Lafontaine verzichtet auf Parteivorsitz: Die Linke - ein Trümmerhaufen

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Es ist ein typischer Lafontaine: Erst wollte er noch mal Linken-Chef werden, jetzt hat er abgesagt - weil ein Teil der Partei seine Kandidatur ablehnte. Wird auch Rivale Bartsch seine Bewerbung zurückziehen? Ein Frauen-Duo an der Spitze der düpierten Partei wird immer realistischer.

Parteivorsitz: Ringen um die Linken-Spitze Fotos
dapd

Berlin - Ein Tag der positiven Schlagzeilen für die Linke sollte es werden. Endlich wieder einmal, nach Wochen der Selbstzerfleischung: Der griechische Parteifreund Alexis Tsipras in der Bundespressekonferenz gemeinsam mit dem Vorsitzenden Klaus Ernst und Fraktionschef Gregor Gysi, Dutzende Kamerateams und Fotografen. Ein bisschen sonnen wollten sie sich im Glanze von Tsipras, dessen Partei in Griechenland gerade mehr als 17 Prozent holte, vielleicht ist er bald Ministerpräsident in Athen.

Doch dann kam Oskar Lafontaine. Und plötzlich liegt die Linke noch tiefer am Boden.

Am späten Nachmittag kündigte der ehemalige Parteichef an, nun doch nicht erneut für den Vorsitz kandidieren zu wollen. Lafontaines Erklärung aus dem Saarland, um 17.02 Uhr über einen Berliner Sprecher versandt, macht das Führungs-Chaos wenige Tage vor dem Bundesparteitag in Göttingen perfekt. Denn Lafontaines Rückzug erhöht den Druck auf Gegenspieler Dietmar Bartsch, ebenfalls von der Kandidatur für den Chefposten Abstand zu nehmen. "Daher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass nur ein passender Neuanfang jenseits der bisherigen Konfrontationslinien die derzeitige festgefahrene Situation überwinden kann", heißt es in der Erklärung Lafontaines.

Mit anderen Worten: 'Lieber Feind Dietmar, nun tu es mir nach.'

Dieser Interpretation wird im Umfeld Lafontaines nicht widersprochen. Genauso wenig der Annahme, dass weder Ernst noch Gysi vorab von Lafontaines Rückzieher informiert waren. Sie dürften sich nach ihrem Auftritt mit Tsipras zu Recht düpiert fühlen.

Häme von SPD und Grünen

Ein echter Lafontaine eben. Natürlich denkt man sofort an seinen Rückzug 1999 als SPD-Chef und Bundesfinanzminister im Kabinett von Kanzler Gerhard Schröder. Auch damals wurden alle kalt erwischt. Klar, dass es nun jede Menge Häme von Sozialdemokraten und Grünen gibt, die damals zu den Gelackmeierten gehörten.

Auch diesmal kann man Lafontaines Verhalten divenhaft nennen: Weil die Partei nicht flügelübergreifend in den Staub fiel, als er vergangene Woche seine mögliche Kandidatur ankündigte, sondern nur seine Freunde im Lager der Westlinken, sagte der Saarländer nun beleidigt ab. Seine Unterstützer sehen das natürlich ganz anders: Lafontaine habe eben ein Angebot gemacht, heißt es - weil das offenbar nicht zur Befriedung der Partei beitrage, ziehe er nun die Konsequenzen.

Doch selbst engste Parteifreunde sind enttäuscht. "Das ist kein Sieg für irgendwen, sondern eine Niederlage für die Linke", sagte Parteichef Ernst der "Welt". Er hatte sich zuletzt massiv für Lafontaine als Vorsitzenden starkgemacht. Auch die sächsische Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann, als weibliche Co-Vorsitzende Lafontaines gehandelt, befürchtet nun einen Schaden für die Partei. Die saarländischen Parteifreunde zeigen sich ebenfalls konsterniert.

Die spannende Frage ist nun: Was macht Dietmar Bartsch? Am Dienstagabend hieß es aus seinem Umfeld, er werde weiter für den Vorsitz kandidieren. Rückendeckung kommt von seinen Unterstützern aus dem Reformer-Lager. "Ich sehe keinen Grund dafür, dass Dietmar Bartsch zurückziehen sollte", sagt Mecklenburg-Vorpommerns Landeschef Steffen Bockhahn. "Er hat ein klares inhaltliches Angebot gemacht, und das wird auf dem Parteitag zur Wahl stehen."

Aber was, wenn er dem Druck nicht standhält? Nunmehr müssten Vertreter "unterschiedlicher, aber wichtiger Teile der Partei aufeinander zugehen", erklärte Fraktionschef Gysi am Dienstagabend in Berlin. Und Sahra Wagenknecht, Liebling der Westlinken und Lebensgefährtin Lafontaines, meinte vielsagend: "Wir können nur gemeinsam gewinnen, aber wenn wir so weitermachen wie in den letzten Monaten, werden wir gemeinsam verlieren."

Deswegen solle auch Dietmar Bartsch auf die Kandidatur für den Parteivorsitz verzichten, sagte Wagenknecht am Abend nach einer Parteiveranstaltung in Berlin: "Ich denke, das wäre doch sicherlich eine Lösung, die eher die Partei eint". Bartsch solle nicht auf Gedeih und Verbleib bei seiner Kandidatur bleiben. Die Basis wolle eine dritte Lösung, sagte Wagenknecht.

Konkrete Planungen für eine Frauen-Spitze

Längst gibt es konkrete Planungen für einen Befreiungsschlag, eine Art dritten Weg: Parteivize Katja Kipping und die NRW-Landeschefin Katharina Schwabedissen wollen für eine Doppelspitze kandidieren, mit ihnen zusammen wollen Bundesgeschäftsführerin Caren Lay, Vorstandsmitglied Brigitte Ostmeyer sowie die Bundestagsabgeordneten Jan van Aken und Thomas Nord als Team antreten. "Uns verbindet der Wunsch, für die gemeinsame bundesweite Partei zu arbeiten", heißt es in einer Erklärung. "Unserer Widersprüche sind wir uns bewusst, aber wir erleben sie nicht als Blockade, sondern als Gewinn."

Schwabedissen und Kipping hatten sich in den vergangenen Tagen wiederholt für eine weibliche Doppelspitze starkgemacht. Sie soll ein Ausweg sein aus der Konfrontation zwischen Lafontaine und Bartsch und den mit ihnen verbundenen Parteilagern.

Aber wäre das ein Personalangebot, das der Linken genug Schwung für die Rückkehr aus dem Umfragentief geben kann? Immerhin steht in Niedersachsen eine Landtagswahl bevor, wo der Partei der nächste Flop droht. Und manchen in der Linken treibt sogar die Sorge um, bei der Bundestagswahl 2013 den Wiedereinzug ins Parlament zu verpassen.

"Es muss jetzt einen Aufbruch geben", sagt Bodo Ramelow, einflussreicher Fraktionschef der Linken im Thüringer Landtag. Die Frage ist nur, wie.

Mitarbeit: Veit Medick / Mit Material von dapd

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1. hartz wer?
schäfer_peinlich 22.05.2012
Zitat von sysopEs ist ein typischer Lafontaine: Erst wollte er noch mal Linken-Chef werden, jetzt hat er abgesagt - weil ein Teil der Partei seine Kandidatur ablehnte. Wird auch Rivale Bartsch seine Bewerbung zurückziehen? Ein Frauen-Duo an der Spitze der düpierten Partei wird immer realistischer. Lafontaine will doch nicht Parteichef der Linken werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834569,00.html)
Nachdem die Piraten jetzt 1.500 € netto für jeden fordern, ist die Linke doch überflüssig. Und wenn die DFP (Deutsche Freibier Partei) 1.500 € netto plus drei Kästen umsonst pro Woche fordert, dann wird statt der Piraten die gewählt.
2. immer feste druff...
zynik 22.05.2012
Zitat von sysopEs ist ein typischer Lafontaine: Erst wollte er noch mal Linken-Chef werden, jetzt hat er abgesagt - weil ein Teil der Partei seine Kandidatur ablehnte. Wird auch Rivale Bartsch seine Bewerbung zurückziehen? Ein Frauen-Duo an der Spitze der düpierten Partei wird immer realistischer. Lafontaine will doch nicht Parteichef der Linken werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834569,00.html)
Was hätte ich mir eine derartige Schlagzeile über unsere "Regierungskoalition" gewünscht. Aber solche Schlagzeilen bleiben in der deutschen Presselandschaft offenbar nur der Linken vorbehalten. Wäre doch gelacht, wenn man die einzige wirkliche politische Alternative nicht unter 5 % schreiben könnte.
3. Die Lösung für die Linke
BouvardPecuchet 22.05.2012
Zitat von sysopEs ist ein typischer Lafontaine: Erst wollte er noch mal Linken-Chef werden, jetzt hat er abgesagt - weil ein Teil der Partei seine Kandidatur ablehnte. Wird auch Rivale Bartsch seine Bewerbung zurückziehen? Ein Frauen-Duo an der Spitze der düpierten Partei wird immer realistischer. Lafontaine will doch nicht Parteichef der Linken werden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,834569,00.html)
Mein Tipp: Die Linke sollte Lafontaine den Wechsel zu den Piraten nahelegen. Wenn man überlegt, in welcher Form die jedes neue prominente Mitglied hofieren, dann werden die gar nicht merken, welches Danaergeschenk ihnen da gereicht wurde. Und schwupps, in spätestens fünf Jahre zieht die Linke auch in den westlichen Ländern wieder in die Landtage, während sich die Piraten in Personalquerelen zerfleischen!
4. Die Link [x]
spon-facebook-10000191305 22.05.2012
Irgendwie versthe ich die Link die letzen Wochen und Monate nicht. Oscar hat die Partei von sich aus selbst aufgebaut und er ist das mit Abstand bekannteste Gesicht, dennoch wollen die anderen machgierigen Kollene-Politiker allen voran der Bartsch und ein paar Frauen die Spitze übernehmen, obwohl sie keiner kennt. Die Linke hat den Oscar in die Ecke gedrängt und damit ihrr Auszeigeschild verloren. Ich bezweifle, dass es die Link 2013 noch über die 5% schafft. schade drum
5. Trümmerhaufen
freigeist1964 22.05.2012
Zitat von zynikWas hätte ich mir eine derartige Schlagzeile über unsere "Regierungskoalition" gewünscht. Aber solche Schlagzeilen bleiben in der deutschen Presselandschaft offenbar nur der Linken vorbehalten. Wäre doch gelacht, wenn man die einzige wirkliche politische Alternative nicht unter 5 % schreiben könnte.
Was für eine politische Alternative meinen sie? Etwa einen Sozialisimus ala DDR wo Presse und Meinungen und iindividuelel Freiheit unterdrückt wurden, wo sich korrupte Parteibonzen im Namen des Volkes die Taschen vollgestopft haben und wie im Schlaraffenland gelebt haben, während nebenan die Menschen in Schlangen vor den Läden standen um vielleicht doch noch eine Scheibe Brot einkaufen zu können? Meinen Sie das ist eine politsche Alternative, so zu sein und so zu scheitern wie diesr sogenannte reale Sozialismus?????
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