Gauck zum Holocaust-Gedenktag "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz"

Bundespräsident Joachim Gauck hat zum Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz davor gewarnt, die NS-Verbrechen zu verdrängen. Der Umgang mit den Holocaust-Opfern sei lange beschämend gewesen - auch in der DDR.

Tor zum Lager Auschwitz: Bundestag erinnert an Befreiung des Lagers
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Tor zum Lager Auschwitz: Bundestag erinnert an Befreiung des Lagers


Berlin - Der Bundestag hat in einer Sondersitzung der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren gedacht. Bundespräsident Joachim Gauck warnte in seiner Rede davor, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung des Holocausts setzen zu wollen.

"Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", sagte Gauck. "Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben. Er gehört zur Geschichte dieses Landes." (Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut.)

Der Bundespräsident kritisierte den Umgang mit dem Holocaust nach dem Krieg. "Im Rückblick ist es beschämend, dass aus den Opfern von einst Bittsteller wurden - beschämend, wenn bei Entschädigungen das Leiden von Opfern der Deutschen weniger wert war als das Leiden deutscher Opfer", sagte Gauck. "Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik kannte wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt."

Ausdrücklich verurteilte Gauck auch die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der DDR. Der staatliche Antifaschismus in der DDR habe die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freigesprochen und dadurch das Verdrängen von Versagen und Schuld befördert.

"Die 'zweite Schuld', von der Ralph Giordano sprach, also der Unwille, sich der Aufarbeitung der Verbrechen zu stellen und die Opfer zu entschädigen, diese zweite Schuld gab es in Deutschland zwei Mal - in der frühen Bundesrepublik wie auch in der DDR", sagte Gauck

"Wie kein anderer Ort steht Auschwitz für das, was Menschen einander antun können", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert zuvor in seiner Rede. "Für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes sind die Nachgeborenen nicht verantwortlich. Für den Umgang damit hingegen schon." Die moralische Aufarbeitung der NS-Verbrechen ende nie, sagte der CDU-Politiker.

Am Nachmittag wird Gauck die Bundesrepublik bei der Gedenkfeier in Auschwitz vertreten. Vor Staats- und Regierungschefs sowie Regierungsmitgliedern aus rund 40 Ländern werden drei ehemalige Auschwitz-Häftlinge stellvertretend für die rund 300 anwesenden Überlebenden das Wort ergreifen. Als einziger Politiker wird der polnische Staatspräsident Bronislaw Komorowski ein kurzes Grußwort sprechen.

Ausgerechnet der Staatschef der einstigen Befreier, Russlands Präsident Wladimir Putin, bleibt der Gedenkfeier in Polen fern. Moskau beklagte sich, dass Putin keine persönliche Einladung erhalten habe - Warschau verweist darauf, dass die Regierung niemanden offiziell eingeladen habe. Es sei jedem freigestellt zu kommen.

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, fanden sie dort rund 7500 kranke und entkräftete Häftlinge. Die SS hatte sie zurückgelassen als sie Zehntausende Gefangene auf die Todesmärsche in den Westen zwang. Das Lager im Süden des besetzten Polen war das größte der deutschen Vernichtungslager, rund 1,1 Millionen Menschen wurden hier umgebracht. Die allermeisten Opfer waren Juden. Aber auch Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Polen, Homosexuelle und politische Häftlinge wurden in Auschwitz getötet.

syd

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