Längere AKW-Laufzeiten Umweltverbände zerpflücken Atomkompromiss

Wirtschaftsminister Brüderle schwärmt nach der Einigung über längere AKW-Laufzeiten von einer "neuen Zeitrechnung". Umweltverbände jedoch sind entsetzt. Sie sprechen von einer unverantwortlichen Entscheidung, von einem Einknicken vor der Industrie - und kündigen Massenproteste an.

Demonstranten vor dem Kanzleramt: "Ein schwarzer Tag"
DDP

Demonstranten vor dem Kanzleramt: "Ein schwarzer Tag"


Berlin - Für den Naturschutzbund Nabu ist klar: "Kanzlerin Merkel knickt vor der Atomlobby ein." Nachdem sich die Spitzen der schwarz-gelben Koalition am Sonntag auf längere Laufzeiten für Atomkraftwerke geeinigt haben, kritisieren Umweltschutzverbände den Kompromiss scharf. Der Nabu warf der Regierung vor, sie bremse die erneuerbaren Energien aus. Die Organisation Greenpeace sprach von einem "schwarzen Tag für Deutschland" und einer "unverantwortlichen Entscheidung".

Die Umweltverbände kritisieren, die Regierung habe einseitig im Interesse der Atomindustrie gehandelt. Die Laufzeitverlängerung sei "ein reines Geldgeschenk der Regierung. Sie schadet Deutschland und nutzt den Konzernen", sagte Greenpeace-Energieexperte Tobias Münchmeyer. Zudem würden nun Tausende Tonnen zusätzlichen Atommülls anfallen.

Die Anti-Atom-Initiative "ausgestrahlt" kündigte Massenproteste an. "Die Absprachen der letzten Nacht werden der Regierung um die Ohren fliegen. Das wird keinen Bestand haben, weil der gesellschaftliche Gegenwind zu groß sein wird", sagte der Sprecher der Initiative, Jochen Stay. Für den 18. September ist eine Großdemonstration von Atomkraftgegnern in Berlin geplant.

"Ein grosser Wurf"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Wirtschaftsminister Brüderle sieht in der Einigung auf die künftigen Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke hingegen den Beginn einer "neuen Zeitrechnung". Der Kompromiss der schwarz-gelben Koalition habe "eine neue Dimension, eine neue Qualität", sagte Brüderle am Montag im Deutschlandfunk. Die Regierung habe sich die Entscheidung nicht einfach gemacht, aufgrund unterschiedlicher Auffassungen sei es ein "schwieriger Weg" gewesen.

Brüderle rechnet mit insgesamt "30 Milliarden, die für den Staat und die Neuausrichtung der Energiepolitik gehoben werden". Bei den Abgaben der Konzerne müsse beachtet werden, dass sie weiterhin ihre Rentabilität erreichten und Gewinne erwirtschafteten.

Nach einer knapp zwölfstündigen Spitzenrunde im Kanzleramt in Berlin hatten sich Rainer Brüderle, Umweltminister Norbert Röttgen, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble auf ein energiepolitisches Gesamtkonzept für die nächsten Jahrzehnte geeinigt. Die Eckpunkte sind folgende:

• Ältere Kernkraftwerke sollen eine längere Laufzeit von 8 Jahren erhalten

• Jüngere Meiler bekommen sogar ein Plus von 14 Jahren

• Stromkonzerne sollen Ökoenergie mit 15 Milliarden Euro unterstützen

Für diese gestaffelte Lösung will die Regierung die 17 deutschen Atommeiler nun in zwei Gruppen unterteilen, je nach Baujahr. Unterm Strich heißt das: In Deutschland würde noch die nächsten drei Jahrzehnte lang auch Atomstrom aus der Steckdose kommen.

Im Gegenzug müssen die großen Energiekonzerne wie geplant ab 2011 eine Brennelementesteuer von 2,3 Milliarden Euro jährlich zahlen - allerdings nur befristet auf einige Jahre. Ergänzend wird ein neuer "Sonderbeitrag" zur Förderung erneuerbarer Energien fällig, auf den sich die Atomkonzerne vertraglich festlegen sollen.

Nicht nur die Umweltverbände, auch das Nachbarland Österreich hat das Ergebnis der Verhandlungen als Enttäuschung und schweren Rückschlag kritisiert. "Deutschland macht es sich damit leicht, den CO2-Ausstoß in Grenzen zu halten", teilte der konservative Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) laut der österreichischen Nachrichtenagentur APA mit. Die Zukunft der Energieversorgung liege in erneuerbaren Energien: "Klar ist: Atomkraft ist keine Antwort auf den Klimawandel und keine nachhaltige Form, um den CO2-Ausstoß zu verringern."

Ähnlich argumentiert der Bundestagsfraktionschef der Grünen, Jürgen Trittin: "Längere Laufzeiten senken kein Gramm Treibhausgase. Und mehrheitlich ist die Bevölkerung gegen längere Laufzeiten." Die Menschen hätten verstanden, "dass wir die risikoreichen Atomkraftwerke für die Sicherheit unserer Energieversorgung nicht brauchen. Schon heute exportiert Deutschland Strom".

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel wertete die Einigung als "schwarzen Tag für die Energiepolitik". Die Koalition aus Union und FDP habe sich von den großen Stromkonzernen unter Druck setzen lassen, damit diese weiter täglich Millionen an Zusatzgewinnen einstreichen könnten, kritisierte er in der ARD.

Die FDP-Bundestagsfraktion lobte den ausgehandelten Atomkompromiss: "Das ist ein Riesenerfolg, den man so am Beginn der Verhandlungen nicht erwarten konnte", sagte der energiepolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Klaus Breil.

kgp/dpa/dpa-AFX/ddp

Forum - Energie - braucht es eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke?
insgesamt 5062 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kdshp 28.08.2010
1.
Zitat von sysopDie Atomenergie steht derzeit in der Diskussion wie seit langem nicht mehr. Regierung und Betreiber lassen die Muskeln spielen, es geht um Kosten, Nutzen, Risiken. Braucht es eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke?
Hallo, ich denke nicht und bezogen auf die gefahr wäre mit eine abschaltung so schnell wie möglich am liebesten.
rkinfo 28.08.2010
2.
Zitat von sysopDie Atomenergie steht derzeit in der Diskussion wie seit langem nicht mehr. Regierung und Betreiber lassen die Muskeln spielen, es geht um Kosten, Nutzen, Risiken. Braucht es eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke?
http://de.wikipedia.org/wiki/Energiemix Die großen Problembrocken liegen 2020-2040 bei der Kohle und dem Erdöl. Das Umweltministerium will bis 2040 rund -70% bei CO2 und damit Kohle und Erdöl. Greenpeace will bis 2040 die Kohle (Strom, Stahl) komplett auf Null setzen. Alles edle und machbare Ziele wenn wer uns anstrengen. Aber wir nicht gleichzeitig auch nur rabiat den CO2-freien Atomstrom kappen. Dazu kommt dass die Grenzkosten der AKWs bei Weiterbetrieb einfach extrem gering sind und wir per Stillegung an anderer Stelle Kosten verurachen bzw. mehr Kohle verbrennen müssen. Die ganze Ausstiegsdebatte ist eine rücksichtslose Politikshow ohne Betrachtung der Folgen für den Klimaschutz. Die Stromversorgung ist aber primär eine technisches bis sicherheitstechnisches Aufgabengebiet. Wenn die Bürger nicht ihre Glühbirnen abgeben wollen kann man sie für Kraftwerksplnung nicht mehr für zurechnungsfähig betrachten.
robr 28.08.2010
3. Braucht kein Mensch!
Zitat von sysopDie Atomenergie steht derzeit in der Diskussion wie seit langem nicht mehr. Regierung und Betreiber lassen die Muskeln spielen, es geht um Kosten, Nutzen, Risiken. Braucht es eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke?
Eine laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke ist unsinnig. es ist ja beileibe nicht so, dass unter Rot-Grün die sofortige Abschaltung aller AKW stattfinden würde. Sonde zuerst nur die Uraltmeiler wie Biblis-A oder Krümmel. Die neueren AKW dann erst im laufe mehrerer Jahre. Nur die Stromkonzerne meinen ,sie haben die Erlaubnis zum Gelddrucken, denn für die Folgekosten und 100000 Jahre Lagerung müssen sie ja nicht aufkommen. Pacta sunt servanda, und das sollte auch für die Stromkonzerne gelten!
miken123 28.08.2010
4. Ich will auch
Zitat von rkinfohttp://de.wikipedia.org/wiki/Energiemix Die großen Problembrocken liegen 2020-2040 bei der Kohle und dem Erdöl. Das Umweltministerium will bis 2040 rund -70% bei CO2 und damit Kohle und Erdöl. Greenpeace will bis 2040 die Kohle (Strom, Stahl) komplett auf Null setzen. Alles edle und machbare Ziele wenn wer uns anstrengen. Aber wir nicht gleichzeitig auch nur rabiat den CO2-freien Atomstrom kappen. Dazu kommt dass die Grenzkosten der AKWs bei Weiterbetrieb einfach extrem gering sind und wir per Stillegung an anderer Stelle Kosten verurachen bzw. mehr Kohle verbrennen müssen. Die ganze Ausstiegsdebatte ist eine rücksichtslose Politikshow ohne Betrachtung der Folgen für den Klimaschutz. Die Stromversorgung ist aber primär eine technisches bis sicherheitstechnisches Aufgabengebiet. Wenn die Bürger nicht ihre Glühbirnen abgeben wollen kann man sie für Kraftwerksplnung nicht mehr für zurechnungsfähig betrachten.
Ich will bis morgen früh +100.000.000€ auf meinem Konto. Beides wird wohl ehr nix, außer die Bundesregierung verlängert die Laufzeiten der AKW und gibt mir einen Teil des Gwinns
merapi22 28.08.2010
5. Atomkraft? Nein Danke!
Zitat von sysopDie Atomenergie steht derzeit in der Diskussion wie seit langem nicht mehr. Regierung und Betreiber lassen die Muskeln spielen, es geht um Kosten, Nutzen, Risiken. Braucht es eine Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke?
Klares NEIN! Die AKWs gehören so bald wie möglich vom Netz, dank EE Förderung, kann man den Energiebedarf durch regenerative Energieerzeugung sichern. Eine Laufzeitverlängerung würde nur Geld in den Taschen der Atomlobbyisten spülen, der Strompreis für den Normalbürger würde steigen! Zudem sind die veralteten AKWs die reinsten Zeitbomben, die Gefahr eines GAU wird von der Atomwirtschaft und Politik heruntergespielt, im dicht-besiedelten Mitteleuropa wären Millionen davon betroffen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.