Wagenknecht in Niedersachsen: Das neue Postergirl der Linken

Von Markus Deggerich und

Sahra Wagenknecht hat mit ihrem Einsatz im Niedersachsen-Wahlkampf sogar Parteifreunde überrascht. Die versierte Bundespolitikerin als starke Linke an der Leine? Unwahrscheinlich. Ihr Engagement soll die Genossen über die Fünfprozenthürde hieven - und die eigene Karriere befördern.

Sahra Wagenknecht: Promi-Linke in Peine, Cloppenburg und Buchholz Fotos
dapd

Hamburg/Berlin - Braunschweig, Peine, Salzgitter, Hameln, Buchholz, Osnabrück, Hannover, sie kennt jetzt allmählich ganz Niedersachsen. Auch an diesem Mittwoch ist Sahra Wagenknecht dort wieder unterwegs. Erst Emden, dann Cloppenburg. "Für eine starke Linke!", so lautet der Termin. Endspurt im niedersächsischen Landtagswahlkampf - und der ist jetzt ganz auf die 43-Jährige zugeschnitten.

Wagenknecht ist Parteiangaben zufolge inzwischen auf 140 Großflächenplakaten in Niedersachsen zu sehen und damit die Hauptfigur der Linken im Kampf um den Wiedereinzug in den Landtag. Nur eines wird den Wählern der Linken am Sonntag verwehrt bleiben: für Wagenknecht zu votieren. Die stellvertretende Parteivorsitzende kandidiert nicht, möchte aber nach eigenen Worten eine Verhandlungskommission leiten, sollte es nach der Wahl Sondierungsgespräche zwischen SPD, Grünen und der Linken geben.

Allein mit dieser Ankündigung hatte Wagenknecht für Überraschung gesorgt, schließlich bewegten sich die Genossen in Niedersachsen monatelang unterhalb der Wahrnehmungsgrenze: Die meisten Umfragen sahen die Partei bei lediglich drei Prozent, zuletzt gab es einen Ausschlag nach oben. Dem Institut Info GmbH zufolge können die Genossen mit sechs Prozent rechnen, sie wären demnach also wieder im Landtag.

Wagenknecht rechnet sich gute Chancen für einen Erfolg in Hannover aus. Sowohl CDU und FDP als auch SPD und Grüne hätten voraussichtlich keine Mehrheit, wenn die Linke wieder ins Landesparlament einziehen würde, sagt Wagenknecht SPIEGEL ONLINE. Sie hoffe dann, "dass die SPD nicht das macht, was sie in der Vergangenheit immer wieder gemacht hat: Wahlversprechen brechen". Ein Hinweis darauf, dass die SPD in diversen Landtagswahlkämpfen zwar mit ähnlichen Forderungen wie die Linke (etwa beim Mindestlohn) an den Start gegangen war, sich dann aber doch für ein Bündnis mit der CDU entschied - wie etwa in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Die Machtverhältnisse könnten kompliziert werden, wenn es am Wahlabend in Hannover weder für eine schwarz-gelbe noch für eine rot-grüne Mehrheit reichen sollte, deshalb wird Wagenknechts Einsatz auch von der politischen Konkurrenz aufmerksam registriert. Es könnte dann plötzlich um die Frage einer Großen Koalition gehen - auch eine Debatte über Rot-rot-grün wäre nicht ausgeschlossen. SPD und Grüne haben diese Variante zumindest nicht ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Last-Minute-Kandidatin

Sicher ist: Wagenknecht hat die Genossen wieder ins Gespräch gebracht. Im Fernsehduell zwischen Ministerpräsident David McAllister (CDU) und seinem SPD-Kontrahenten Stephan Weil war die eigentlich längst abgeschriebene Partei plötzlich wieder Thema.

Und das neue Postergirl der Linken genießt die lang ersehnte Rolle als Nummer eins. Referate und Reden vor großem Publikum beherrscht die vielbeschäftigte Handlungsreisende ohnehin längst routiniert. In Osnabrück musste die Partei sogar Besucher wieder wegschicken, der Saal war überfüllt. Andere Wahlveranstaltungen der Linken haben es da deutlich schwerer: Für einen Bürgerempfang im Hannoveraner Rathaus vergangenen Donnerstag, immerhin mit Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi und der Parteivorsitzenden Katja Kipping, verschickte die Partei 800 Einladungen. Gerade mal 35 Rückmeldungen gab es darauf. Aufgefüllt wurde die Veranstaltung dann kurzfristig mit Mandatsträgern und Funktionären, der Klassenkampf am Bürger wurde so zum Klassentreffen linker Mitglieder.

Doch dort, wo Wagenknecht auftaucht, bilden sich schnell größere Gruppen. In Niedersachsen zeigt sich auch ihr Talent im Straßenwahlkampf. Wagenknecht, die viele in der Linken für unterkühlt halten, kommt offensichtlich auf den Geschmack. So steht sie in der schmucklosen Einkaufsstraße von Hannover und verteilt Tomatensuppe. Ein Mann bittet um ein Autogramm - in seinen Reisepass. Wagenknecht lacht und ringt sich sogar einen Witz ab: "Hoffentlich kriegen Sie mit meiner Unterschrift dann keine Visumsprobleme!" Dann signiert sie mit kantigem Schriftzug von links unten nach rechts oben.

Wie es sich anfühlt, sich selbst überlebensgroß auf Wahlplakaten zu sehen? "Ungewohnt", sagt sie. Wagenknecht hat das Fotomotiv persönlich abgesegnet, den Slogan "Konsequent gegen Bankenmacht" steuerte eine Agentur bei. Auf 90 Prozent der von den Linken gebuchten Großflächen im ganzen Land blickt sie nun streng herab: alles auf eine Karte.

Die Idee, Wagenknecht als Last-Minute-Geheimwaffe einzusetzen, entstand bereits im Oktober in einem kleinen Kreis zusammen mit dem größten Strippenzieher innerhalb der niedersächsischen Linken, dem Musikproduzenten und Bundestagsabgeordneten Diether Dehm. "Wir hatten das schon das ganze Jahr über registriert: Egal, wo Sahra bei uns aufgetreten ist, war die Hütte voll", sagt Jörn Jan Leidecker, Wahlkampfmanager der niedersächsischen Linken. Für die erhoffte Botschaft, dass die Linke die letzte Partei ist, die sich der Bankenmacht entgegenstellt, gibt es vermutlich tatsächlich kaum ein besseres Gesicht als das von Wagenknecht.

Dennoch: Mit dem überraschenden Einsatz der 43-Jährigen in Niedersachsen hatten selbst viele Parteifreunde nicht gerechnet, schließlich war Landespolitik bisher nicht Wagenknechts Sache. "Ich hielt das für einen vorgezogenen Aprilscherz", sagt eine Spitzengenossin SPIEGEL ONLINE. Wagenknechts Engagement sei durchaus mit Risiken verbunden: "Wenn die Wahl verlorengeht, bleibt das auch an Wagenknecht hängen. Im Fall eines Wahlsieges wird es allerdings ihr Erfolg sein."

Gysi war über Wagenknechts Niedersachsen-Engagement nicht erfreut

Wagenknecht als Retterin der niedersächsischen Linken? Das käme der Lebensgefährtin von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine wenige Monate vor der Bundestagswahl durchaus gelegen. Mit Kipping liefert sich Wagenknecht einen Machtkampf um die Nachfolge von Lafontaine und Gysi. In der Partei gilt es als offenes Geheimnis, dass Wagenknecht an die Spitze der Bundestagsfraktion drängt. Bislang hat sich Gysi erfolgreich gegen Wagenknechts Bestrebungen gewehrt, auch im Bundestagswahlkampf will er sie nicht als Spitzenkandidatin an seiner Seite haben. Es dürfte aber wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis es für Wagenknecht weiter aufwärts geht.

Gysi soll über den Niedersachsen-Ausflug der gebürtigen Jenaerin nicht begeistert gewesen sein, heißt es in Parteikreisen. Auch deshalb, weil er ihr nicht abnimmt, dass sie ernsthaft an einer Regierungsbeteiligung der Linken in Niedersachsen interessiert ist. Ging es in der Vergangenheit darum, die SPD zu kritisieren, war Wagenknecht oft eine der lautesten Stimmen.

Kippings Co-Chef Bernd Riexinger brachte Wagenknecht bereits als mögliche niedersächsische Wirtschaftsministerin ins Gespräch. Das ist nicht viel mehr als ein Wahlkampfspiel - und Wagenknecht nimmt solche Vorlagen gekonnt auf: "Es geht in Niedersachsen vor allem darum, eine sozialere Politik durchzusetzen. Sollte es eine Einigung zwischen Linken und SPD geben, können wir über die Besetzung von Ministerposten reden", sagt sie SPIEGEL ONLINE.

Und wie sieht es mit der Gefahr aus, bei einer Niederlage für den Misserfolg geradestehen zu müssen? Wagenknecht überlegt nicht lange: "Politik ist immer auch ein gewisses Risiko. Ich halte nicht viel von Politikern, die in erster Linie ihre Karriere planen und entsprechend prüfen, wo sie sich engagieren und wo lieber nicht."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 277 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
friedrich_eckard 16.01.2013
Nachdem ich die Überschrift, die man ja wohl als Ungezogenheit zu bezeichnen mir nicht verwehren kann, und den Namen des Mitautoren Björn Hengst gelesen hatte, wollte ich die Lektüre eigentlich beenden. Ich habe mich dann aber doch überwunden - und ganz so schlimm wie zu erwarten ist es doch nicht geworden. Immerhin wird - erstmalig, wenn ich nicht irgendetwas überlesen habe - an dieser Stelle jenes Umfrageresultat erwähnt, die der LINKEN den Einzug in den Landtag vorhersagt; dass bei Wagenknechts Veranstaltungen das Luxusproblem der Überfüllung von Räumlichkeiten auftritt wird auch mitgeteilt - das ist doch schonmal etwas. Verglichen mit dem, was sonst an antiLINKER Meinungsmache medialer Usus ist: ein vergleichsweise anständiger Bericht - man ist ja Kummer gewöhnt.
2. Der richtige Zeitpunkt
Revisionist 16.01.2013
für Gysi um endlich aus der Politik abzutreten und sein Vermögen als Anwalt zu vermehren. Mit Wagenknecht hätte die Partei noch eine Chance, die alte Garde ist längst scheintot.
3. Fräulein Wagenknecht
danido 16.01.2013
Zitat Wagenknecht: "*Ich halte nicht viel von Politikern, die in erster Linie ihre Karriere planen und entsprechend prüfen, wo sie sich engagieren und wo lieber nicht*". Danke ich habe herzhaft gelacht :D
4. Warum nicht?
tomkey 16.01.2013
SW zieht auf alle Fälle besser wie Peer St. Und hat auch die besseren Konzepte und Ideen die sich verschlimmernde soziale Schieflage auzuhalten und zurückzudrängen. Andere Parteien wären außerdem froh, eine so ansehliche und intelligente "Last-Minute-Geheimwaffe" zu haben.
5. :::::::::::
janne2109 16.01.2013
eine politisch sehr gebildete Frau, schade- falsche Partei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Landtagswahl in Niedersachsen 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 277 Kommentare
  • Zur Startseite