Wahlerfolg der AfD Affront National

Die AfD siegt und sieht sich als Retterin der Demokratie, ewig verkannt, ewig unterschätzt.

Aus Berlin und Magdeburg berichten , und , Tobias Bauermeister (Video) 

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Frauke Petry lässt die Anhänger in Berlin warten. Die Vorstandssprecherin der AfD muss erst TV-Interviews geben. Es ist schließlich ein sattes Ergebnis, das die rechtspopulistische Partei an diesem Abend eingefahren hat: Rund 24 Prozent in Sachsen-Anhalt, zweistellige Ergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

"Das ist ein Abend zum Jubeln", ruft Petry, als sie schließlich auf die Bühne kommt. Die AfD sei das, was sie immer habe sein wollen, "eine gesamtdeutsche Partei".

Je länger Petry spricht, desto mehr klingt es, als sei die AfD keine Partei, die mit Ressentiments gegen Flüchtlinge Stimmung macht. Sondern als würde erst durch sie die Demokratie in der Bundesrepublik wiederbelebt. Die AfD, sagt Petry, habe Nichtwähler erst wieder an die Urnen gebracht, daher sei durch sie die "Demokratie und Bürgerbeteiligung nach Deutschland zurückgekehrt".

Das ist der Grundtenor, der sich durch viele Äußerungen von AfD-Spitzenpolitikerin an diesem Abend zieht: Die AfD ist keine Sammlungsbewegung der Wütenden, Enttäuschten und Frustrierten, sondern eine große Demokratiemaschine. So hat man sich das offenbar zurechtgelegt.

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Wahlparty tief im Osten

In Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg ist die AfD stärker als die SPD. "AfD, AfD!", skandieren sie auf der Berliner Wahlparty, aber eben auch "Merkel muss weg". Das war der AfD-Kampfruf auf vielen Parteiversammlungen der vergangenen Wochen.

Es sind widrige Umstände, unter denen sie in Berlin zusammengekommen sind. Die Wahlparty in einem Hotel in der Innenstadt musste wegen Drohungen aus der linksradikalen Szene in den Osten verlegt werden, in ein Hostel nach Berlin-Lichtenberg. Die Herberge liegt mitten zwischen Plattenbauten, nebenan eine zerfallene Industriebrache aus DDR-Zeiten. Bewacht von einem großen Polizeiaufgebot sind hier rund 250 Anhänger - überwiegend Männer mittleren Alters - und ein großes Medienaufgebot in zwei kleinen Räumen zusammengekommen. Vor einer TV-Kamera spricht der Berliner Landeschef Georg Pazderski über das Lieblingsthema der Partei: Merkels Flüchtlingspolitik. "Die Kanzlerin", sagt er, "lebt nicht in der Realität."

Es ist die Konzentration auf genau dieses Thema, die der Partei offenkundig geholfen hat. Vor allem Nichtwähler haben diesen Kurs honoriert. In Sachsen-Anhalt sind sie mit 104.000 die größte Wählergruppe der AfD. Zwei Parteien müssen die AfD-Erfolge im Osten vor allem Sorgen machen: der CDU und der Linken. 36.000 frühere CDU-Wähler und 26.000 frühere Linken-Wähler machten in Sachsen-Anhalt diesmal ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten. Erst an dritter Stelle kamen einstige NPD-Wähler, danach Ex-SPD-Wähler, verschwindend gering war der Anteil früherer FDP- und Grünen-Wähler. Es ist eine bunte Mischung, die der AfD folgt.

Der hessische Landeschef und AfD-Bundesvize Albrecht Glaser, einst CDU-Mitglied, ist an diesem Abend nach Berlin gekommen. Sein Landesverband war vor einer Woche bei den hessischen Kommunalwahlen mit knapp über 13 Prozent drittstärkste Kraft geworden. "Wir sind noch klein", sagt er und erinnert an die 20.000 Mitglieder, die in der Bundespartei sind. "Das ist die Leistung eines sehr kleinen Zwergs gegen eine sehr unfreundliche Umwelt", ruft er. Irgendwie sind bei der AfD irgendwann auch immer die Medien schuld. Petry ihrerseits beklagt einmal mehr eine "Diffamierungskampagne", das Potenzial der AfD könne noch höher liegen, wenn es "eine halbwegs differenzierte Berichterstattung" über ihre Partei gebe.

Das Rekordergebnis, das die AfD in Sachsen-Anhalt mit ihrem Spitzenkandidaten André Poggenburg eingefahren hat, steht im Gegensatz zur niedrigen Mitgliederzahl des Landesverbands. Kaum mehr als 300 Leute machen bei der AfD in Sachsen-Anhalt mit. Nun wird aber Poggenburg mit 23 anderen AfD-Abgeordneten in den Landtag einziehen.

Poggenburg hat einen politischen Freund mitgebracht - den Landes- und Fraktionschef aus Thüringen, Björn Höcke. Mit ihm bildet er den rechten Rand in der rechtspopulistischen AfD. "Von hier und heute beginnt eine neue Epoche in der Bundesrepublik Deutschland", ruft Höcke den AfD-Wahlkämpfern in Sachsen-Anhalt zu.

Höckes Reden sind oft völkisch durchdrungen, an diesem Abend hält er sich spürbar zurück. "Die Altparteien haben heute vom Volk die gelbe Karte gekriegt", ruft er, Merkel aber habe die rote Karte erhalten. Kein Kanzler habe Deutschland einen so schweren Schaden zugefügt wie sie. "Frau Dr. Angela Merkel, treten sie zurück!", fordert Höcke. Auch hier ruft die Menge: "Merkel muss weg!"

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Jan Theilig ist einer von denen, die lauthals mitmachen. Der gelernte Chemikant steht auf AfD-Listenplatz 27, er könnte in den Landtag einziehen. "Super, einfach super", sagt er und zittert am ganzen Körper. In seiner Heimatstadt Wittenberg will sich Theilig für den Ausbau der Infrastruktur einsetzen: Autobahn, Bahnstrecken. Er spricht, als sei die AfD eine ganz normale Partei.

Hinweis: In einer ersten Fassung hieß es, die AfD ziehe mit 28 Abgeordneten in den Landtag von Magdeburg. Dies war der Stand von Sonntagnacht. Mittlerweile wurden diese Zahlen konkretisiert - es sind nach Angaben des Landeswahlleiters 24 Abgeordnete.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
grussausberlin 13.03.2016
1. ja, sehr gut....
Autobahnen und Bahnstrecken! Endlich mal eine Partei, deren Abgeordnete in die Hände spucken. Wir freuen uns schon auf die AfD Realpolitik
Paul-Merlin 13.03.2016
2. Konkurrenz belebt das Geschäft
Die AfD kann jetzt zeigen, welche Bereicherung sie für die Demokratie in Deutschland ist und das das Gerede von der Rechtslastigkeit der Partei nur Unsinn ist. Umgekehrt wird es für die Altparteien schwerer. Liebgewonnene Erbhöfe geraten in Gefahr. Zeit sich also wieder mehr an den Interessen der Wähler, das heißt vor allem an der Bevölkerungsmehrheit, auszurichten. Den Menschen in Deutschland kann dies mehrheitlich nur Recht sein. Der heutige Wahltag war ein Gewinn für die Demokratie in Deutschland.
14r21tv 13.03.2016
3.
Himmel hilf. Ob Merkel es richtig macht, oder nicht. Die machen es nicht besser
flaps25 13.03.2016
4. Die Flüchtlingsdebatte...
... ist DAS Thema der Zeit. Der AfD vorzuwerfen, dass sie davon profitieren kann, dieses Thema maßgeblich zu besetzen, während alle anderen Parteien (CSU ausgenommen, aber die hantiert ja nur in Bayern) konträr zum Bürgerwillen stehen, ist albern.
Germanus 13.03.2016
5. AfD mobilisiert Enttäuschte - nicht Überzeugte
Und die anderen Parteien mobilisieren niemanden mehr!
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