Von Jörg Diehl, Düsseldorf
Gefragt, ob sie sich andere Koalitionspartner als die Grünen vorstellen könne, wird Hannelore Kraft deutlich. "Die Frage stellt sich nicht", bestimmt die amtierende Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, während hinter den Fenstern ihres Tourbusses das satte Grün Ostwestfalens vorbeizieht. "Wir wollen die Koalition fortsetzen", spricht sie und fügt gleich hinzu: "Und wir wollen stabile Verhältnisse."
Das Problem bei der Wahl im größten deutschen Bundesland am Sonntag aber könnte sein, dass Hannelore Kraft nicht beides haben kann: Rot-Grün und stabile Verhältnisse. Zwar sehen die jüngsten Umfragen das Bündnis noch knapp vorne, doch schon eine Verschiebung um wenige Prozentpunkte ließe das Projekt Machterhalt scheitern. Und viele der 13,2 Millionen Wähler, fast 40 Prozent sollen es sein, sind noch unentschlossen.
Hannelore Kraft indes wird Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen bleiben, so viel scheint bereits sicher. Die Demoskopen sehen ihre SPD (38,5 Prozent) derzeit deutlich vor der CDU (30 Prozent), und auch die Gerüchte um angebliche "Dankeschön"-Aufträge an einen ehemaligen Journalisten und derzeitigen PR-Berater werden ihr kaum schaden können. Die Frage ist eben bloß, wie gut die Grünen abschneiden? Und ob sich die Landesmutter am Ende nicht doch (auch) einen anderen Koalitionspartner suchen muss?
"Da bin ich mit Opa rauf"
Sylvia Löhrmann, die stellvertretende Regierungschefin und Spitzen-Grüne in Nordrhein-Westfalen, will davon nichts wissen. Sie wahlkämpft mittlerweile sogar in stillgelegten Schwimmbädern, um auf die dramatische Haushaltslage der Kommunen hinzuweisen, gibt sich aber ansonsten recht entspannt.
An einem Freitag im Mai, unterwegs auf der A 40, zeigt sie plötzlich aus dem Fenster: "Da bin ich früher mit Opa rauf. Das war das höchste Haus in Essen." Es ist ein Moment der Menschlichkeit und doch soll er zugleich eine politische Botschaft transportieren: Löhrmann darf jetzt keine Schwäche zeigen oder Nervosität erkennen lassen. Alles läuft ganz normal, lautet das Motto.
Und während die SPD im Wahlkampf eine Ministerpräsidentin aufbieten konnte, FDP und CDU Berliner Prominenz nominierten, die Piraten ohnehin neu und spannend waren, musste es bei den Grünen Sylvia Löhrmann richten, eine bodenständige Lehrerin aus Solingen, in Essen geboren. Sie gilt zwar als versierte Bildungspolitikerin, doch im Straßenwahlkampf tat sie sich mit ihrer Knorrigkeit zuweilen schwer.
Verkorkste Kampagne
Allerdings nicht so schwer wie Norbert Röttgen, der sich bisweilen in seinem Wahlkreis blicken ließ. Die Rentnerin mit der beigen Strickjacke will es jetzt genau wissen. "Wenn der Herr Röttgen Politik in Nordrhein-Westfalen machen will", fragt sie den Bundesminister vor einem Supermarkt im Norden der Stadt, "warum macht er das nicht auch, wenn er in die Opposition kommen sollte?" Norbert Röttgen schaut verdutzt.
Die Szene, für deren Verbreitung der WDR in der vergangenen Woche gesorgt hat, gilt in Düsseldorf als Beleg für Röttgens fehlende Kompetenz als Straßenwahlkämpfer. Dass der Bundesumweltminister sich nicht als warmherziger Landesvater zu inszenieren vermag, ist von doppeltem Nachteil. Zum einen versteht es seine Konkurrentin, die SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, wie kaum eine andere Politikerin, Volksnähe zu zeigen. Zum anderen verlangt aber Röttgens eigene Kampagne ("Politik aus den Augen unserer Kinder") ja unbedingt eine väterlich-verantwortungsvolle Pose, zu der er öffentlich aber nicht in der Lage zu sein scheint.
Schwieriger Eiertanz
Überhaupt ist es ein schwieriger Eiertanz, den der Herausforderer im Kampf um die Macht am Rhein vollführt: Röttgen setzt voll auf das Thema Haushalt, er will die enorme Verschuldung des Landes zurückfahren. Das ist richtig und wichtig.
Doch es ist schwierig, die Herzen der Menschen zu gewinnen, wenn man andeutet, ihnen Geld oder Lebensstandard nehmen zu müssen. Daher vermeidet Röttgen es, tatsächlich auszusprechen, was ein strikter Sparkurs bedeutete, und vor allem, wo denn überhaupt gespart werden könnte: Röttgen sagt seit Wochen A, das B aber bleibt er schuldig. Hinzu kamen auf den letzten Metern unnötige Patzer, die "FAZ" konstatiert, seine Kampagne sei "durch und durch verkorkst".
Mittlerweile rumort es in der NRW-CDU. Zwar scheuen die Konservativen noch den öffentlichen Aufstand, doch sollten sie am Sonntag ein deutlich schlechteres Ergebnis einfahren als 2010 - schon damals waren es nur 34,6 Prozent - und es käme zudem nicht zu einer Großen Koalition, dann stünde wohl auch Röttgens Landesvorsitz zur Disposition.
Nutznießer des mäßigen Röttgen-Auftritts könnte FDP-Mann Christian Lindner sein. Der Liberale, einst Generalsekretär seiner Partei, hat den Ton gegenüber der CDU zuletzt deutlich verschärft. Die Christdemokraten hätten das "Gymnasium verraten", weil sie Rot-Grün beim Schulkonsens "auf den Leim gegangen" seien, wetterte er unlängst. Das Kalkül des 33-Jährigen ist klar: Er will im bürgerlichen Lager die notwendigen Stimmen abgreifen, um die FDP doch noch in den Landtag zu führen. Dann wäre er der strahlende Held. Derzeit liegen die Freien Demokraten bei sechs Prozent.
Während die Linkspartei wohl nicht wieder im Parlament vertreten sein wird, dürfte es für die Piraten um den Spitzenkandidaten Joachim Paul reichen. Der jüngsten Erhebung der Tageszeitung "Welt" zufolge kommen sie aktuell auf 7,5 Prozent der Stimmen, es war schon einmal mehr. Doch auf die Frage, ob seine Partei die besten Zeiten bereits hinter sich habe, antwortet Paul wie ein Polit-Routinier: "Wir haben noch gar nicht richtig angefangen."
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