Grüne in Bayern Ran an die CSU

Die Grünen erwarten ein Rekordergebnis bei der Bayernwahl am Sonntag. Und dann? Wollen sie mit der CSU regieren. Unbedingt. Das scheint auch ein besonderes Anliegen der Grünen-Führung in Berlin zu sein.

Robert Habeck (links), Ludwig Hartmann, Katharina Schulze
LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Robert Habeck (links), Ludwig Hartmann, Katharina Schulze

Aus München berichtet


"In drei Tagen ist die absolute Mehrheit der CSU Geschichte in Bayern!" ruft Katharina Schulze in die Menge. Die Grünen-Anhänger johlen, klatschen. Die 33-jährige Spitzenkandidatin der Grünen steht auf einer Bühne am Marienplatz in München. Abschlusskundgebung im Wahlkampf.

Tatsächlich geben die Umfragen ihr Recht. Wenn es am Wahlsonntag so kommt, wie die Demoskopen voraussagen, verliert die CSU ihre absolute Mehrheit, die Grünen bekommen dagegen ein Rekordergebnis. Die Schwarzen wären erstmals seit 2008 wieder auf einen Koalitionspartner angewiesen. Und das könnten die Grünen sein.

Schwarz-Grün in Bayern. Vor einigen Jahren noch schier unvorstellbar, von Sonntag an möglicherweise eine realistische Option. Die Grünen, daran lassen sie keinen Zweifel, wollen unbedingt regieren.

"Auf alle Szenarien vorbereitet"

Fragt man die Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann danach, erhält man eine Variation derselben Antwort: Mit Grünen könne man immer über eine ökologische und gerechte Politik reden. Aber nicht über eine antieuropäische und eine autoritäre Politik.

Soll heißen: Wir können uns mit der CSU an einen Tisch setzen, wir können mit ihr regieren. Aber wir wollen dafür etwas. Etwa die Maghreb-Staaten nicht zu sicheren Herkunftsstaaten erklären. Oder die Abschiebungen von nicht auffällig gewordenen Afghanen aus Bayern stoppen.

Spitzenkandidat Hartmann kokettiert schon lange mit Schwarz-Grün. Der 40-Jährige war auch schon in Hessen, um vor Ort zu erleben, wie eine solche Koalition funktionieren kann. "Ich habe mich selbstverständlich auf alle Szenarien vorbereitet", sagt er.

Die Regierung in Bayern, das wäre für die Grünen auch eine Trophäe. CSU-Übervater Franz Josef Strauß behandelte sie einst wie Staatsfeinde; sie dagegen schmuggelten durchs Reaktorunglück in Tschernobyl verstrahltes Heu in den Landtag, um den damaligen Ministerpräsidenten zu provozieren.

So war das Verhältnis früher.

Heute herrscht Pragmatismus. Spitzenkandidat Hartmann etwa hat sich das Thema Flächenversiegelung zu eigen gemacht, ist Sprecher des Volksbegehrens "Betonflut eindämmen". Das klingt zwar nicht sexy, aber konservative Wähler spricht es an. Die wollen schließlich, dass ihre Heimat bleibt, wie sie ist. In Bayern bedeutet das: Wiesen, Kühe, Berge, Seen.

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Nicht nur für die bayerischen Grünen, sondern auch für die Grünen im Bund ist es wichtig, dass Schwarz-Grün machbar erscheint. Robert Habeck und Annalena Baerbock leiten die Partei seit Januar. Bayern ist ihr erster großer Landeswahlkampf. Sie waren beide viel vor Ort unterwegs, Habeck füllte gar ein Bierzelt. Es fühlte sich ein bisschen an wie bei der CSU. Er selbst sagt, auch dort im Bierzelt spüre man eine Sehnsucht nach ernsthafter Politik.

In der Woche vor der Wahl besucht Habeck den 14.000-Einwohner-Ort Mering bei Augsburg. Eine mehrspurige Umgehungsstraße und ein Gewerbegebiet sollen gebaut werden. Die Grünen sind dagegen. Zu Habecks Auftritt sind etwa 20 Menschen gekommen, es gibt Brez'n und Kaffee, ein Forstfahrzeug ist mit Sonnenblumen geschmückt worden.

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Viele hier haben schon grün gewählt, einige wollen nur einmal einen "so prominenten" Politiker wie Habeck sehen. Er will vor allem wissen, was sie sich von den Grünen in Berlin erhoffen. Man erwarte, dass sich die Haltung der Regierung ändere, wenn die Grünen endlich mitmachten, so die Botschaft.

Dass sie bald in der Regierung sitzen, daran scheint hier kaum jemand mehr zu zweifeln.

Diese Vorstellung ist ein Überbleibsel der Jamaika-Sondierungen aus dem Herbst vergangenen Jahres. Die Gespräche zwischen Union, FDP und Grünen sind an den Liberalen gescheitert, die Grünen wirkten plötzlich staatstragend.

Das Moment haben Baerbock und Habeck aufgenommen. Sie haben ihre Sommerreise zum Thema Heimat gemacht, im Europawahlprogramm spielt innere Sicherheit eine große Rolle. Die Flügelkämpfe, die bei den Grünen eine lange Tradition haben, sind zumindest derzeit aufgehoben. Sie haben es geschafft, sich als Gegenpol zur CSU zu inszenieren. Und bespielen linke, liberale und konservative Themen.

Dass die Grünen am Ende in Bayern mitregieren, das ist für Habeck und Baerbock auch deshalb so wichtig, weil der Erfolg an sie gekoppelt wäre. Anders etwa als in Baden-Württemberg, wo der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Soloshow abzieht.

Und anders als in Baden-Württemberg wäre zumindest anzunehmen, dass die Grünen in Bayern sich weiterhin mit den Grünen in Berlin absprechen würden. Habeck und Baerbock, die aus dem Norden und dem Osten kommen, hätten einen wichtigen Verbündeten in Süddeutschland.

"Wir werden verantwortungsvoll mit dem Wahlergebnis umgehen", sagt Habeck. Es werde aber maßgeblich an der CSU hängen: "Wir können nicht über eine antieuropäische, orban-lastige Politik reden. Es macht nur Sinn, wenn es eine Chance auf einen glaubwürdigen politischen Neuanfang gibt. Einfach wird das nicht."

Die größten Schwierigkeiten werden sie wohl bei den Themen Feminismus und Gleichberechtigung und bei der Zuwanderung haben. Gerade bei der Migration werfen Kritiker den Grünen noch immer eine ausgeprägte Weltfremdheit vor.

Die Spitzenkandidatin Schulze weicht bei Fragen zu konkreten Zuwanderungskonzepten und zur Abschiebepraxis häufig aus. Sie will den Tag dann auch nicht vor dem Abend loben: "Es sind noch ein paar Stunden, wir kämpfen bis zum Schluss um jede Stimme."

insgesamt 102 Beiträge
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dafe 12.10.2018
1. Die Grünen lassen das Programm
einfach weg. So kann jeder nichtwählen, ohne nicht zu wählen. Passt in die Zeit.
sven2016 12.10.2018
2.
Ob die Grünen als Koalitionspartner die CSU zu einer demokratischen Politik der Mitte mit ökologischen und Menschenrechtsthemen machen können? Illusion. Die Grünen wollen regieren und werden dann handzahm das tun, was die SPD im Bund seit Jahren für die CDU tut. Pfui Deibel
Eine Stimme der Vernunft 12.10.2018
3. Das wird spannend am Sonntag
Wer also keine Grüne Politik will, sollte also sicherheitshalber weder Grüne noch CSU wählen. ich denke weiter, vor allem Söder's Flirt mit den Grünen ist in einem grundkonservativen Land wie Bayern wirklich gefährlich für die CSU und auch die Ursache für die ganz tiefen Umfragewerte.
PeaceNow 12.10.2018
4. Danke für diese Offenheit
Liebe Grünen. Somit sollte nun jeder, der berechtigt der CSU eine historische Wahlschlappe verpassen möchte, nun genau wissen wen er nicht als Alternative wählt. Und da aktuellen Umfragen nach auch noch die Mehrheit der noch verbliebenen CSU Wähler eine Koalition mit den Grünen ablehnt, sollte es sich die CSU sehr gut überlegen, wenn sie bei den nächsten Wahlen nicht auch noch unter 30% fallen will. Freie Wähler und FDP sind da schon wesentlich realistischere Koalitionspartner, so lange man keinen Mut zur AFD Koalition hat.
dirkcoe 12.10.2018
5. Vorsicht ihr Grünen
Es ist nicht gut schon vor der Wahl allzuviel Bereitschaft für eine Koalition zu zeigen. Das schwächt ganz ohne Not die Verhandlungsposition. Wartet doch erst einmal ab, welche Optionen sich nach der Wahl sonst noch bieten.
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