S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Das Chinarestaurant-Syndrom

Das Atomthema läuft nicht mehr so richtig - deshalb kämpfen die Grünen jetzt für sauberes Grillfleisch. Kein Wunder, denn über mangelnde Sicherheit bei Nahrungsmitteln lässt sich vortrefflich lamentieren.

Eine Kolumne von


Gute Nachricht für alle Outdoor-Freunde: Die Grünen kümmern sich jetzt auch um die Qualität des deutschen Grillfleischs. Wie man lesen konnte, hat die Bundestagsfraktion in Supermärkten Proben nehmen lassen. Seit in Dänemark zwölf Menschen an verdorbener Wurst starben, ist die Sorge groß. In jedem siebten deutschen Steak fanden sich Keime, die Gefahrgutexperten der Partei sprechen von einer "tickenden Zeitbombe".

Grillgutkontrolle ist für eine Oppositionspartei, die eigentlich die Regierung beaufsichtigen soll, eine ungewöhnliche Aufgabe. Man kann auch nicht behaupten, dass sonst in der Welt nichts los wäre. Anderseits müssen sich die Grünen etwas einfallen lassen. Das Atomthema läuft nicht mehr so richtig, und die neuen Leute an der Spitze sind so unauffällig, dass nicht mal Menschen, die professionell mit Politik zu tun haben, fehlerfrei ihre Namen erinnern. Jetzt also statt Strahlen- lieber Nahrungsmittelsicherheit.

Das Thema ist nicht schlecht. Im Gegensatz zu so schwierigen politischen Fragen wie der Lage im Irak oder beim BND, wo man von der Opposition viel Konfuses hört, kann man als Grüner hier wenig falsch machen. Es interessiert viele Wähler. Ständig gibt es Aufregung ums Essen. Bislang dachte ich, nur Immobilienmakler und Banker hätten ein Imageproblem. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man die besorgte Öffentlichkeit schon gegen sich aufbringen kann, indem man harmlose Lebensmittel herstellt, wie sie in jedem Supermarkt zu finden sind.

Wer hätte gedacht, welche Gefahren zum Beispiel in der Hefe lauern. Ich kannte aus dem Kampf gegen die Atomkraft bislang nur das China-Syndrom. Jetzt weiß ich, dass es auch ein Chinarestaurant-Syndrom gibt, wie das Krankheitsbild heißt, seit es vor 46 Jahren erstmals bei Freunden der asiatischen Küche entdeckt wurde.

Wir sind von Gefahren umgeben

Der Gefahrenstoff ist in diesem Fall das Glutamat, das von der Industrie als Geschmacksverstärker eingesetzt wird. Die Symptome für die Betroffenen sind ähnlich wie bei einer Strahlenvergiftung: Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Taubheit im Nacken, dazu ein unerklärliches Kribbelgefühl in den Händen. Wie bei jeder Kontamination ist das Hinterhältige, dass man erst merkt, dass man der Gefahr ausgesetzt war, wenn es zu spät ist.

Es ist eigenartig: Die Deutschen leben immer länger, was dafür spricht, dass es mit unserer Gesundheit nicht bergab, sondern vielmehr bergauf geht. Die Hygiene ist auf einem Stand angelangt, dass schon ein Filmbericht über zwei zu spät auf den Grill gelegte Hackfleischscheibchen für einen Aufschrei in den Medien und einen tiefen Kniefall der betroffenen Burger-Kette sorgt. Man könnte mit gutem Recht sagen, dass unsere Lebensmittel noch nie so sauber und sicher waren wie heute. Dennoch haben die Menschen das Gefühl, sie wären ständig von Gefahren umgeben.

Heute ist es das Kalbsschnitzel, in dem die entsprechenden Institute irgendwelche Rückstände finden, die uns besorgen müssen, morgen die Milch. Selbst der Genuss von Kräutertee ist nicht mehr ungetrübt von schlechten Nachrichten. Erhöhtes Krebsrisiko wegen "unerwartet hoher Gehalte an Pyrrolizidinalkaloiden", meldete vor ein paar Monaten die "Süddeutsche". Kinder, Schwangere und Stillende sollten ihre Teetassen öfter mal leer lassen, lautete die Empfehlung.

Es bleibt nur Wasser

Wenn man die Warnungen ernst nimmt, bleibt eigentlich nur Wasser, und auch das nur, wenn man es zuvor durch aufwendige Filteranlagen gejagt hat - am besten solche mit Umkehrosmose, um es von Nitrat, Nitrit, Uran, Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden, Asbest, Arzneimittelrückständen, Schwermetallen und Chlor zu befreien, wie es bei den Anbietern heißt. Womit man umgekehrt einen guten Eindruck hat, was man so alles zu sich nimmt, wenn man sein Leitungswasser ganz ohne Osmosefilter wie ich direkt vom Hahn trinkt.

Mit Wissenschaft haben die meisten Erkenntnisse, die uns in Unruhe versetzen, nichts zu tun. Nehmen wir die Glutamat-Allergie: In einer Reihe klinischer Studien konnten bei keiner der Versuchspersonen, die nach eigenem Bekunden unter dem "Chinarestaurant-Syndrom" litten, mit blind verkosteten Nahrungsmitteln die entsprechenden Symptome ausgelöst werden. Aber das führt selbstredend nicht dazu, dass die Berichterstattung über die fatalen Folgen von Geschmacksverstärkern abebbt.

In Wahrheit geht es um den sozialen Effekt. Wer ansonsten nichts zu sagen weiß, macht sich eben über seine Essensprobleme interessant. Schwer zu sagen, wann die ersten Leute auftauchten, die darauf bestanden, an einer Gluten-Unverträglichkeit zu leiden. Auch eingebildete Intoleranzen machen einem das Leben nicht leichter, aber sie verschaffen ihrem Träger die ungeteilte Aufmerksamkeit der Umstehenden. Die Medizin spricht in diesem Fall vom sekundären Krankheitsgewinn, und der ist sogar wissenschaftlich bewiesen.

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insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
neighbourofthebeast 19.08.2014
1. Atom ist nicht das einzige
Thema, das gerade nicht so gut laeuft. Und genau deswegen erscheinen Kolumnen wie die von Herrn Fleischauer und Frau Berg.
ohmygood 19.08.2014
2. Danke Herr Fleischhauer!
und jetzt folgt der Aufschrei von vielen besorgten Mitbürgern :-)
menschirgendwas 19.08.2014
3. Oh Mann Fleischhauer.
Schon wieder die grünen? Ehrlich jetzt? Wieder Kein richtiges Thema gefunden? Lächerlich die Aufregung um die paar Toten, oder? Diese linken Spinner, regen sich doch tatsächlich über Gift in Lebensmittel auf, tss... - oder wie? Was das ganze mit dem chinasyndrom zu tun haben soll, bleibt rätselhaft. Konfuser Artikel. Das muss doch besser gehen, Fleischhauer. Also ehrlich. Da fühlt man sich als bekennender Linker ja nicht mal herausgefordert. Bitte mal nach USA schauen, da gibt es noch echte konservative. Nicht so ein halbgarer pseudo-Kram, wie die grünen sind doof, usw, usw. Also ein bischen mehr Engagement bitte!
e-ding 19.08.2014
4. ...
Hat mich zum Schmunzeln gebracht. Nett geschrieben, Herr Fleichhauer.
WILHHERDE 19.08.2014
5. Damit ist alles gesagt
Es ist eigenartig: Die Deutschen leben immer länger, was dafür spricht, dass es mit unserer Gesundheit nicht bergab, sondern vielmehr bergauf geht.< Damit ist alles gesagt. Mehr muss nicht sein. Und winzige Schadstoff-Mengen in Lebensmitteln ändern an diesem Trend offenbar auch nichts.
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