Landtagswahl Bayern hat die Wahl

Kassiert die CSU eine Wahlschlappe? Fahren die Grünen ein Rekordergebnis ein? Wer regiert künftig in Bayern? An diesem Sonntag ist Wahl im Freistaat, es wird spannend. Der Überblick.

Aktuelle Wahlplakate in Bayern
PHILIPP GUELLAND/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Aktuelle Wahlplakate in Bayern

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An Markus Söders Einsatz wird es nicht gelegen haben. So viele Brezeln, wie Söder im Wahlkampf verteilt hat, so viele Menschen, die der CSU-Spitzenkandidat im Dunst der bayerischen Bierzelte bearbeitet hat, so viele Millionen Euro, die er als Ministerpräsident in alle Richtungen versprochen hat: Und dennoch droht ihm und seiner Partei das schlechteste Ergebnis bei einer bayerischen Landtagswahl seit gut sieben Jahrzehnten.

Das jedenfalls sagen die Umfragen voraus. Ausgeschlossen ist deshalb nicht, dass sich das Ergebnis am Ende doch von diesen Zahlen abhebt. Mobilisierung, die späte Wahlentscheidung vieler Bürger, das Wetter - mancher in der Partei träumt von einem fulminanten Endspurt der Christsozialen. Noch. Auch von den Besonderheiten des bayerischen Wahlsystems könnte die CSU profitieren.

Etwa 9,5 Millionen Bayern dürfen an diesem Sonntag den neuen Landtag wählen, 17 weitere Parteien treten neben der CSU an, 1923 Kandidaten sind nominiert.

Die Grünen dürfen auf ein Rekordergebnis hoffen, auch die Freien Wähler freuten sich bis zuletzt über gute Umfragewerte, die AfD wird nun wohl auch in Bayern in den Landtag einziehen, die FDP lag zuletzt knapp über der Fünf-Prozent-Hürde, die Linke knapp darunter.

Zweiter Hauptverlierer neben der CSU könnte die SPD werden, die sich diesmal noch schwerer tut als ohnehin in Bayern.

Anders als bei bisherigen Landtagswahlen in Bayern - seit 1957 stellt ununterbrochen die CSU die Ministerpräsidenten, meist ausgestattet mit absoluter Mehrheit - ist die Frage spannend, wie es weitergeht: Selbst eine Regierungskoalition gegen die Christsozialen und ohne die Rechtspopulisten scheint einigen Umfragen zufolge denkbar.

Hier sind die Hintergründe zur Landtagswahl in Bayern:

Wie geht es mit der CSU weiter?

Mindestens so angespannt wie Ministerpräsident Söder dürfte der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer auf die ersten Prognosen um 18 Uhr schauen: Seehofer, darin sind sich hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand viele Parteifreunde einig, trägt wegen seines Agierens als Bundesinnenminister die Hauptschuld, falls es zu der erwarteten Klatsche kommt. Ob das nun stimmt oder nicht: Es würde jedenfalls dabei helfen, Söder aus der Schusslinie zu nehmen, der als Spitzenkandidat genauso Verantwortung trägt.

Falls sich die CSU nicht doch noch überraschend erholt, dürfte es rasch Rücktrittsforderungen an Seehofer geben. Aber ob das Konsequenzen hat, hängt vor allem an Söder selbst. Mancher glaubt, der Ministerpräsident habe gar kein Interesse an einem Rücktritt Seehofers. Söder wird jedenfalls versuchen, unter allen Umständen sein Amt zu verteidigen - wenn das aus seiner Sicht besser über eine fortgesetzte Arbeitsteilung mit Seehofer funktioniert, wird er sich dafür einsetzen.

Stimmenfang #69 - Bayernwahl: Wie Markus Söder um die absolute Mehrheit zittert

Allerdings darf sich Söder, sollte es richtig mies kommen, seiner Sache selbst nicht zu sicher sein. Wie rasch die CSU in der Lage ist, ihr Führungspersonal auszutauschen, erlebte Söder aus nächster Nähe mit, als nach der Landtagswahl 2008 sowohl Ministerpräsident Günther Beckstein als auch Parteichef Erwin Huber gehen mussten.

Egal, wie es an der Spitze weitergeht: Unruhig dürfte es für die Christsozialen in jedem Fall nach der Wahl werden, weil die CSU sich wohl einen oder sogar mehrere Koalitionspartner wird suchen müssen, um weiter regieren zu können.

Die Themen

Bayern geht es gut - das Wirtschaftswachstum ist enorm, Vollbeschäftigung fast erreicht - aber das Leben wird deshalb gerade in den Ballungszentren teurer. Ein großes Thema im Wahlkampf war deshalb die Wohnfrage, aus Sicht von Mietern und Käufern. Söder und seine Regierung haben dazu verschiedene Programme ausgelegt, die aus Sicht der politischen Wettbewerber entweder zu groß oder zu klein ausfallen oder schlicht falsch aufgezogen sind.

Eng verbunden mit dem Wachstum ist auch das Thema "Flächenfraß" - immer mehr Felder, Wiesen und Wälder im Freistaat werden zum Gewerbe- oder Wohngebiet umgewandelt. Der Fluch des Erfolgs gewissermaßen, unter dem die regierende CSU logischerweise besonders zu leiden hat. Die Grünen wiederum profitieren besonders von der Unzufriedenheit vieler Bürger bei dem Thema. Auch das umstrittene neue Polizeiaufgabengesetz der Landesregierung sowie Söders Kreuzerlass spielten im Wahlkampf eine Rolle.

Die möglichen Koalitionen

Dass die CSU ihre absolute Mehrheit verteidigt, scheint sehr unwahrscheinlich. Stattdessen wird man die Macht wohl teilen müssen, vielleicht sogar mit mehreren Partnern.

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Den Demoskopen zufolge hätten CSU und Grüne wohl eine gemeinsame Mehrheit, allerdings wäre diese Koalition aus Sicht vieler Christsozialer besonders schwer zu verdauen.

Die Grünen wiederum wollen unbedingt regieren, allerdings müssten sie sich teuer verkaufen, um nicht zu machthungrig zu wirken.

Auch für Schwarz-Rot könnte es reichen, allerdings stellt sich dabei die Frage, ob die SPD nach einem extrem schlechten Ergebnis überhaupt zum Eintritt in eine Regierung bereit wäre.

Auch die Freien Wähler wollen regieren, sie hätten mit der CSU am wenigstens Probleme - wenn es zu zweit nicht reicht, stünde wie bei Schwarz-Rot möglicherweise die FDP zusätzlich bereit (falls es die Liberalen in den Landtag schaffen).

Und dann gibt es vielleicht noch die Anti-CSU-Option: Eine Koalition von Grünen, SPD, Freien Wählern und FDP. Aber dass sich diese vier Parteien zusammentun, das ist sehr unwahrscheinlich.

Folgen für den Bund

Geht es der CSU schlecht, leidet natürlich entsprechend auch die Union insgesamt. Und so dürften viele Christdemokraten an diesem Sonntag besonders aufmerksam nach Bayern blicken. Aus Sicht von CDU-Chefin Angela Merkel ist die anschließende Debatte um ihren Amtskollegen Seehofer besonders relevant: Falls er wankt oder sogar fällt, dürfte auch die Debatte um ihre Zukunft in der CDU wieder an Fahrt gewinnen.

Falls die SPD so schwach abschneidet wie prognostiziert, wären die beiden Verlierer der Wahl zwei Partner der Großen Koalition in Berlin - nicht eben das, was man zur Stabilisierung der ohnehin schon extrem holprigen Zusammenarbeit braucht.

Die Grünen, wahrscheinlich der große bayerische Wahlgewinner, hätten dann endlich ein Wahlergebnis, mit dem sie ihre bislang nur gefühlte Stärke unter Beweis stellen und damit auch in Berlin noch selbstbewusster auftreten könnten.

Gleiches gilt wohl für die AfD: Sie wäre mit einem Einzug ins bayerische Parlament dann bis auf Hessen in jedem Landtag vertreten, in Hessen dürfte ihnen das bei der Wahl zwei Wochen später auch noch gelingen. Schafft die FDP die Rückkehr in den Landtag, würde sie das auch im Bund stärken. Das Gegenteil gilt für die Linke, falls sie wie erwartet in Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert.

insgesamt 27 Beiträge
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schmidthomas 14.10.2018
1. In kaum einem anderen....
Bundesland ist der konservative Wählerblock so stark wie im schönen Bayern. Daran ändert auch der durch unsere Medienschaffenden hergeschriebene Hype für die Grünen, ....nichts. Wenn`s dem Esel zu wohl wird, geht er auf`s Eis. Abwarten und Tee trinken.
nite_fly 14.10.2018
2. Seehofer hat gezockt, und verloren!
Man darf die Bayrische Landespolitik nicht mit der Bundespolitik vergleichen! Die Bayern haben sich mit ihrer CSU sehr gut arrangiert. Doch was Seehofer da in letzter Zeit angezettelt hat, ist ohne Beispiel! Die Quittung muss da kommen, und sie wird auch kommen! Als Bayrischer Bürger fände ich den Söder gar nicht so schlecht, aber, der wird dabei wohl auch über die Klippe hüpfen müssen... Seehofer ist einfach irgendwann größenwahnsinnig geworden, und hat die Politik unseres gesamten Landes an die Wand gefahren!! Die Reaktion der extrem sauren Bürger muss darauf ja irgendwann kommen! Wir haben gerade ganz andere Probleme, als die, mit denen er die Bundeskanzlerin schon seit Jahren in ihrer Arbeit hemmt... Dieser Mensch ist in der sogenannten "Union" eher ein Brems-Klotz, als ein verlässlicher Partner! Die Rechnung wird am Sonntag kommen! Denn selbst die Bayern lassen sich nicht alles gefallen!! In meinen Augen trägt alleine Herr Seehofer die Schuld an den Problemen, die wir derzeit haben! Sowohl in Bayern, als auch im Bund! Und es ist kaum noch nachvollziehbar, wie viele gute Leute man da über die Klippe springen lassen wird, nur um dem den Bauch zu pinseln....
Europa-Realist 14.10.2018
3. Aufgeklärtere und kritischere Bayern
Es gibt sie noch, die von Fortschritt und Zugang zum Glasfasernetz abgeschnittenen Regionen. Aber auch in Bayern setzt sich stetig die Aufklärung durch: Es gibt immer mehr Leute, die nicht einfach nur noch „Ja und Amen“ sagen, sondern auch Dinge kritisch hinterfragen. Die CSU ist indes zwischenzeitlich ein Söder-Wahlverein geworden. Er hat sukzessiv potenzielle Kontrahenten abgesägt, die seiner Karriere zu bedrohlich hätten werden können. Das kommt ihm nun zugute, weil es in der Partei zu ihm keine Alternative gibt, alle Minister und Staatssekretäre stehen in seinem Schatten. Egal, wie diese Wahl nun ausgehen wird: Söder wird Ministerpräsident bleiben (müssen). Die einzigen, die Söder als MP noch verhindern könnten, wären die Grünen, wenn diese Koalitionsgespräche unter der Auflage führen würden, dass die CSU eine/n andere/n zum Ministerpräsidenten vorschlägt.
Kopf-Tisch 14.10.2018
4. Seehofer zurück ins Paradies
Nach der Wahl wird Seehofer erklären, das Bundesland, das er früher schon als Paradies auf Erden bezeichnet hat, würde ihn offenbar brauchen. Er kann damit mit erhobenem Haupt raus aus der Bundespolitik und sich in Bayern darum kümmern, dass z.B. Frau Aigner statt Herrn Dr. Söder an die Landesspitze kommt - sicher für mögliche Koalitionen kompatibler.
omanolika 14.10.2018
5. Spekulationen und Krawalle
Wird die CSU bei der Wahl erbeben? Wird man eine grüne Welle erleben? Man kennt da die wichtigen Figuren, wo mancher wandelt in "braunen Spuren", was jetzt erscheint als Horrorvision, doch ist alles "nur" Spekulation... Was genau in Bayern geschieht, und wie das Ergebnis "aussieht", das werden wir heute Abend erfahren, denn so läuft es da seit Jahren, wo Umfragen ja Indizien geben, und wir andre Beweise erleben. Spannend ist es deswegen jetzt auf jeden Fall, denn so mancher Partei könnte drohen Krawall...
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