Kurden-Demo in Hannover "Deutsche Panzer raus aus Kurdistan"

Zum kurdischen Neujahrsfest haben überall in Deutschland Tausende gegen die türkische Militäroffensive in Syrien demonstriert. In Hannover kam es zu einzelnen Zusammenstößen mit der Polizei.

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Aus Hannover berichtet


"Erdogan Terrorist", rufen sie immer wieder, außerdem "Deutsche Panzer raus aus Kurdistan" und "Afrin, Afrin": Tausende Menschen, vor allem Kurden, haben in Hannover gegen die türkische Militäroffensive im Norden Syriens demonstriert. Erst am Freitag sollen 16 Zivilisten beim Angriff auf ein Krankenhaus in der mehrheitlich kurdischen Stadt Afrin getötet worden sein.

Überall in Deutschland sind an diesem Samstag Menschen auf die Straße gegangen, Anlass war das kurdische Neujahrsfest Newroz. Die Kundgebung in Hannover war die bundesweit größte Veranstaltung.

Schon am Vormittag versammelten sich rund 1500 Menschen auf dem Schützenplatz in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Hier startete einer der beiden Demonstrationszüge unter dem Motto "Newroz heißt Widerstand - der Widerstand heißt Afrin". Am Ende sollten sich beide Züge bei einer gemeinsamen Schlusskundgebung am Opernplatz treffen.

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Kurden-Demonstration in Hannover: Verbotene Symbole, verbotene Parolen

"Dort werden Mörder ausgebildet"

"Merkel finanziert, Erdogan bombardiert!", auch diese Parole hallte immer wieder durch Hannovers Straßen. Ein zentrales Thema der Kundgebung sind die deutschen Waffenlieferungen in die Türkei. "Seit 30 Jahren bin ich in Deutschland, ich zahle hier Steuern und unterstütze damit Erdogan - das ist schmerzhaft", sagt ein 49-jähriger Kurde. Als Kind hat er nach eigenen Angaben das Massaker von Maras miterlebt, gesehen wie Menschen enthauptet und Frauen vergewaltigt wurden. Der IS, sagt er, tue heute dasselbe.

Schon am Freitagabend ist er mit einem Bus vom Bodensee in Richtung Niedersachsen aufgebrochen. Die Teilnahme an der Demonstration zum Newroz-Fest sei für ihn eine "humanitäre" Sache. Angriffe durch kurdische Organisationen auf türkische Einrichtungen verurteile er, weil er "gegen jegliche Gewalt" sei. Dennoch - seine Stimme wird laut und scharf, wenn er über Moscheen in Europa spricht: "Dort werden Mörder ausgebildet." Er wünscht sich eine politische Lösung, aber auch "dass die Öffentlichkeit, die Politik, die Medien nicht wegschauen".

In den vergangenen Wochen wurden mehrfach Anschläge auf türkische Einrichtungen verübt, mutmaßlich von Kurden. Die Bundesanwaltschaft hat laut SPIEGEL in acht Fällen Vorermittlungen eingeleitet.

YPG-Wimpel ausnahmsweise erlaubt

Auch Gülcan Turan hat kurdische Wurzeln, für sie ist das nach eigenen Angaben aber nicht der Grund, an der Demonstration teilzunehmen: Sie sei hier, um gegen den völkerrechtswidrigen Krieg im Norden Syriens zu protestieren und gegen die Waffenlieferungen Deutschlands an die Türkei. "Deutschland führt Krieg", sagt sie. Ihrer Ansicht nach müsste "jeder hier sein und für den Frieden demonstrieren".

Zwei Frauen mittleren Alters, verfrorene Gesichter unter Wollmützen, schwenken eine Peace-Fahne und lassen sich von einem kurdischen Mann die unterschiedlichen Wimpel der anderen Demonstranten erklären. Dominierend sind die der YPG beziehungsweise der YPJ, der Kurdenmilizen in Syrien. Sie sind an diesem Samstag ausnahmsweise erlaubt - sofern sie nicht in Zusammenhang mit der PKK gebracht werden.

Ob als Wimpel, geflochtenes Haarband, als farbige Rauchfackeln oder als Tuch - klassisch gebunden oder gegen die Minusgrade um den Kopf gewickelt: gelb, rot und grün, das sind die bestimmenden Farben auf dem Schützenplatz, in den Straßen, durch die die Demonstranten ziehen, und am Opernplatz. Nicht erlaubt sind hingegen Darstellungen oder Parolen mit Bezug zur verbotenen Arbeiterpartei PKK.

Viele, aber nicht alle Demonstrationsteilnehmer halten sich daran: Ein Mann hat eine neongelbe Sicherheitsweste über seine olivgrüne Winterjacke mit Pelzkragen gezogen - auf dem Rücken prangt in schwarzen Lettern "Freiheit für Öcalan" und ein Bild des PKK-Chefs. Vereinzelt sind Flaggen mit seinem Konterfei zu sehen und Rufe mit Bezug zu der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei zu hören. Zweimal stoppt die Polizei den Zug, um dagegen vorzugehen.

Demonstranten werfen Gegenstände

Am Aegidientorplatz bilden Polizisten in voller Montur eine Kette, zwei Wasserwerfer werden in Stellung gebracht - kommen jedoch nicht zum Einsatz. Vom Wagen fordern die Versammlungsleiter die Demonstranten immer wieder auf, keine verbotenen Parolen zu rufen. Nicht ohne dabei deutlich zu machen, was sie von den Maßnahmen der Polizei halten - von "Repression" ist die Rede.

Einzelne Demonstranten werfen mit Gegenständen, laut Polizei handelte es sich um Flaschen. Zwei stark geschminkte junge Frauen nutzen die Pause für Selfies, Ordner versuchen, die Demonstranten zurück in den Zug zu drängen. Mindestens ein Mann wird festgenommen. Schließlich kann der Zug doch weitergehen.

Mit ungefähr 15.000 Menschen hatten die Organisatoren gerechnet. Bei der Endkundgebung am Opernplatz waren es laut Polizei zwischenzeitlich rund 11.000 Menschen. Mitorganisator Dirk Wittenberg, von der Interventionistischen Linken, hingegen spricht von etwa 20.000 Teilnehmern. Froh sei er vor allem darüber, dass nach dem "Hin und Her" um das Verbot der Demonstration beide Züge am Opernplatz angekommen seien. "Es ist uns gelungen, das innerhalb von eineinhalb Wochen auf die Beine zu stellen."

Die Reaktion der Polizei auf PKK-Symbole und Parolen kritisiert er als "unnötig" - von den Demonstranten sei keine Gewalt ausgegangen, sie hätten lediglich die "falsche Parole gerufen".

An der Abschlusskundgebung nahm auch Hannovers ehemaliger Bürgermeister Herbert Schmalstieg teil, auch er machte sich bei der Abschlusskundgebung für ein Ende der Militärangriffe stark: "Es dürfen keine Waffen mehr in die Türkei geliefert werden", sagte er. Und Linken-Politiker Bernd Riexinger rief der Menge entgegen: "Die Bombardierung von Afrin muss gestoppt werden."

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