S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Der Underdog-Effekt

Offenbar ist der Gebrauch von Crystal Meth unter Leuten, die sich hauptberuflich mit Politik befassen, weiter verbreitet, als man dachte. Viele Reaktionen auf den Wahlsieg der AfD tragen Züge einer wahnhaften Wirklichkeitsverzerrung.

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Jubelnde AfD-Anhänger
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Jubelnde AfD-Anhänger


Für die "Zeit" stand schon vor dem Wahlsonntag das Ergebnis fest. "Nun bekommt Merkel mit den drei Landtagswahlen das, was die Volkskammerwahl in der DDR im März 1990 für Helmut Kohls Vereinigungspolitik war - eine nachträgliche demokratische Legitimation", schrieb der stellvertretende Chefredakteur Bernd Ulrich am vergangenen Donnerstag. Um das zu wissen, brauche man die Wahl nicht abzuwarten: "Denn dass jene Parteien, die Merkels liberale Flüchtlingspolitik unterstützen, mehr als zwei Drittel der abgegebenen Stimmen bekommen, das lässt sich mit einiger Sicherheit prognostizieren."

Wie gut, dass es die "Zeit" gibt. Jedem, der sich ängstigt, das dunkle könne das helle Deutschland verdrängen, kann man nur empfehlen, die Wochenzeitung aus Hamburg zur Hand zu nehmen. Kaum etwas ist so beruhigend für angespannte Nerven wie ein Blick in dieses Vademekum für den besorgten Bildungsbürger. Hier behält verlässlich die Vernunft die Oberhand. Und wenn sie es einmal nicht tut, weil man sie andernorts partout nicht zum Zuge kommen lassen will, dann findet man viele kluge Gedanken, warum sich am Ende doch alles zum Guten wenden wird.

Die Lesart aus Hamburg hat den Wahlabend unbeschadet überstanden. "Politik paradox: CDU verliert überall, teils dramatisch, aber Merkels Flüchtlingspolitik findet überall Mehrheit", verkündete der "Zeit"-Redakteur Heinrich Wefing nach Blick auf die ersten Hochrechnungen. "Merkels Sieg", überschrieb Jakob Augstein seine Kolumne, in der er der Kanzlerin attestierte, "ihre Schwäche zu Stärke" verwandelt zu haben. Selbst der Herausgeber der "Bild"-Gruppe, Kai Diekmann, reihte sich in die Gruppe der Gratulanten ein: Jeder, der in der Flüchtlingsfrage zu Merkel gehalten habe, sei belohnt worden, verkündete er in einem Spontankommentar: "Wähler honorieren Haltung. Und Wackel-Kandidaten eben nicht … #wolf #kloeckner #A2."

So sehen heute also Kanzlersiege aus: fast 13 Prozent für die AfD in Rheinland-Pfalz, 15 Prozent in Baden-Württemberg, 24 Prozent in Sachsen-Anhalt. Die CDU im Gegenzug in ihrem Kernland Baden-Württemberg auf die Größe der Meckifrisur ihres Spitzenkandidaten gestutzt; die SPD, die treu zur Fahne stand, in zwei Bundesländern auf das Niveau einer Protestpartei geschrumpft.

Mit der AfD verhält es sich wie mit Donald Trump

Die Annahme, dass man sich nur an Merkel halten musste, um zu gewinnen, lässt sich leicht widerlegen: Der armen Eveline Lemke von den Grünen in Rheinland-Pfalz, die am Ende um den Wiedereinzug in den Landtag bangen musste, kann man jeden Vorwurf machen, aber nicht den, vom Flüchtlingskurs der Kanzlerin abgerückt zu sein.

Offenbar ist der Gebrauch von Crystal Meth unter Leuten, die sich hauptberuflich mit Politik befassen, weiter verbreitet, als man dachte. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählt eine verschobene Wirklichkeitswahrnehmung.

Mit der AfD verhält es sich wie mit Donald Trump: Am Anfang nimmt man den Aufsteiger nicht ernst. Zu laut, zu schrill, lautet das Urteil der Experten. Als nächstes stellt man irritiert fest, dass der Außenseiter trotzdem seinen Weg macht und wider Erwarten in allen Umfragen zulegt. Also tröstet man sich mit dem Befund, dass die Wähler schon dahinter kommen werden, was für eine Luftnummer ihnen geboten wird. Wenn die Luftnummer haushoch gewinnt, tritt die Phase der Beruhigung durch Selbstbeschwörung ein. In der Ruhe liegt die Kraft. Die eigene Schwäche ist eigentlich eine Stärke. Das weiche Wasser bricht den Stein.

Den deutschen Journalismus trifft keine Schuld. Meine Kollegen haben alles in ihrer Macht stehende unternommen, um die Menschen davon abzuhalten, AfD zu wählen. Sie haben die Wähler ermahnt, sich nicht mit den falschen Leuten einzulassen. Sie haben ihnen gedroht, dass man sie für Nazis halten würde, wenn sie es doch täten. Sascha Lobo hat es vergangene Woche über den therapeutische Weg versucht: Ich verstehe euch, ich fühle euren Schmerz, ihr müsst nicht mehr wütend sein. Im Nachhinein kann man froh sein, dass er als Autor und Vortragsredner sein Geld verdient und nicht als Psychologe.

Kaum ein Satz ist in den vergangenen Wochen so oft gefallen, wie der, man müsse die AfD entzaubern beziehungsweise entlarven. Viele hegen die Hoffnung, dass es unter der Oberfläche eine andere Wirklichkeit gäbe, die man dem Wähler nur zeigen müsse, damit er sich erschrocken abwendet. Schon bei Hausbesuchen bei AfD-Gründer Lucke inspizierten die Journalisten das Arbeitszimmer, ob zwischen den Papieren nicht irgendwo "Mein Kampf" zu entdecken wäre. Das Einzige, was sie fanden, waren leider immer nur Fachtexte zur Volkswirtschaftslehre.

Bei der AfD liegt das meiste offen zutage, inklusive der Verrücktheiten und Idiosynkrasien ihrer Führungsleute. Dass trotzdem auch ganz normal wirkende Menschen die Partei wählen, hat einen einfachen Grund: Eine Mehrheit der Deutschen ist mit der Flüchtlingspolitik der Regierung unzufrieden, aber das findet sich im Parlament nicht wieder. Die Einzigen, die regelmäßig Einspruch erheben, sind die wackeren Streiter von der CSU, aber die CSU kann man nur in Bayern wählen. Dass auch die FDP außerhalb des Bundestages in der Flüchtlingspolitik eine kritische Haltung eingenommen hat, haben viele Wähler noch nicht mitbekommen. In der Politik ist es in dieser Hinsicht wie im richtigen Leben: die Lauteren übertönen die Leiseren.

Stigmatisierung ist eine legitime politische Strategie, um sich politischer Konkurrenz zu erwehren. Seit Sonntag wissen wir, dass diese Strategie gescheitert ist. Die AfD geht nicht weg, wenn man mit dem Wort rechts oder rechtspopulistisch herumfuchtelt oder ihre Wähler zu Versagern erklärt, die nicht begriffen haben, wie die Sache läuft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 530 Beiträge
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Seite 1
zynik 15.03.2016
1.
"Viele hegen die Hoffnung, dass es unter der Oberfläche eine andere Wirklichkeit gäbe, die man dem Wähler nur zeigen müsse, damit er sich erschrocken abwendet." Nun gut, dann gehen wir mal einfach davon aus, dass die Wähler der AfD dieses Programm kennen und unterstützen. Das macht die Einordnung solcher Individuen doch gleich viel einfacher: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-03/afd-partei-programm-entwurf Oder spielt die Selbstauskunft der AfDler am Wahltag, dass über 70 % politische Inhalte egal sind etwa doch eine Rolle?
wolle0601 15.03.2016
2. Die alternative Erklärung
für den Stimmverlust von Klöckner und Wolf ist, dass die Wähler gesehen haben, dass sie sich nicht gegen Frau Merkel durchsetzen konnten.
amidelis 15.03.2016
3. Das
Ist der erste deprimierte Artikel von Ihnen. So Schlimm steht es um Land also schon :(
justus65 15.03.2016
4. Kaum zu glauben
Mal ein ganz vernünftiger Artikel. Das Geschwafel nach einer Wahl wird immer schlimmer.
flitzpane 15.03.2016
5. Es spricht mir aus der Seele...
Die Interpretationen waren vielerorts eines Journalisten unwürdig, Merkel selbst war ja härter zu sich als die zahllosen vermeintlichen "kritischen Begleiter" (schön dazu: http://wp.me/p14g2B-CF). Fleischhauer behält die Nerven und bringt die Sache auf den Punkt...
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