Datenlese

Landtagswahl Die absurden Ergebnisse der sächsischen Gemeinden

Von und


Historisch niedrig fiel die Wahlbeteiligung in Sachsen aus, nicht einmal jeder zweite Berechtigte gab seine Stimme ab. Noch extremer erscheinen die Ergebnisse einzelner Gemeinden. Doch das täuscht.

Seit Kriegsende zog nur eine Landtagswahl weniger Menschen an die Urne: 2006 stimmten in Sachsen-Anhalt lediglich 44,4 Prozent der Wahlberechtigten ab. Bei der sächsischen Landtagswahl am Sonntag lag die Beteiligung nur wenige Prozentpunkte höher, bei 49,2 Prozent.

Die bemerkenswert niedrige Quote zeigt, welche Gruppe eigentlich in keiner Ergebnisgrafik zur Landtagswahl fehlen dürfte - die Nichtwähler. Immerhin gehört ihr jeder zweite Wahlberechtigte an. Bezieht man die Nichtwähler in die Berechnung des Wahlergebnisses mit ein, ergeben sich ganz neue Prozentwerte der Parteien: Der CDU gaben nur knapp 20 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme, die AfD erreicht lediglich 4,7 Prozent.

Warum die Landtagswahl nur jeden zweiten Wahlberechtigten zur Abstimmung bewegen konnte, lässt sich nicht allein mit dem Ferienende oder einer allgemeinen Politikverdrossenheit erklären. Vielmehr sind es die konkreten Lebensumstände, die einen deutlichen Einfluss auf die Wahlbeteiligung auszuüben scheinen. Dazu gehören Arbeitslosigkeit und Kaufkraft, Bildung und Wohnverhältnisse.

Besteht dieser Zusammenhang auch in Sachsen? Das hätten die regionalen Ergebnisse zeigen können, die vom Statistischen Landesamt noch in der Wahlnacht veröffentlicht wurden. Für jede der rund 430 Städte und Gemeinden lässt sich damit nachvollziehen, wie viele Menschen für welche Partei abgestimmt haben. Eigentlich.

Vergleicht man die regionale Wahlbeteiligung, werden absurde Ausreißer sichtbar. So sollen in einigen Gemeinden weniger als 40 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben haben, in anderen mehr als 80 Prozent. Hochburgen der Demokratie inmitten eines wahlmüden Bundeslandes? Zu schön, um wahr zu sein.

Wahlbeteiligung von mehr als 100 Prozent möglich

Das Problem sind die Briefwähler, oder genauer: die Verrechnung ihrer Stimmen. Laut dem Büro der Landeswahlleiterin haben etwa 19 Prozent der Wähler ihre Stimme per Briefwahl abgegeben. Diese Stimmen werden aber nicht immer dem Wohnort des Wählers zugerechnet, sondern zunächst der Gemeinde, in der sie ausgezählt wurden. Eine Aufgabe, die zahlreiche Gemeinden für andere mit übernehmen.

Theoretisch kann es dabei sogar zu einer Wahlbeteiligung von mehr als hundert Prozent kommen. Denn die Zahl der Wahlberechtigten wächst nicht mit den Briefwählern. So kam auch die Gemeinde Panschwitz-Kuckau östlich von Dresden zu ihrem Traumwert von 81 Prozent - wobei dabei auch mitgeholfen haben dürfte, dass genau hier Ministerpräsident Stanislaw Tillich wohnt.

Verzerrte Werte haben aktuell viele der rund 430 Städte und Gemeinden in Sachsen. Laut einer Aufstellung des Statistischen Landesamtes übernehmen rund 90 Orte die Auszählung der Briefwähler für mindestens eine weitere Gemeinde.

"Da die jeweiligen Briefwahlergebnisse dann auch dort aufgeführt werden, sind diese - einschließlich der Angaben zur Wahlbeteiligung - auf Gemeindeebene nicht direkt miteinander vergleichbar", räumt der stellvertretende Landeswahlleiter Robert Kluger ein. Unmittelbar vergleichbar seien die Ergebnisse erst auf Wahlkreisebene, eine andere Darstellung sei zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.

Exakte Zuordnung folgt

Allerdings würden die Werte auf Basis des Sächsischen Wahlgesetzes berechnet und mit einem entsprechenden Hinweis versehen, sagt Kluger. Das stimmt. In der Ergebnisdarstellung sind alle Gemeinden mit Briefwahlvorstand als solche gekennzeichnet. Bei den anderen jedoch fehlt ein Hinweis. Und die Wahlbeteiligung wird trotzdem bei jeder Gemeinde ausgewiesen.

Eine unmissverständliche Alternative wäre es, auf die Darstellung der verzerrten Daten ganz zu verzichten. Deshalb zeigen wir die Wahlbeteiligung der Gemeinden an dieser Stelle nicht. Unsere Karte stellt stattdessen sozioökonomische Faktoren dar, mit denen wir die regionale Wahlbeteiligung gern verglichen hätten: die Anteile von jungen und älteren Menschen in der Bevölkerung sowie Arbeitslosenquoten.

Ob diese einen Zusammenhang mit der Beteiligung an der Landtagswahl haben, muss vorerst ein Geheimnis bleiben - bis das Statistikamt die Daten auch auf regionaler Ebene noch einmal auswerten und exakt zuordnen wird. Was bis dahin als Wahlbeteiligung der Gemeinden veröffentlicht ist, kann als echtes Ergebnis nicht bezeichnet werden. Sondern maximal als Platzhalter.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.