Merkels Besuch in Dachau Stilles Gedenken im Wahlkampffeuer

Erst KZ-Gedenkstätte, dann Bierzeltrede: Angela Merkels Terminplan in Dachau hatte für scharfe Kritik gesorgt. Doch die Kanzlerin fand an beiden Orten den richtigen Ton. Die Überlebenden des Konzentrationslagers waren voll des Lobes für die Visite.

Aus Dachau berichtet


Angela Merkel kommt, als die normalen Besucher bereits gegangen sind. Hunderte waren an diesem Dienstag da. Sie sind über den Kies des weiten Appellplatzes gelaufen. Haben vor den vier backsteinernen Verbrennungsöfen gestanden. Haben das eiserne Tor aufgedrückt, in das die Worte "Arbeit macht frei" eingearbeitet sind, und haben Fotos von dem "Brausebad" gemacht, das in Wirklichkeit eine Gaskammer war. Und jetzt steht die Bundeskanzlerin in dunklem Blazer und passender Hose in der KZ-Gedenkstätte in Dachau.

Vor ihr hat eine kleine Gruppe älterer Herren und Damen Platz genommen. Sie tragen feine Kleidung, haben ihre Beine übereinandergeschlagen und wollen hören, was der Gast aus Berlin über den Nationalsozialismus und dieses ehemalige Lager zu sagen hat, in dem manche von ihnen selbst als Häftlinge gelitten haben. Männer wie Max Mannheimer, 93, dem es inzwischen schwerfällt, längere Wege aus eigener Kraft zu gehen. Oder wie Karl Rom, 94, der seine grauen Haare zum Zopf gebunden hat und überhaupt aussieht, als wäre er mindestens 15 Jahre jünger.

Sie hätten "das Grauen selber erleben müssen", sagt Merkel zu der Gruppe. Ihr Besuch ist ein sensibler Termin: Noch nie war ein amtierender deutscher Regierungschef hier, wo die Nationalsozialisten im März 1933 das erste KZ als "Schule der Gewalt" und als Modell für alle weiteren Konzentrationslager einrichteten. Mehr als 200.000 Menschen waren während der zwölfjährigen Nazi-Diktatur im KZ Dachau und seinen Außenlagern gefangen, mehr als 43.000 Häftlinge wurden ermordet, ehe US-Soldaten Ende April 1945 die Überlebenden befreiten.

"Merkel macht das, was man schon längst hätte tun müssen"

Der Besuch ist aber auch deshalb heikel, weil Merkels Terminplan Kritik ausgelöst hatte. Erst der Besuch in der KZ-Gedenkstätte, anschließend eine Wahlkampfrede in einem Dachauer Bierzelt: Die grüne Spitzenpolitikerin Renate Künast nannte diesen Ablauf eine "geschmacklose und unmögliche Kombination". Der Historiker und NS-Experte Wolfgang Benz sagte im Bayerischen Rundfunk, es wirke beiläufig, "wenn man kurz bevor man dann ins Festzelt zum Wahlkampf geht, noch den Kranz niederlegt und Betroffenheit äußert". Karl Rom fällt dazu nur ein Satz ein: "Sie ist die erste, die kommt." Der Holocaust-Überlebende Abba Naor sagt: "Merkel macht das, was man schon längst hätte tun sollen."

Ihre Worte liest Merkel ruhig vom Manuskript ab. Die Erinnerung an die Schicksale der Nazi-Opfer erfülle sie "mit tiefer Trauer und Scham". Die Zeit des Nationalsozialismus sei ein "beispielloses, furchtbares Kapitel unserer Geschichte" und eine Mahnung: "Junge Menschen müssen wissen, welches Leid von Deutschland ausgegangen ist."

Anschließend legt Merkel zusammen mit Max Mannheimer einen Kranz nieder und zieht sich für Gespräche mit den Holocaust-Überlebenden zurück. Rund 90 Minuten hält sich Merkel in der Gedenkstätte auf, eine halbe Stunde länger, als ursprünglich geplant. Es ist ein stiller Auftritt, er hat nichts Effekthascherisches, die Einladung der Kanzlerin war eine Idee Mannheimers.

Keine typische Bierzeltrede

Und dann der Wahlkampfauftritt bei der CSU. Wie eine Boxkämpferin wird sie angekündigt: "A-n-g-e-l-a M-e-r-k-el!" Defiliermarsch in voller Lautstärke, großer Applaus der rund 2000 Leute, es gibt Schweinshaxe und viel Alkohol, aber keinen bierzelttypischen Redebeginn.

Merkel ist sichtlich bemüht, ihren Kritikern keine weitere Angriffsfläche zu bieten. Sie will nicht als Regierungschefin dastehen, die im Vorbeigehen eine Geschichtsstunde absolviert, um dann wieder Wahlkampf zu machen. Also spricht sie ihren Gedenkstättenbesuch direkt an - die Kreisstadt mit rund 45.000 Einwohnern im Nordwesten Münchens hat sich lange Zeit sehr schwer getan mit ihrem historischen Erbe. Es könne wohl keinen größeren Kontrast geben als den direkten Weg von der Gedenkstätte zum Volksfest, so Merkel. Wer in der Zeit der Nazi-Diktatur von dem KZ hätte erfahren wollen, der hätte "sehen und hören" können, sagt Merkel. Nie wieder dürfe es passieren, "dass Menschen unter uns schutzlos sind, nur weil sie aus einem bestimmten Land kommen, einer bestimmten Religion angehören, einer politischen Gesinnung, einer sexuellen Orientierung. Nie wieder dürfen sie deshalb benachteiligt und ermordet werden, mitten unter uns."

Dann schlägt Merkel den Bogen zu Europa und landet am Ende bei der Erklärung, dass sie weitere vier Jahre regieren möchte.

Den Ausflug nach Dachau übersteht die Kanzlerin unfallfrei: Kein missverständlicher Satz von der "Gnade der späten Geburt", wie ihn Helmut Kohl 1984 vor der Knesset gesprochen hatte, stattdessen mahnende und eindringliche Worte. Es ist ein würdevoller Auftritt. Der Hinweis ihres Sprechers Steffen Seibert vor Journalisten, Merkel habe schon einmal im Jahr 1992 als Ministerin die Gedenkstätte besucht, wäre gar nicht nötig gewesen.

Mit kritischen Stimmen wird die Kanzlerin wohl auch in den nächsten Tagen noch rechnen müssen. Die KZ-Überlebenden aber honorieren ihren Besuch. Als sich Merkel bedankt, dass sie bei ihnen sein durfte, klatschen sie.

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Seite 1
gruenertee 20.08.2013
1.
Merkel hatte 8 Jahre Zeit Dachau zu besuchen, es fällt ihr aber erst 5 Wochen vor der Bundestagswahl ein. Da macht wohl Merkel Jagd auf Wählerstimmen in der jüdischen Gemeinde.
aufdenpunkt 20.08.2013
2. Na ja...
Wahlkampf halt :-))
hubie 21.08.2013
3. Gipfel der Losigkeit
Ob Geschmacks- oder Werte-, man suche es sich aus. Hier mal zum KZ, danach ins Bierzelt, zumindest geplant... Alltag für die Kanzlerin (ich möchte das Gedächtnis an die ermordeten Juden nicht schmähen, aber der Gang in ein KZ gehört zum Leben eines jeden Politikers in Deutschland, regelmäßig, und das auch mit Recht!). Der Topf in der EU kocht über, Griechenland, millionenfacher Rechtsbruch, aber sie äußert sich nicht oder nur mal kurz vage... eine Schande diese Kanzlerin.
moelln56 21.08.2013
4. Das passt
auf den Hosenanzug , KZ und Bierzelt. Kein Gefühl, nur Arroganz.Den unbedingten Willen diese inzwischen verlotterte und verkommeneRepublik weiter führen zu wollen.Danke nein.
paintedair99 21.08.2013
5. Solidarität und Respekt als Antwort einer Demokratie
Es ist die Anerkennung der betroffenen jüdischen Menschen, Mitmenschen und vom deutschen krieg betroffenen Staaten zu verdanken, dass Deutschland als demokratisches Land in Europa integriert wurde – mit entsprechendem Vertrauen, Souveränität in demokratischen und interaktivem Dialog zu wahren. Dass „nie wieder Menschen unter uns schutzlos benachteiligt und ermordet werden dürfen“ ist oft gesagt worden – in Ansätzen ist dies allerdings bereits geschehen. Ob Deutschland oder weltweit - wider alle Religion oder Politik zündelt Hass und Inkompetenz mit dem Verbrechen. Ja es bedarf der ausgeführten Gedenken und Gedanken, insofern ist jedes Staatsoberhaupt dazu verpflichtet, sich erkenntlich zu zeigen. Es bedarf aber ebenso spürbar der praktischen Solidarität mit allen Europäern und der Welt als deutsches Regierungshandeln. Frau Merkel – davon haben Sie sich entfernt. Sie werden gefeiert als Stärkste Frau Europas etc … Monate vorher noch phrasenhaft auf "Die Griechen", "Südländer" etc. zu verweisen und dabei zu polarisieren, Ihr Verständnis von wahrhaftiger Sprache weicht spürbar von einer verantwortlichen Haltung und Politik gegenüber Europa und der Welt als Integration der Deutschen ab. In Abhängigkeit finanzieller Schieflagen und Versäumnisse europäischer Nachbarstaaten wirkt deutsche Stärke als Verdienst. Es ist die Schwäche echte Solidarität als Politik zu formulieren und auch zu praktizieren, die im Ausland anerkannt und verstanden wird. Wir exportieren wie die Weltmeister Waffen, gebilligt von Frau Merkels in Ihrem Hinterzimmerkabinett. Die Mitsprache deutscher Raison in einem weltweiten Dialog ist verstummt zur Unkenntlichkeit – gestalten wir Aussenpolitik am Ende vom roten Teppich? Es wäre zu erwarten, im Bierzelt den Stammtischwählern reinen Wein einzuschenken und herauszufordern, was Mitgefühl und Politik als Demokratie bedeutet: den schwächeren eine gleichwertige Stimme zu geben.
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