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Länderspiel in Israel: "Dejagah muss sich entscheiden"

Von Nicole Meßmer und Marie Preuß

U-21-Nationalspieler Ashkan Dejagah verweigert ein Länderspiel in Israel. Sportpolitiker von Union und SPD verlangen, er müsse sich an die Regeln halten - oder dürfe nicht mehr für Deutschland spielen. Grüne und FDP sind duldsamer.

Berlin - Der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Peter Danckert, geht am weitesten. "Wenn man in der Nationalmannschaft spielen will, muss man sich an Spielregeln halten und kann nicht einfach sein eigenes inakzeptables Süppchen kochen", so der SPD-Politiker.

Die Begründung, Dejagah habe Angst um seine Familie im Iran, stellte Danckert in Frage: "Ich glaube im Übrigen nicht, dass eine Teilnahme an einem Fußballspiel nachteilige Konsequenzen für irgend jemanden haben könnte – schon gar nicht für Dritte", so der SPD-Politiker am Dienstag gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Deutsch-Iraner Dejagah: "Gerade Deutschland hat eine Verantwortung für Israel"
AP

Deutsch-Iraner Dejagah: "Gerade Deutschland hat eine Verantwortung für Israel"

Der für den Bundesligisten VfL Wolfsburg spielende Dejagah hatte seine Teilnahme am EM-Qualifikationsspiel an diesem Freitag in Israel "aus persönlichen Gründen" abgesagt. Seine Entscheidung löste eine politische Debatte aus - unter anderem verlangte der Zentralrat der Juden in Deutschland, der Spieler solle das Team verlassen. Der Fall des Deutsch-Iraners ist in der Tat brisant - hat doch der jetzige iranische Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad wiederholt mit der Vernichtung Israels gedroht. Zugleich hat Deutschland wiederholt seine besondere Verpflichtung für die Sicherheit Israels hervorgehoben - zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Uno-Generalversammlung.

Hat der junge Nationalspieler mit seiner Absage, ob bewusst oder unbewusst, dem Druck aus Teheran nachgegeben? Die sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Freitag, forderte von Dejagah, er müsse sich nun entscheiden, ob er Deutscher oder Iraner sein wolle: "Ist er Mitglied einer Nationalmannschaft, muss er sich auch an deren Regeln halten. Gerade Deutschland hat eine Verantwortung für Israel. Dieser Verantwortung muss er sich bewusst sein", so die SPD-Politikerin zu SPIEGEL ONLINE.

Das ist auch die Linie des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. In der Berliner Boulevardzeitung "B.Z" wird Dejagah hingegen mit der Aussage zitiert, er habe mehr iranisches als deutsches Blut in seinen Adern und handle aus Respekt: "Schließlich sind meine Eltern Iraner", so Dejagah gegenüber der Zeitung.

CDU-Generalsekretär Pofalla machte deutlich: "Die deutschen Nationalmannschaften, egal in welcher Sportart, sind immer auch Repräsentanten unseres Landes. Wer Deutschland im Nationaldress vertritt, ob gebürtiger Deutscher oder Zugewanderter, muss sich zu unserer durch Geschichte und Kultur geprägten Gemeinschaft bekennen. Wer dies aus persönlichen politischen Gründen nicht will, muss das Trikot der Nationalmannschaft abgeben."

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann dagegen äußerte Verständnis für den Spieler. "Das ist alles ein grandioses Missverständnis. Er würde da wahrscheinlich sehr gerne hingehen. Aber er muss befürchten, dass er dann nicht mehr in den Iran einreisen darf", so der sportpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Drohendes Einreiseverbot

Repressalien für die Familie, Einreiseverbot – viele Formen der Sanktionierung sind vorstellbar, zu denen das Regime in Teheran fähig sein könnte. Seit der islamischen Revolution von 1979 lehnt es der Iran ab, Israel anzuerkennen und verbietet seinen Staatsbürgern die Einreise genauso wie auch sportliche Wettkämpfe. Johannes Reissner, Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, kann sich sehr wohl vorstellen, dass sich Dejagah berechtigterweise Sorgen um seine Verwandten im Iran macht. "Das iranische System ist unberechenbar. Es arbeitet mit Verunsicherung. Das übt viel mehr Druck aus als jede Regel." Verhaftungen seien im Iran jederzeit möglich, so der Wissenschaftler zu SPIEGEL ONLINE. Die iranische Botschaft wollte sich auf Anfrage bislang nicht zu dem Fall äußern.

Wenn Dejagah tatsächlich – begründet oder unbegründet - Angst vor nachteiligen Konsequenzen im Fall einer Einreise hatte: Warum gab er nicht einfach an, er sei verletzt? "Der junge Mann war sich offenbar selbst nicht im Klaren darüber, was er eigentlich gesagt hat", glaubt der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Detlef Parr. Auch der Grüne Hermann räumt ein: "Das hätte er cleverer machen können."

Ist also wirklich alles nur ein großes Missverständnis? Parr sieht im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor allem auch den DFB in der Pflicht, die eigenen Spieler auf Fairness und politisch korrektes Verhalten hinzuweisen. In den Ausbildungsleitlinien des DFB sei dies auch der Fall. Dort werde ausdrücklich Wert auf Fairness gegenüber Gegnern, Schiedsrichtern oder Trainern gelegt: "Man muss sich fragen, wenn es diese Leitlinie schon gibt, aus welchen Gründen der Trainerstab Dejagahs Entscheidung überhaupt akzeptiert hat. Der Sport muss innerhalb seiner Ausbildung für eine gewisse Werteerziehung sorgen. Die Werte, die in den Leitlinien verankert sind, müssen auch mit Leben gefüllt werden." Kurz: Selbst wenn Dejagah unbedacht gehandelt haben mag, hätte ihn der DFB bremsen müssen.

Was steckt hinter den Aussagen?

Parr betonte, es handle sich nicht um ein grundsätzliches Problem des deutschen Fußballs. Der DFB müsse aber nun herausfinden, was wirklich hinter den Aussagen von Dejagah stecke. "Sollte er sich einsichtig zeigen, soll er auch weiterhin für die Nationalmannschaft spielen dürfen", so Parr. Nach der massiven öffentlichen Kritik erklärte DFB-Präsident Zwanziger, er habe Fehler gemacht und werde nun das Gespräch mit dem Spieler suchen. Von diesem Gespräch hänge es ab, ob Dejagah noch einmal für die deutsche Nationalmannschaft nominiert werde.

Auch Dejagahs Vater Mohammed erklärte gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur IRNA, sein Sohn müsse sich nun entscheiden, für welche der beiden Mannschaften er nun spielen wolle. Die SPD-Politikerin Freitag warnte, für den Fall, dass Dejagah sich nur das Hintertürchen offen halten wolle, eines Tages in der iranischen Nationalmannschaft zu wollen, müsse das Konsequenzen haben.

Im Iran wäre Dejagah jedenfalls wohl mehr als willkommen. Die iranische Nachrichtenagentur schreibt, er sei eine der großen Fußball-Hoffnungen Deutschlands.

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