oberst auch vor, entgegen eindeutiger Nato-Regeln nach dem Angriff nicht sofort und nachdrücklich recherchiert zu haben, wer und wie viele Menschen ums Leben gekommen waren. Klein ging erst in die Kapelle im Camp und dann ins Bett.

Nicht nur die Nato hat Fehler attestiert, sondern auch Kleins heutiger Dienstherr, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er war in der Bombennacht zwar noch nicht im Amt, hat aber später bei der Aufarbeitung von "Verfahrensfehlern" gesprochen. Gemeint hat er den Bruch von Dienstvorschriften. Er hat angeordnet, dass Soldaten sofort besser mit Nato-Vorgehensweisen vertraut gemacht werden - die geschaffen wurden, um Katastrophen wie bei Kunduz zumindest weniger wahrscheinlich zu machen.

Man muss Klein zugestehen, dass er in diesen komplexen Abläufen nicht ausreichend geschult war. Seine Ausbildung war eher auf einen Wiederaufbaueinsatz ausgerichtet, der mit Waffen geschützt wird. Auf den Krieg in Kunduz war er nicht oder nicht genug vorbereitet, und in seiner Zeit rückten die Kämpfe so nah ans Lager heran wie nie zuvor. Von einem Nato-Offizier wurden da immer öfter tödliche Entscheidungen verlangt.

Heute wäre er vermutlich General

Nein, Klein ist kein Kriegsverbrecher. Und doch hat er Fehler gemacht. Als militärischer Führer des Feldlagers in Kunduz stand er in jener Nacht unter hohem Druck. Er hat dann eine einsame und falsche Entscheidung getroffen - und diese nachher nicht ausreichend untersucht, ob bewusst oder unter Schock.

Nun hat sich Klein vermutlich selbst genug gestraft. Als Christ macht er sich bis heute Vorwürfe, dass durch sein Handeln Frauen und Kinder gestorben sind. Das hat er vor dem geheim tagenden Untersuchungsgremium des Bundestags mehrmals gesagt. Als man ihn damals zum Sitzungssaal hetzen sah, wie einen Schwerverbrecher durch einen Seiteneingang des Bundestags, abgeschirmt von zwei Bodyguards und seinem Anwalt, war das ein anderer Georg Klein als der Oberst in Kunduz.

Ohne seine Entscheidung in jener Nacht wäre Klein heute vermutlich General. Die Bomben von Kunduz fielen rund drei Wochen vor seiner routinemäßigen Heimkehr nach Deutschland. Es war nicht gerecht, dass Klein schon einen Tag nach der Katastrophe durch eine unglückliche Verkettung von Zufällen mit seinem Bild auf Titelseiten weltweit angeprangert wurde - als erster Nato-Offizier überhaupt.

Es ist allerdings auch nicht gerecht, dass Klein bei der Aufarbeitung jetzt nicht mal getadelt wird.

Es entsteht der Eindruck, er habe am Ende gar nichts falsch gemacht. Das stimmt zum einen nicht, und zum anderen ist es für die Opfer und für die Soldaten ein schlechtes Signal. Gerade für jene Offiziere, die aktuell in Afghanistan Dienst tun. Natürlich können auch die Nato-Regeln fatale Fehler nicht völlig verhindern, leider, aber die Offiziere müssen sich an die Vorschriften halten - Krieg hin oder her. Und wenn die Vorschriften dann gebrochen werden, muss das klar gesagt werden.

Falsch verstandener Korpsgeist dagegen sollte bei der Bundeswehr keinen Raum haben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 210 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Falsch verstandener Korpsgeist
ecce homo 19.08.2010
Falsch verstandener Korpsgeist scheint bei uns mit dem Tragen einer Uniform einherzugehen.
2. Tagebuch
Zweck-Los 19.08.2010
Zitat von sysopEs ist ein Freispruch erster Klasse. Die Bundeswehr hat entschieden, dass Oberst Klein vor einem Jahr beim Tanklaster-Bombardement von Kunduz nichts falsch gemacht hat -*er soll nicht einmal abgemahnt werden. Die Entscheidung ist juristisch feinsinnig. Und zeugt von falsch verstandenem Korpsgeist. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,712780,00.html
Halbe Nebensätze, Einwortsätze mit Ausrufezeichen...Schlimmer Artikel, ein verirrter Tagebucheintrag?
3. Wehrhafte Demokratie?
brainforce 19.08.2010
Korpsgeist bei der Bundeswehr, bei Bundes- und Landespolizei - da weiß man, was einem blüht, wenn immer mehr Menschen den Blick und das Gefühl dafür verlieren, wie fragil Demokratie ist. Wer es selbstverständlich findet, als "gläserner Mensch" durchs Leben zu gehen, bemerkt keine Entdemokratisierungstendenzen. Wie schnell werden da Truppe und Polizei zum Werkzeug omnipotenter PolitikerInnen, wenn sie statt Demokratie- und Bürgersinn vor allem Korpsgeist besitzen. Wie das enden kann, wissen wir leider. Und unsere Nachbarn auch.
4. Glückwunsch!
duk2500 19.08.2010
Meinen Glückwunsch an Herrn Klein. Leider ist Krieg nicht so, wie sich das die Gutmenschen in Berliner Amts- und Hamburger Reaktionsstuben so vorstellen. Da geht eben wie woanders auch halt mal was schief, das kostet aber in einem Krieg dann Menschenleben. All dies sollte aber bedacht sein, ehe man die Bundeswehr in einen Einsatz am Ende der welt schickt, der nicht zu gewinnen ist. Einem Offizier, der unter Zeitdruck und immer mit unzureichenden Informationen entscheiden muß und gleichzeitig für das Leben und die Gesundheit seiner Soldaten verantwortlich ist, sollte man keinen Vorwurf machen oder noch schlimmer den Respekt verweigern. Man sollte ihm so wie jetzt geschehen den Rücken stärken. Das haben unsere Soldaten verdient.
5. Ohen meinen Anwalt ...
rkinfo 19.08.2010
Zitat von sysop*Es ist ein Freispruch erster Klasse.* .... Die Entscheidung ist juristisch feinsinnig. Und zeugt von falsch verstandenem Korpsgeist.
Diese ganze Schießerei ohne den eigenen Anwalt in der Nähe ist einfach falsch organisiert. Man sollte da unten jedem Soldaten einen Anwalt zur Verfügungs stellen der auch in Gefechtssituationen Just in Time die relevante juristische Fachliteratur recherchieren kann. Schließlich geht es da unten ja um Menschenleben. Zur Erinnerung - es war zur Tatzeit stockdunkel und jeder war auf technische Hilfmittel zur Lagebeurteilung angewiesen. Und es gab keinen ähnlichen Vorfall der als Referenz hätte dienen können. Rückblickend betrachtet ist klar dass viele Zivilisten da waren und es auch für die Terroristen Sinn ergab die Tankwagen teils zu leeren. Und im Krieg ist es wirklich unüblich dass fehlerhafte Entscheidungen die nicht die eigene Truppe schwächen nie zu Konsequenzen für die Kommandeure führten. Außer bei völkerrechtswidrigen Vorgängen. Oberst Klein wirde also nicht anders behandelt als es sonst auch in Armeen üblich ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Oberst Georg Klein
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 210 Kommentare
  • Zur Startseite
Chronologie der Bombennacht
Klicken Sie auf die Zeiten für Details der Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009...
20.00 bis 22.30 Uhr Ortszeit
20.00 Uhr Ein afghanischer Informant meldet dem Bundeswehrcamp in Kunduz die Entführung zweiter Tanklaster aus einem Nato-Versorgungskonvoi bei Aliabad südlich vom Feldlager der Bundeswehr.

21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.

22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.

22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
22.30 bis 1.30 Uhr
0.00 Uhr "Bone 22" lokalisiert die beiden Trucks auf einer Sandbank und sendet die ersten Schwarzweiß-Videobilder an die Kommandozentrale im deutschen Camp. Dort sitzen der Chef des Lagers, Oberst Georg Klein, und Oberfeldwebel W., der im Funkverkehr mit dem Einsatznamen "Roter Baron" auftritt. Die beiden Deutschen hocken vor einem "Rover"-Sichtgerät, einer Art Laptop mit Verbindung zur Kamera des Flugzeugs, und verfolgen die Bilder.

0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").

0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Unterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.

1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.

1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.30 bis 2.30 Uhr
1.33 Uhr Einer der F-15-Piloten bittet das deutsche Feldlager um weitere Aufklärung des Tatorts. "Red Baron" hingegen gibt an die Piloten den eindeutigen Befehl des deutschen Oberst Georg Klein zum Abwurf von Bomben weiter. Sie sollen direkt auf die Sandbank gezielt werden.

1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.

1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.

1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.

2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
Im Morgengrauen
Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskräfte am Tatort ein. Leichen sind kaum noch zu finden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.

7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
Mittags
12.00 Uhr Ein deutsches Erkundungsteam trifft am Tatort ein, auch die afghanische Armee ist noch vor Ort. Leichen sind kaum noch zu sehen. Der Trupp notiert in seinem Bericht die beiden zerstörten Tanklaster, einen Traktor und ein Pick-up-Fahrzeug. Einem anderen Trupp wird berichtet, die Taliban hätten am Vorabend in einem nahen Dorf die Moschee betreten und Dorfbewohner gezwungen, mit ihren Traktoren beim Abtransport des Treibstoffs aus den feststeckenden Lastern zu helfen. 14 Dorfbewohner seien vermisst, also vermutlich bei den Angriffen getötet worden, so der Bericht der Deutschen - das erste sichere Indiz für zivile Opfer. Weitere Hinweise erhält ein Team, dass im Krankenhaus von Kunduz mehrere verletzte Kinder sieht und auch zwei Leichen von getöteten Teenagern gezeigt bekommt.

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon