Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Luftangriffe in Kunduz: "Das US-Militär wusste, wo unser Krankenhaus liegt"

Von und Shoib Najafizada, Kabul

Kunduz in Afghanistan: Luftangriff trifft Krankenhaus Fotos
DPA

Während eines US-Luftangriffs in Kunduz wurde ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen getroffen, mindestens 19 Menschen starben. Die Organisation sagt nun, die Koordinaten seien der Armee bekannt gewesen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat schwere Vorwürfe gegen die US-Armee erhoben, nachdem ein Krankenhaus während eines Luftangriffs in der nordafghanischen Stadt Kunduz schwer beschädigt wurde und mehrere Menschen starben.

"Wir haben das US-Militär nach den ersten Luftschlägen in der Umgebung unseres Hospitals über unsere Position informiert, um sie zu warnen", sagte Jason Cone, Sprecher von Médecins Sans Frontières (MSF). Trotzdem sei der Beschuss weitergegangen, sagte er SPIEGEL ONLINE.

Cone betonte, dass MSF die Information weitergegeben habe, bevor das Hospital gegen 2 Uhr in der Nacht auf Samstag getroffen worden sei. "Wir haben unsere Kontakte bei der US-Armee informiert, die wir auch schon zuvor über die genauen GPS-Daten des Hospitals, unseres Büros und einer Unterkunft in Kunduz in Kenntnis gesetzt hatten", sagte Cone. "Das US-Militär wusste, wo unser Krankenhaus liegt."

Im VIDEO: Ärzte ohne Grenzen fordern Aufklärung

Laut den letzten Erkenntnissen seien in der Nacht 19 afghanische Ärzte und Helfer von MSF getötet worden. 37 weitere Personen seien teilweise schwer verletzt worden. Cone forderte eine detaillierte Aufklärung der Ereignisse, vorerst habe man alle internationalen Mitarbeiter aus Kunduz ausgeflogen.

Die US-Armee hatte am Morgen eingestanden, man habe in der Nähe des Hospitals Luftschläge ausgeführt, dabei könne es zu zivilen Opfern in dem nahegelegen Hospital gekommen sein. Eine interne Untersuchung sei umgehend angeordnet worden. Das Ziel der Luftangriffe in der nordafghanischen Stadt seien "Personen, die eine Gefahr für die Streitkräfte darstellten" gewesen. Die US-Armee hatte in den vergangenen Tagen mehrmals aus der Luft in die Kämpfe in Kunduz eingegriffen, um afghanische Soldaten, aber auch US-Spezialkräfte, in Gefechten zu unterstützen.

Keine direkten Granatentreffer

Offiziell will die US-Armee nicht mehr zu dem Vorfall sagen, der international für Bestürzung sorgt, und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Die Organisation MSF ist seit Jahren in Krisen- und Kriegsgebieten überall auf der Welt tätig. Zum Schutz gibt MSF die Koordinaten ihrer Einrichtungen stets an alle Konfliktparteien weiter, um Luftangriffe zu verhindern.

In Militärkreisen und unter westlichen Diplomaten in Kabul war von einem "tragischen Unfall" die Rede. Demnach hätte die US-Luftwaffe in der Nacht zum Samstag eine Gruppe von rund 10 bis 15 Taliban-Kämpfern entdeckt, die afghanische Sicherheitskräfte angriffen. Man habe sich zum Abschuss von mehreren Granaten durch ein Flugzeug des Typs AC-130 entschieden.

Das Hospital sei nicht von den Granaten getroffen worden, möglicherweise aber von herumfliegendem Schrapnel. Der Sprecher der US-Armee wollte diese Details nicht kommentieren.

In den Militärkreisen wurde betont, dass ein bewusster oder fahrlässiger Beschuss der Klinik ausgeschlossen sei, da die Koordinaten der MSF-Einrichtung bekannt gewesen und bei den Luftschlägen berücksichtigt worden seien. Gleichwohl zeige der tragische Vorfall, wie schwierig der Kampf gegen die Taliban in der Stadt Kunduz sei, da sie sich in Wohngebieten und eben auch nahe an Krankenhäusern verschanzten. Afghanische Darstellungen, nach denen sich Taliban-Kämpfer in dem Krankenhaus versteckt oder es gar als Basis für Angriffe genutzt hätten, wollte keiner der Militärs bestätigen.

Der MSF-Sprecher betonte, die US-Armee müsse den Vorfall lückenlos aufklären. "Die Last liegt zunächst bei ihnen", so Jason Cone.

Grundsätzlich versorgten die Ärzte von MSF alle Verletzten in Kriegsgebieten, allerdings dürfen Kämpfer mit Waffen nicht in die Kliniken. In den vergangenen Tagen hatte die Klinik bis zu 300 Verletzte versorgt, das Hospital galt als einzige funktionierende Einrichtung in Kunduz, das am Montag von den Taliban eingenommen worden war. Seitdem versuchen afghanische Sicherheitskräfte mit amerikanischer Unterstützung, die Islamisten wieder aus Kunduz zu vertreiben.

Die Kämpfe in der Stadt gingen am Samstag unvermindert weiter. Anwohner und afghanische Militärs berichteten per Telefon, die Taliban hätten mehrere Stadtteile und einen strategisch wichtigen Hügel im Norden der Stadt weiter unter ihrer Kontrolle.


Zusammengefasst: Laut übereinstimmenden Angaben von Ärzte ohne Grenzen und Militärkreisen hatte die US-Armee Kenntnis von der Position des Krankenhauses. Offenbar wurde das Hospital bei dem Luftangriff nicht direkt von Granaten getroffen, sondern von herumfliegendem Schrapnel.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: