Kurdisch-türkischer Konflikt in Deutschland "Wenn die Gewalt eskaliert, profitieren nur die Rassisten"

Die türkische Offensive in Syrien hat die Spannungen zwischen Kurden und Türken auch in Deutschland verschärft. In Berlin-Kreuzberg versucht Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu zu vermitteln.

Ercan Yasaroglu in seinem "Café Kotti"
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Ercan Yasaroglu in seinem "Café Kotti"

Ein Interview von


Das "Café Kotti" in Berlin ist eine Kreuzberger Institution. Café-Betreiber Ercan Yasaroglu, 59, ist nicht nur Gastwirt, sondern auch Sozialarbeiter. Er kennt die Konflikte im Kiez rund um das Kottbusser Tor, dieser riesigen Straßenkreuzung im Nordosten des Berliner Bezirks. Die Gegend gilt als sozialer Brennpunkt.

Yasaroglu hat zum Interview in sein Café gebeten. Er bezeichnet sich als politisch links und engagiert sich schon lange gegen Rassismus. Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der sich als AKP-Anhänger vorstellt. Sie plädieren für offene Debatten: Nur so könne man die Situation entschärfen.

Seit dem Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 ist die Stimmung in der deutsch-türkischen Community angespannt, die Gemeinde ist gespalten in Fans und Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Nun flammt hierzulande auch der alte Konflikt zwischen Kurden und Türken wegen der türkischen Offensive im Norden Syriens wieder auf. Am Dienstag hatten die Zeitungen der Funke-Mediengruppe unter Berufung auf das Bundesinnenministerium berichtet, dass es allein in diesem Jahr 37 Übergriffe auf türkische Einrichtungen gegeben habe, mutmaßlich stecken prokurdische Organisationen dahinter. Im gesamten Vorjahr wurden nur 13 solcher Übergriffe verzeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Yasaroglu, hat sich die Stimmung im Kiez seit den Angriffen auf Ditib-Einrichtungen in ganz Deutschland verändert?

Ercan Yasaroglu: In den Nachbarschaftsinitiativen merkt man die Spannungen nicht. Aber die Stimmung in den politischen Lagern der PKK-Anhänger oder jenen der YPG ist angespannt.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich diese Spannung?

Yasaroglu: Die Menschen sind sehr emotional. Bei einer Demonstration wurden zum Beispiel Fenster mit Steinen eingeworfen, an denen türkische Flaggen hingen. Situationen eskalieren schneller.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt es, dass die Konflikte immer wieder auch in Deutschland ausgetragen werden?

Yasaroglu: Die Menschen identifizieren sich immer noch eher mit ihrem Herkunftsland und nicht so sehr mit Deutschland, wo die meisten schon lange leben, oder auch aufgewachsen sind. So werden die Konflikte aus der Heimat hier in Deutschland ausgetragen, wo sie eigentlich nicht hingehören. Stellen Sie sich vor, die syrischen Flüchtlinge würden hier ihre Konflikte austragen. Es würde ein Blutbad geben.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie konkret tun?

Yasaroglu: Wir wollen verhindern, dass die Gewalt in unsere Lebensräume eindringt. Egal, von welcher Seite. Wir sagen den Konfliktparteien immer: Ihr müsst miteinander reden, reden, reden. Wir treffen uns oft morgens im Café, Türken, Kurden, auch Araber, und besprechen die Situation. Wenn wir mitbekommen, dass es hier im Kiez Streit und Auseinandersetzungen gibt, versuchen wir zu schlichten. Wir sollten hart miteinander diskutieren können und alle Formen des demokratischen Austausches nutzen. Auch Demonstrationen und Reden gehören dazu. Gewalt aber sicherlich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie erreichen Sie die Menschen?

Yasaroglu: Wir versuchen, auf der Straße präsent zu sein, um im Vorhinein zu deeskalieren. Nicht nur in Kreuzberg, auch in anderen Berliner Stadtteilen wie in Neukölln. Heute fahre ich noch zu einer Gruppe von türkischen Jugendlichen im Wedding und spreche mit ihnen über die Spannungen zwischen kurdischen und türkischen Gruppen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie denen?

Yasaroglu: Wir wollen ihnen klarmachen, dass Provokationen und Racheakte zu nichts führen. Wenn eine politische Gruppe eine Moschee mit Molotowcocktails angreift, ist das eine Provokation. Darauf mit Gewalt zu reagieren, kann aber nicht die Antwort sein. Wir verlieren doch alle, wenn wir den Konflikt, der in Syrien ausgetragen wird, zu unserem Konflikt machen. Wenn die Gewalt eskaliert, profitieren nur die Rassisten. Gewaltausbrüche legitimieren die Stärkung des rechten Rands. Das wollen wir nicht.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann ist die Situation so angespannt?

Yasaroglu: Nach dem Putschversuch von 2016 in der Türkei sind alte Feindseligkeiten neu aufgebrochen, die wir offenbar nicht durch soziale Arbeit auffangen konnten. Doch transkulturelle Räume wie Kreuzberg und Neukölln können nicht weiterbestehen, wenn diese Feindbilder aufgebauscht und politisch ausgenutzt werden. Auch der Aufstieg der AfD spielt eine Rolle: Das Vertrauen in demokratische Werte und Rechte wurde erschüttert. Wir müssen es zurückgewinnen.



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skeptikerjörg 21.03.2018
1. Bei aller Sympathie
Bei aller Sympathie für die Belange des kurdischen Volkes, wenn radikale ind militante Kurden meinen, sie müssten den türkisch-kurdischen Konflik auf deutschen Straßen oder durch Brandsnschläge auf türkische Geschäfte austragen, dann sollte es keine Nachsicht und keine Entschuldigung geben. Nicht-deutsche Straftäter gehören zur Rechenschaft gezogen und anschließend ausgewiesen. Sie konterkarieren außerdem die Integration aller, die das deutsche Gastrecht nicht mit Füßen treten. Gilt für AKP- und Erdogan Fans, soweit sie nicht deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, gleichermaßen.
hugahuga 21.03.2018
2.
Guter Mann aber wahrscheinlich auf verlorenem Posten. Wie könnte ich als Kurde hier ruhig bleiben, wenn ich weiß, dass meine Heimat Afrun bombardiert wird und das in den deutschen MSM nicht einmal vorkommt und auch von Merkel nicht thematisiert wird. Jetzt - hinterher - wird der Zeigefonger erhoben. Das ist einfach zu schwach, um Vertrauen zu haben.
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