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20. April 2007, 15:38 Uhr

Kurnaz-Buch

Memoiren aus dem Lager des Leidens

Von Yassin Musharbash

Schläge, Amputationen, Folter - mehr als fünf Jahre lebte Murat Kurnaz in einer Umgebung, in der Qualen Alltag waren. Jetzt hat er ein Buch über seine Zeit in US-Haft und dem Lager Guantanamo geschrieben. Darin erhebt er auch neue Vorwürfe gegen deutsche und US-Soldaten.

Berlin - Eines vorweg: Was Murat Kurnaz aus Guantanamo berichtet, ist teilweise so unglaublich, dass man fast Widerwillen verspürt, ihm zu glauben. Dabei haben die beiden Journalisten Oliver Schröm und Uli Rauss Recht, wenn sie in ihrem Nachwort schreiben: "Die Aussagen des 24-Jährigen aus Bremen... stimmten bis ins Detail überein mit dem, was im mittlerweile sehr umfangreichen Bestand an Dokumenten und Berichten über Guantanamo verfügbar ist."

Ex-Häftling Kurnaz: Der schreckliche Alltag wird vorstellbar
AP

Ex-Häftling Kurnaz: Der schreckliche Alltag wird vorstellbar

Und doch bleibt schwer zu fassen und noch schwerer zu verdauen, was der Deutsch-Türke mit Hilfe seines Ghostwriters Helmut Kuhn zu Papier gebracht hat.

Nur ein Beispiel: Kurnaz berichtet von einem jungen "Käfignachbarn", einem Saudi-Araber, dem US-Ärzte beide Beine amputiert haben. Nun sitzt er in Guantanamo mit eitrigen Stümpfen, "der Verband, der darumgewickelt war, hatte sich rot und gelb verfärbt". Verzweifelt versucht der Mann, auf den Toiletteneimer zu klettern. Doch die Wärter verprügeln ihn, statt ihm zu helfen: Es ist verboten, den Draht zu berühren, an dem er sich aufrichten will.

Kurnaz schreibt, es sei gang und gäbe gewesen, dass die Militärärzte Häftlingen mit voller Absicht zu viele und falsche Gliedmaßen abnahmen. "Ich wollte um keinen Preis auf die Krankenstation", heißt es an einer Stelle. "Ich wollte meine Zähne, Finger und Beine behalten."

Naive Darstellungen neben dem Horror von Kuba

Mehr als fünf Jahre verbrachte Murat Kurnaz in US-Gefangenschaft. Seine Geschichte ist längst bekannt: In Pakistan wurde er kurz nach dem 11. September 2001 verhaftet und gegen Geld an die US-Armee übergeben; die brachte ihn nach Afghanistan, von wo aus er als einer der ersten nach Guantanamo geflogen wurde. Erst im August 2006 kam er nach Intervention von Kanzlerin Angela Merkel frei. Ob die vorherige Bundesregierung es vereitelte, dass Kurnaz früher nach Hause konnte, ist Gegenstand eines Bundestagsuntersuchungsausschusses.

Kurnaz bleibt dabei, dass er nicht etwa zum Kämpfen nach Pakistan flog, wie es deutsche Behörden zeitweise und die USA lange glaubten. Allerdings erscheinen einige Schilderungen extrem naiv. Die islamische Missionsbewegung "Tablighi Jami'at" (TJ), auf deren Spuren er nach Pakistan reiste, wird bei ihm zum Beispiel zu einer Art Heilsarmee, die Obdachlosen hilft. Zwar tut sie das auch - aber es kommt nicht zur Sprache, dass die TJ auch als Durchlauferhitzer für spätere Qaida-Rekruten diente.

Natürlich muss Kurnaz das nicht schreiben. Er hat unbestritten das Recht, subjektiv und parteiisch zu sein. Dies ist seine Geschichte. Aber es hat zur Folge, dass am Ende wohl jene Passagen am wertvollsten für die Leser sind, in denen er in schrecklicher Detailtreue die Misshandlungen durch die US-Armee beschreibt.

Mordvorwürfe gegen die USA

Wer Kurnaz besser kennen lernen will, wird dagegen enttäuscht. So stilisiert er sich zum sanften Tierfreund, der noch im Knast auf Kuba seine Milch mit einer Katze teilt und fast schon kitschig wiedergibt, was er sich so für Gedanken über Vögel macht. "Ich sagte zu den Vögeln: Was für eine komische Welt! Früher wart ihr in einem Käfig, und ich besuchte euch, jetzt bin ich in einem Käfig, und ihr besucht mich!"

Aber Reflexion fehlt - etwa darüber, ob all die netten und freundlichen Mitgefangenen, über die er schreibt, wirklich ohne Ausnahme friedliebende und unschuldige, gütige und moderate Gläubige sind. Bestimmte Fragen klammert er in seinem Buch einfach aus. Er zeichnet sich selbst als naiven Gottsucher in den Mühlen der Weltpolitik und seine Mitgefangenen als harmlose Glaubensgeschwister.

Aber auch das kann man Kurnaz kaum ernsthaft vorwerfen. Denn es ist egal, wie schuldig oder gefährlich jemand ist: Diese Behandlung verdient niemand. Kurnaz bestätigt, was andere vor ihm berichtet haben, mittlerweile auch von Seiten der US-Beteiligten: Schlägertrupps verprügelten die Insassen ebenso heftig wie willkürlich, die Ernährung war viel zu schlecht, Regeln gab es keine, dafür brutale Isolationshaft mit Folter.

Er berichtet von Elektroschocks (noch in US-Haft in Afghanistan), von Wärtern, die ins Essen spucken und Koranbücher schänden, von sexueller Belästigung. Der Alltag in Guantanamo wird vorstellbar und dadurch erschreckender.

Kurnaz wirft den US-Soldaten sogar Morde vor, die als Selbstmorde getarnt worden seien.

Ein deutscher Soldat soll mit dem Ziel-Laser gespielt haben

Auch deutschen Soldaten in Afghanistan legt er eine bisher nicht bekannte Verfehlung zur Last: Einer von ihnen habe, als er den US-Kollegen sein Gewehr vorführte, mit der Laser-Zielvorrichtung auf die Köpfe der gefesselten Gefangenen gezielt. "Der Laserpunkt wanderte von Stirn zu Stirn. Andere Soldaten kamen hinzu und waren begeistert."

Trotzdem hat Kurnaz keine Abrechnung verfasst. Das Buch versucht, eine Darstellung zu bleiben. "Ich habe gelernt, dass Schmerzen ein Teil des Lebens sind. So ist das Leben." Lapidarer geht es kaum. Nein, geht es doch: "Was ich nicht gewusst hatte: Die Amerikaner sollen mich schon im Jahr 2002 für unschuldig gehalten haben und bereit gewesen sein, mich freizulassen. Ich habe mich darüber sehr gewundert. Warum haben sie mich dann nicht gehen lassen?" Ja, warum?

Auch bei der Frage nach der Mitverantwortung der deutschen Regierung und nach ihren Versuchen, eine direkte Rückkehr nach Deutschland zu verhindern, wird Kurnaz keineswegs polemisch: "Wenn das alles wahr ist, wenn man zuließ, dass ich gefoltert wurde, obwohl das zu verhindern gewesen wäre, fehlen mir die Worte."

Es ist gut, dass Kurnaz nicht die Worte für diesen Bericht gefehlt haben. "Man muss es erzählen... Man muss erklären, wie Abdul seine Beine und der marokkanische Kapitän seine Finger verloren hat, wie die Gefangenen in Kandahar gestorben sind. Man muss schildern, wie die Ärzte kamen, nur um zu sehen, ob man schon tot war oder die Folter noch eine Weile aushalten würde", schreibt er am Ende - und er hat Recht damit.

Die eigentliche Tragödie freilich ist, dass es keinen Grund gibt, seiner Erzählung über das Leben im Lager zu misstrauen.


Murat Kurnaz: "Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo", Rowohlt Berlin, 16,90 Euro. Das Buch erscheint am kommenden Montag.

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