Kunduz-Bombardement: Geheimprotokolle offenbaren Vernebelungstaktik der Militärs

Von , John Goetz und

Hektische Videokonferenzen, Telefonate, Gesprächsnotizen: Vertrauliche Protokolle, die dem SPIEGEL vorliegen, erlauben erstmals einen Einblick in die Stunden nach dem Luftangriff bei Kunduz. Der Inhalt ist heikel - Deutschen und Nato-Offiziellen ging es offenbar mehr um ihren Ruf als um Aufklärung.

Fotostrecke

10  Bilder
Kunduz-Krise: Die Akteure von Kunduz
Berlin - Es ist noch sehr früh am Morgen in Deutschland, als sich am 4. September in Kabul und Masar-i-Scharif gegen neun Uhr Ortszeit drei Top-Offiziere der Schutztruppe Isaf zu einer Videokonferenz treffen. Brigadegeneral Jörg Vollmer, Chef aller deutschen Soldaten in Afghanistan, sitzt in Nordafghanistan. Zugeschaltet aus dem Hauptquartier sind Konteradmiral Gregory Smith, Pressemann von Isaf-Chef Stanley McChrystal, und der Geheimdienstchef des US-Vier-Sterne-Generals, Mike Flynn. Thema ist der vom deutschen Oberst Georg Klein angeordnete Luftangriff bei Kunduz rund sieben Stunden zuvor.

Die Runde ist alarmiert. Der arabische Fernsehsender al-Dschasira berichtet über den Tod etlicher Zivilisten, das Trio berät über das weitere Vorgehen. Das Gesprächsprotokoll zeugt von Anspannung, die Fragen sind kurz, die Antworten auch. Jeder weiß, wie viel Empörung ein Fehler der Nato auslösen könnte. Deswegen ist auch Smith dabei, McChrystals Mann für Kommunikationsstrategie. Vollmer berichtet stichwortartig: "Kann nicht ausschließen, dass auch Zivilisten involviert waren." Die beiden anderen Militärs weisen ihn an, mehr Informationen zu beschaffen, so schnell wie möglich.

Am Ende der Konferenz ergreift Mike Flynn noch einmal das Wort. Der US-Offizier macht deutlich, was Vollmer zu tun hat, was die Deutschen aus Nato-Sicht machen sollen. "Das Wichtigste ist, dass lokale Stellen den Vorwurf widerlegen, es habe zivile Opfer gegeben", sagt er trocken. Dem erfahrenen Militär ist schon jetzt klar, dass die Situation nach dem Abwurf von zwei Bomben südwestlich von Kunduz mit Sicherheit "eskalieren" wird. Für die Schadensbegrenzung bietet er Vollmer deswegen vom Hauptquartier aus jede mögliche Hilfe an.

Das vertrauliche Protokoll der Morgenrunde am 4. September, der zwei weitere Schalten folgten, gemeinsam mit internen Bundeswehr-Papieren ermöglicht einen neuen, besorgniserregenden Blick auf den Tag nach dem verheerenden Bombenabwurf bei Kunduz. Die Protokolle und Papiere liegen dem SPIEGEL vor. Aus den Dossiers entsteht der Eindruck, dass es den Deutschen und auch Nato-Offiziellen bei der Aufarbeitung mehr um ihren Ruf als um wirkliche Aufklärung ging.

Vollmer weiß um 10.50 Uhr von toten Zivilisten

Gleich nach der Morgenschalte sucht Brigadegeneral Vollmer das Gespräch mit afghanischen Spitzenbeamten. Er will hören, was sie über den Angriff denken. Er tauscht sich erst mit dem Polizeichef und dem Gouverneur der Provinz Kunduz aus, dann mit den Distriktmanagern aus Chahar Darreh und Aliabad. Die Herren sind begeistert von dem Luftschlag gegen die Aufständischen, der Gouverneur übergibt gar ein Geschenk. Kein Wort von zivilen Opfern. Das ermutigt.

Um 10.50 Uhr greift Vollmer laut Protokoll zum Telefon. Die Vorwürfe im Bericht von al-Dschasira, etliche Unbeteiligte seien zu Schaden gekommen, will er selbst überprüfen. Er erreicht einen General der afghanischen Armee. Sie sprechen zehn Minuten, der General bedankt sich für den Angriff - doch freuen kann sich Vollmer darüber nicht. Denn der Herr am anderen Ende der Leitung hat auch eine andere Nachricht: Nach seinen Informationen seien "8-10 Zivilisten verbrannt".

Es dauert nicht lange, da wird eine neue Videokonferenz anberaumt, diesmal sind auch Juristen der Nato dabei. Vollmer steht unter Druck. Der Deutsche muss abermals referieren: Ermittler seien inzwischen am Ort des Bombardements gewesen, die Freude bei lokalen Behörden sei groß. Und: Zwölf Patienten lägen im Krankenhaus. Über zivile Opfer spricht er erst ganz am Ende. Diese könnten "nicht kategorisch ausgeschlossen werden".

"Wo ist der PRT-Chef?"

Der Ton wird schärfer. McChrystals Männer sind ungeduldig. Gar nicht zufrieden sind sie darüber, dass Oberst Klein nicht anwesend ist, der den Angriff befohlen hat. Wo er denn sei, der Chef des Provinzwiederaufbauteams Kunduz, wollen sie von Vollmer wissen: "Where is the PRT Comd?" Zu Deutsch: "Wo ist der PRT-Chef?" Klein sei in Kunduz, um mit der afghanischen Seite den Vorfall zu besprechen: "Er muss viele Fragen zu den laufenden Untersuchungen beantworten", sagt der deutsche Brigadegeneral. Wie denn das Ausmaß des Feindkontakts vor dem Bombenabwurf gewesen sei, wird der Deutsche gefragt. "Sehr kurz", erwidert der, was bei den Isaf-Vertretern Erstaunen ausgelöst haben dürfte. Feindberührung gilt als zentrale Voraussetzung für Luftangriffe, das weiß auch Vollmer. Die Isaf-Regeln sind da eindeutig.

Die Lage ist ernst. Erneut wird die Kommunikation besprochen. "Sind Sie zufrieden mit den Ressourcen in Ihrer Pressestelle?", wird Vollmer gefragt. "Wir haben die Leute, die wir brauchen", antwortet er. Aber zwei Dinge könnten jetzt nützlich sein: "We should be viewed as positive from an AFG and GIRoA (Government of the Islamic Republic of Afghanistan, d. Red.) perspective", schlägt Vollmer vor.

Auf deutsch: "Wir sollten aus Sicht der Afghanen und der afghanischen Regierung positiv rüberkommen." Außerdem müssten Widersprüche schnell aufgeklärt werden. Sein Regionalkommando arbeite gerade an "Radio-Berichten", um eine Informationsoffensive zu "formen".

"Wir beobachten ebenfalls die Medien", heißt es am anderen Ende der Leitung. Außerdem werde man mit einer "sanften Mitteilung die Opfer bedauern und verdeutlichen, dass ausreichend auf die Präsenz von Zivilisten geachtet wurde".

Isaf-Chef McChrystal maßregelt deutsche Generäle

Es hilft nichts. In Deutschland wächst längst der Zweifel an dieser These, auch in Afghanistan wird die Kritik lauter.

Um 16.30 Uhr beraumt Nato-Kommandeur Stanley McChrystal schließlich eine dritte Videokonferenz an. Vollmer muss wieder antreten, auch der deutsche General Egon Ramms ist diesmal zugeschaltet. McChrystal ist stinksauer. Er hat erst kürzlich die Regeln für Luftangriffe im Afghanistan-Krieg verschärft. Bomben sollen nur noch bei akuter Gefahr für die eigenen Soldaten geworfen werden und wenn klar ist, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Er ist davon überzeugt, dass nur so das nötige Vertrauen in die ausländischen Truppen hergestellt werden kann. Das Bombardement bei Kunduz passt überhaupt nicht in dieses Bild.

Entsprechend kurz angebunden ist der Vier-Sterne-General: "Updaten Sie bitte."

Inzwischen hat Brigadegeneral Vollmer ein paar neue Details zu berichten: 56 Taliban seien umgekommen, dazu einige Zivilisten. Im Krankenhaus lägen elf männliche Verwundete und ein zehnjähriges Kind. Sein Team habe bei der Erkundung des Tatorts zwar keine Leichen, aber "einige Körperteile" finden können.

Beschwerde über "Albernheit" der Deutschen

General Ramms ergänzt, dass der Angriff "großen Aufruhr in Europa" verursache, in Berlin würden Journalisten schon den Verteidigungsminister "attackieren". Seine eigene Begründung liefert er gleich hinterher: "Nicht alle Antworten wurden intelligent verkündet" - eine deutliche Spitze gegen den damaligen Amtsinhaber Franz Josef Jung und sein Ministerium.

Die deutschen Tumulte interessieren McChrystal wenig. Er ist offensichtlich dafür, erst gar keine Vernebelungsstrategie zu versuchen - sondern Klarheit in die Sache zu bringen. Und das macht er den Deutschen auch deutlich.

Er gibt Ramms und Vollmer eine knappe "Anleitung": "Geben Sie offen zu, dass wir nicht alles wissen, und verweisen Sie auf die Untersuchungen", herrscht er die Deutschen an. Er gehe nicht davon aus, dass man mit der ersten Einschätzung richtig lag, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Aus der Luft habe man das niemals erkennen können. "Ich bin zutiefst enttäuscht", zürnt der Isaf-Chef. Die ersten Meldungen der Deutschen seien eine "Albernheit". Auch habe er Zweifel, dass die Einsatzregeln eingehalten wurden. Und warum denn eigentlich erst drei Stunden nach den ersten Beschuldigungen in den Medien Soldaten zum Tatort geschickt worden seien?

Er "werde ermitteln", sagt Vollmer laut Protokoll. Es wirkt kleinlaut. Derzeit habe er "keine passende Antwort, warum das so lang gedauert" habe.

"KEINE WEITERLEITUNG AN DRITTE"

Vollmer wird auch noch anderes zu erklären haben. Zu den vielen Merkwürdigkeiten des Tages passen auch die E-Mails, die er von einem deutschen Oberstleutnant im Feldlager Kunduz zugeschickt bekommt.

Da der Teamleiter der ersten Nato-Untersuchungskommission, der Brite Paddy Teakle, an dessen Rechner im deutschen Camp arbeitet und von dort seine streng geheimen Einschätzungen ("NATO/ISAF SECRET") an seinen Chef McChrystal in Kabul schickt, bleiben diese Vollmer und dem deutschen Einsatzführungskommando in Potsdam nicht lange verborgen.

Aus der Ablage des Rechners kopiert der Oberstleutnant mit wenigen Handgriffen die Dokumente der Rechercheure und leitet sie per E-Mail weiter. Zur "persönlichen Information" des Generals fügt er freudig hinzu: "Die HQ-Kameraden arbeiten auf meinem Rechner." Vollmer wiederum gibt die Berichte sofort nach Potsdam weiter.

Die Brisanz der Zeilen, in denen bereits von den ersten Fehlern deutscher Offiziere berichtet wird, erkennt Vollmer offenbar genauso wie die Tatsache, dass sie durch einen seiner Offiziere unter dubiosen Umständen weitergegeben wurden.

Seine E-Mails nach Potsdam tragen in Versalien einen eindeutigen Hinweis: "KEINE WEITERLEITUNG AN DRITTE".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Schadet das Kunduz-Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers?
insgesamt 5369 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
AndyH 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Wieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
2.
Fliegendes Nashorn 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
Nicht nur seinem Ruf - sondern auch dem der Bundeswehrführung. Die Vertreter der Bundeswehr haben schließlich in den Medien die Lügerei unterstützt.
3.
medienquadrat 12.12.2009
Das Ansehen Deutschlands in Afghanistan, mit dem die ganze Zeit soviel Buhei gemacht wurde, ist im Eimer. Gut, jetzt ist der Spruch, "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt" endlich mal in Deckung gebracht worden mit der Realität, aber die Deutschen sind die ganze Zeit ebenso belogen worden, wie die Afghanen. Die Regierungen unserer sogenannten Demokratie haben sich hinterhältig und verlogen an den wahren Krieg herangetastet, immer nach dem Motto, dass wir Michel mit dieser fraktionierten Realität irgendwann auch mit dem extremst Unvermeidlichen einverstanden sind. Ich sehe Deutsche Soldatinnen und Soldaten bereits Seite an Seite mit einer "Koalition der Willigen" in den Iran einmarschieren. Das dauert bestimmt nicht mehr lange.
4.
medienquadrat 12.12.2009
Zitat von AndyHWieso Krise? Verstehe ich nicht. 2 LKW wurden geraubt und dann auf feindlichen Territorium vernichtet während sie geplündert wurden. Wo bitte ist da eine Krise oder Problem?
Das Problem ist, dass eine Eliteeinheit der Bundeswehr dort ebenfalls stationiert ist, deren Auftrag bestimmt nicht ist, afghanische Mädchen zu ermuntern, in die Schule zu gehen. Das Problem ist, dass sich ein Offizier der Bundeswehr offensichtlich über seine Befehle hinweggesetzt hat und Krieg spielen wollte. Wie kann ein einziger Bundeswehroffizier den Befehl geben, möglichst viele Taliban zu töten? Was hat die Eliteeinheit KSK in Afghanistan zu suchen? Warum vertuschen unsere Parlamentarier, die sogenannten "Volksvertreter" dieses Lügenkonstrukt? Warum belügt man uns? Das Problem ist, dass das, was wir Demokratie nennen, durch unsere eigenen Politiker in ein verlogenes Konstrukt von Vertuschung und Täuschung verwandelt wird. Meine Stimme bei der letzten Bundestagswahl ist aufgrund von Lügen erschlichen worden. Ich will meine Stimme zurück!
5. Kaum
Brand-Redner 12.12.2009
Zitat von sysopVerteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit der Behandlung der Kunduz-Affäre erhebliche Probleme. Das kratzt am bisher glänzenden Bild des neuen Politstars. Schadet das Krisenmanagement dem Ruf des Verteidigungsministers? Diskutieren Sie mit!
"Ist der Ruf erst ruiniert, lebst sich's danach ungeniert." Insofern hat Herr Baron wirklich nichts derartiges zu befürchten. Ob Letzteres auch für seine Dienstreisen nach Afghanistan gilt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber glaubt man den herrschenden Meinungsmachern, dann ist er auch dort relativ sicher, denn: Dem afghanischen Volk läuft nach wie vor das Herz über vor lauter Liebe zu den Deutschen, die Ihnen nichts als Gutes bringen. Zumindest wird derartiges unaufhörlich behauptet...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Afghanistan-Krieg
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -20-

Die wichtigsten Kunduz-Berichte
Klicken Sie auf die Überschriften für Details...
Der Nato-Bericht
Der Nato-Bericht (auch Isaf-Bericht genannt) stützt sich auf Recherchen von Experten einer Nato-Untersuchungskommission. Nach dem Bericht habe Oberst Klein am 4. September gezielt Taliban-Kämpfer töten wollen, die in der Nähe der Tanklastwagen standen. Die Piloten seien dazu angewiesen worden. Der Bericht zweifelt allerdings deutlich an der Angemessenheit des Einsatzes: "Es ist schwer zu ergründen, warum der Fokus des PRT-Kommandeurs (Klein) auf die Taliban gerichtet war und nicht allein auf die gestohlenen Tanklaster, die doch wohl die größte Bedrohung waren für die Sicherheit der PRT-Kräfte." Am 6. November spricht Guttenberg noch von der potentiellen Gefahr, die von den Tanklastern ausgeht. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung am 30.November sagt er: "Eine erste Sichtung der Berichte zeigt, dass sich insbesondere folgende Fragen stellen: Hätte es zum Luftschlag gegen die Tanklaster kommen müssen?" Zu diesem Zeitpunkt liegt ihm der Bericht fast schon vier Wochen vor. Er hätte also schon wissen müssen, dass der Luftschlag gegen Menschen gerichtet war. Beim Angriff kamen bis zu 140 Menschen ums Leben. Zwar hat Verteidigungsminister Guttenberg den Angriff mittlerweile als "militärisch nicht angemessen" bezeichnet, dennoch steht er bislang noch hinter Oberst Klein.
Die zweiseitige Meldung von Oberst Klein
Klein schickt nach Informationen des SPIEGEL am 5. September einen zweiseitigen Bericht an Generalinspekteur Schneiderhan. Darin schreibt Klein: "Am 4. September um 1.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche INS (Insurgents, zu Deutsch: Aufständische) durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten." Er habe das Bombardement befohlen, "um Gefahren für meine Soldaten frühzeitig abzuwenden und andererseits mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen". Zuvor sei Klein in den Befehlsstand der Task Force 47 gegangen und habe aus Luftbildern der Piloten geschlossen, dass die Anwesenheit von Unbeteiligten sehr unwahrscheinlich sei. Nach diesem Bericht bewertet Guttenberg die Situation am 3. Dezember neu, spricht erstmals von der Unangemessenheit.
Der Bericht der Feldjäger
Die mangelnde Aufklärung nach dem Einsatz steht bereits im Feldjägerbericht vom 9. September. Aus dem Bericht geht hervor, dass Oberst Klein innerhalb der vorgeschriebenen zwei Stunden keine Maßnahmen zur Aufklärung vorgenommen habe. Dies schreiben allerdings neue Vorschriften der Isaf seit Anfang Juli vor. Der Bericht stammt vom 9. September, Guttenberg erfährt davon aber erst am 25. November, auf Nachfrage der "Bild"-Zeitung.
Der Bericht des Roten Kreuzes
Am 6. November erhält Guttenberg einen Bericht des Internationalen Roten Kreuzes. Nach Informationen des "Stern" stehen auf den Seiten die Namen von 74 getöteten Zivilisten. Unter den Opfern seien auch acht-, zehn- und zwölfjährige Kinder. Weiter heißt es, dass der Angriff nicht im Einklang mit dem Völkerrecht stehe. Nach Angaben des Berichts habe keine unmittelbare Bedrohung für das deutsche Feldlager bei Kunduz bestanden.
Der "Initial Action Team"-Report
Das 27-seitige Schreiben trifft bereits am 7. September beim Einsatzführungsstab in Berlin ein. Er wurde kurz zuvor verfasst. Auf der ersten Seite steht: "Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hat es zivile Opfer gegeben." Der Bericht schildert bereits das Bombardement und Fehler vor dem Befehl. Außerdem schildert er detaillierte Einschätzungen über Opfer. Am 8. September sagt Kanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung: "Über die Folgen, insbesondere über zivile Opfer, gibt es widersprüchliche Meldungen."

Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftangriff bei Kunduz (Angaben in Ortszeit) Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Tod im Flussbett: Grafische Rekonstruktion von Taliban-Überfall und Nato-Luftangriff bei Kunduz (Angaben in Ortszeit)

Chronologie der Bombennacht
Klicken Sie auf die Zeiten für Details der Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009...
20.00 bis 22.30 Uhr Ortszeit
20.00 Uhr Ein afghanischer Informant meldet dem Bundeswehrcamp in Kunduz die Entführung zweiter Tanklaster aus einem Nato-Versorgungskonvoi bei Aliabad südlich vom Feldlager der Bundeswehr.

21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.

22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.

22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
22.30 bis 1.30 Uhr
0.00 Uhr "Bone 22" lokalisiert die beiden Trucks auf einer Sandbank und sendet die ersten Schwarzweiß-Videobilder an die Kommandozentrale im deutschen Camp. Dort sitzen der Chef des Lagers, Oberst Georg Klein, und Oberfeldwebel W., der im Funkverkehr mit dem Einsatznamen "Roter Baron" auftritt. Die beiden Deutschen hocken vor einem "Rover"-Sichtgerät, einer Art Laptop mit Verbindung zur Kamera des Flugzeugs, und verfolgen die Bilder.

0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").

0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Unterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.

1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.

1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.30 bis 2.30 Uhr
1.33 Uhr Einer der F-15-Piloten bittet das deutsche Feldlager um weitere Aufklärung des Tatorts. "Red Baron" hingegen gibt an die Piloten den eindeutigen Befehl des deutschen Oberst Georg Klein zum Abwurf von Bomben weiter. Sie sollen direkt auf die Sandbank gezielt werden.

1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.

1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.

1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.

2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
Im Morgengrauen
Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskräfte am Tatort ein. Leichen sind kaum noch zu finden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.

7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
Mittags
12.00 Uhr Ein deutsches Erkundungsteam trifft am Tatort ein, auch die afghanische Armee ist noch vor Ort. Leichen sind kaum noch zu sehen. Der Trupp notiert in seinem Bericht die beiden zerstörten Tanklaster, einen Traktor und ein Pick-up-Fahrzeug. Einem anderen Trupp wird berichtet, die Taliban hätten am Vorabend in einem nahen Dorf die Moschee betreten und Dorfbewohner gezwungen, mit ihren Traktoren beim Abtransport des Treibstoffs aus den feststeckenden Lastern zu helfen. 14 Dorfbewohner seien vermisst, also vermutlich bei den Angriffen getötet worden, so der Bericht der Deutschen - das erste sichere Indiz für zivile Opfer. Weitere Hinweise erhält ein Team, dass im Krankenhaus von Kunduz mehrere verletzte Kinder sieht und auch zwei Leichen von getöteten Teenagern gezeigt bekommt.

Interaktive Karte
SPIEGEL ONLINE

Afghanistan: Karte der Provinzen, Topografie, Ethnien und internationaler Militäreinsatz