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Studie zur Landflucht: "Wir brauchen ein generelles Umdenken"

Ein Interview von Horand Knaup

Leerstand (in Oberhausen): "Die Menschen gehen aus freien Stücken und guten Gründen in die Zentren" Zur Großansicht
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Leerstand (in Oberhausen): "Die Menschen gehen aus freien Stücken und guten Gründen in die Zentren"

Die Menschen in Deutschland zieht es immer stärker in die Städte, die ländlichen Räume veröden. Der Chef des Berlin-Instituts plädiert im Interview für einen neuen Umgang mit der Situation: Schluss mit der Vollversorgung.

Die Überalterung und das Ausbluten der ländlichen Räume in Deutschland schreitet weiter voran - obwohl die Zahl der Einwohner wieder steigt. Da helfen weder das Grundgesetz, das immer noch gleichwertige Lebensbedingungen einfordert, noch milliardenschwere Subventionen für die Peripherie.

Das Berlin-Institut stellt Mittwoch eine Studie vor, die sich mit der demographischen Entwicklung beschäftigt. Titel: "Von Hürden und Helden - wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt". Sie zeigt Alternativen aufzeigt, wie sich der Trend womöglich verlangsamen lassen und das Leben auf dem Land lebenswert bleiben könnte. Mit dem Leiter des Instituts, Reiner Klingholz, 61, sprach Horand Knaup.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Einwohner in Deutschland wächst wieder, zugleich verödet der ländliche Raum. Ist die Entwicklung noch zu stoppen?

Klingholz: In der Tat wachsen die wirtschaftsstarken Städte und saugen die peripheren Räume leer. Weil immer mehr junge Menschen einen höheren Schulabschluss machen, gehen sie zur weiteren Bildung in die Zentren. Städte sind deutlich lebenswerter geworden als noch vor ein paar Jahrzehnten. Zudem entstehen in wissensintensiven Gesellschaften neue Jobs tendenziell in den Zentren. Die ländlichen Gebiete werden, wenn sie nicht in Pendeldistanz zu den Arbeitsplätzen liegen oder touristisch hochattraktiv sind, weiter Einwohner verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wie hält man den Trend auf?

Klingholz: Warum sollte man das tun? Die Menschen gehen aus freien Stücken und guten Gründen in die Zentren. Wir können sie ja schlecht aufs Land zurückschicken. Der Trend ist, nach allem, was man weiß, unausweichlich - und im Übrigen eine weltweite Entwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Die öffentliche Hand hat in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden für die Förderung des ländlichen Raums ausgegeben. Hat das nichts gebracht?

Klingholz: Im Sinne der Einwohnerentwicklung hat es wenig gebracht. Mehr Milliarden Euro, als im Rahmen des Aufbaus Ost in die ländlichen Gebiete geflossen sind, kann man kaum investieren. Dennoch haben sie den Trend in keiner Weise gestoppt. Auch Arbeitsplätze lassen sich im entlegenen ländlichen Raum nicht erzwingen. Die Finanzhilfen führen manchmal dazu, dass sich Unternehmen nur wegen der Subventionen in der Peripherie ansiedeln. Gerade diese Unternehmen haben aber eine große Wahrscheinlichkeit zu scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Das Grundgesetz schreibt gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Regionen vor. Müssen wir den Anspruch aufgeben?

Klingholz: Die Grundidee stammt aus den Zeiten der alten Bundesrepublik, als Wachstum allgegenwärtig war, als Straßenbau und staatliche Eigenheimförderung hoch im Kurs standen und viel Geld in die Peripherie floss. Unter Schrumpfbedingungen ist der Anspruch nicht mehr einzulösen. Er ist vielmehr zu einer Hülle verkommen, die Enttäuschungen geradezu programmiert und die Bewohner solcher Regionen populistischen Parteien zutreibt. Wir sehen ja, dass die Versorgungsinfrastruktur auf dem platten Land immer schlechter wird und wir in keiner Weise mehr von einer Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sprechen können.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben auf dem Land nur noch Verlierer zurück?

Klingholz: Das kann man nur zum Teil sagen. Ältere Leute, die in einem Eigenheim sitzen, das sie nicht mehr verkaufen können, weil die Preise kollabiert sind, haben sicher ein Problem. Viele von ihnen würden gerne in die nächste größere Stadt der Region umziehen, weil dort die Versorgung besser ist, der Weg zum Arzt und zum Einkaufen ist kürzer und sie finden eher barrierefreie Wohnungen. Anders als früher wollen auch Ältere den ländlichen Raum verlassen, nicht nur die jungen Leute. Umgekehrt gibt es auch Jüngere, die gerne dahin gehen, wo gar nichts ist. Die wissen aber, worauf sie sich einlassen, und sie schätzen die Freiräume, die sie in der Stadt nicht haben. Aber zahlenmäßig sind diese Leute eine absolute Minderheit.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um das Landleben attraktiver zu machen?

Klingholz: Wir müssen weg von unserer heutigen Vorstellung einer Vollversorgung. Es gibt eine Vielzahl von Gesetzen, Verordnungen und Standards, die alles regeln - Klassengrößen, Straßenbreiten, wer Personen und Güter transportieren darf und so weiter. Wenn diese Normen nicht hundertprozentig erfüllt sind, werden Einrichtung geschlossen oder Leistungen auf null gesetzt. Ganz häufig würden aber auch 90 Prozent Leistung reichen. Wir brauchen da ein generelles Umdenken.

SPIEGEL ONLINE: Weniger starre Regeln, weniger Standards und mehr Flexibilität?

Klingholz: So könnte man es sagen. Es wäre eine Aufgabe für die Politik, aber auch für die Standesorganisationen. Denn gerade im medizinischen Bereich sind es häufig die niedergelassenen Ärzte oder die Apotheker einer Region, die sich gegen weniger starre Regelungen wehren.

SPIEGEL ONLINE: Und wo wären kreative Lösungen noch möglich?

Klingholz: Es gibt viele Möglichkeiten: Mitfahrgelegenheiten oder Bürgerbusse können das klassische Nahverkehrsangebot ergänzen, Zahnärzte können mit mobilen Praxen ältere Menschen aufsuchen und betreute Alten-Wohngemeinschaften oder Kindergärten müssen von manchen Regelungen befreit werden. Nur wenn das Leben auf dem Land einfacher wird, kann es auch attraktiver werden.

Bevölkerungsentwicklung

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
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1. So ein Quatsch
Badda 13.01.2015
"Die Menschen gehen aus freien Stücken und guten Gründen in die Zentren." Aus guten Gründen: Ja, weil nur dort gibt es Jobs. Aus freien Stücken: Nein, weil in den Zentren ist die Lebensqualität niedriger und die Lebensunterhaltskosten höher. Ich würde gerne wieder zurück in meine Heimatstadt - leider aber gibt es dort keine Jobs für mich. Vielleicht ändert sich das ja mal, wenn Unternehmen stärker auf virtuelle Teams und Telearbeit setzen? Wen interessiert, wo ich arbeite wenn am Ende des Tages der Job gemacht ist?
2. Was er
altmannn 13.01.2015
nicht ansprach: Viele ländliche Räume sind bei den Internetverbindungsraten auf einem Niveau von Entwicklungsländern. Allein deswegen können mittlerweile viele Tätigkeiten dort nicht mehr ausgeübt werden.
3. .
crigs 13.01.2015
Konstruktive, brauchbare Vorschläge fehlen. Ich weiss, dass es kaum Möglichkeiten gibt, die Landflucht zu stoppen. Das notwendige Geld kann besser eingesetzt werden. Bringen Sie das Wohnen in den Städten auf einen noch besseren Standard, und auf dem Lande finden Sie nur noch Bauern und solche, die es noch werden wollen. Was geschieht mit den Bauern, sobald wir die Nahrung aus der Steckdose kriegen ?
4. Da gäbe es doch eine gute Lösung
Sonia 13.01.2015
Anstatt Asylanten oder Ausländer in Unterkünften zu halten, die nicht mal den Standard eines Tierheimes haben, bevor weiterhin intakte Plattenbauten im Osten einfach abgerissen werden, Schulen und Krankenhäuser schließen, immer mehr kleine Häuser in den Dörfern leer stehen - bietet das den Menschen an, die sich ein völlig neues Leben aufbauen müssen; oft kommen sie ja selbst aus ländlichen Regionen. In Kanada, den USA, Australien, Neuseeland hat das sehr gut funktioniert - nur, dort gab es vorher gar nichts. Wir haben eine Infrastruktur, die derzeit in ländlichen Regionen zerstört wird. Schaut in bestimmte Stadtteile von Frankfurt, von Dortmund, Köln, Bremen, Berlin usw. ..würdet einer von euch hier so leben wollen? Wenigstens mal versuchen sollte man das. In Frankfurt/Oder wurden Tausende Wohnungen abgerissen ...das ist nicht mal ein Dorf.
5.
jupp78 13.01.2015
Zitat von crigsKonstruktive, brauchbare Vorschläge fehlen. Ich weiss, dass es kaum Möglichkeiten gibt, die Landflucht zu stoppen. Das notwendige Geld kann besser eingesetzt werden. Bringen Sie das Wohnen in den Städten auf einen noch besseren Standard, und auf dem Lande finden Sie nur noch Bauern und solche, die es noch werden wollen. Was geschieht mit den Bauern, sobald wir die Nahrung aus der Steckdose kriegen ?
Der einzig brauchbare Weg ist, entsprechende Dörfer und Kleinstädte dicht zu machen. Ich verstehe nicht, warum man sich gegen diesen Weg so sträuben muss. Was ist daran so erstrebenswert, jedes kleine Kaff am Leben erhalten zu müssen?
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