LeFloid interviewt Merkel "Dann sind wir uns ja sehr, sehr einig"

Internetstar links, Kanzlerin rechts: Der Entertainer LeFloid aus der Generation YouTube hat Angela Merkel ausgefragt. Konnte das gut gehen? Wir haben das Interview mit unserer 16-jährigen Schülerpraktikantin geschaut.

LeFloid (links), Merkel (rechts): "Ein bisschen wie Diplomaten"
Screenshot YouTube-Kanal von LeFloid

LeFloid (links), Merkel (rechts): "Ein bisschen wie Diplomaten"

Von und Jette Merit Spohn


LeFloid, ein 27-jähriger YouTube-Star, erreicht mit seinen Videos Millionen junge Menschen. Die meisten SPIEGEL-ONLINE-Redakteure fallen also nicht direkt in seine Zielgruppe. Spätestens wer die Ü30-Gefahrenzone betreten hat, ist beim Stammpublikum von ApeCrime, Bibi oder eben Florian Mundt alias LeFloid vor allem eines: Raus.

Zum Glück gibt es Jette. Jette ist Schülerpraktikantin im Hauptstadtbüro, sie ist 16, sie trägt Dreads, von ihr lernt man zum Beispiel, was Aggressive Inlineskating ist. Sie guckt regelmäßig LeFloid, sie mag seine selbst produzierten Weltausblicke über Dinosaurier-DNA, Weltuntergangsverschwörungen, Satanisten oder französische Mittelstufenschüler, die im Tausch gegen Geld und Smartphones angeblich sexuelle Dienste angeboten haben sollen.

"Das war so krass", sagt Jette. Krasser war nur der Lehrer, der seiner Klasse Smileys in den Arm kokelte. Wer jetzt entsetzt guckt, hat verloren. "Was glaubst du, warum ich mir das anschaue!", sagt Jette. Okay, verstanden. Was LeFloid liefert, sind die nicht normalen Nachrichten für die nicht normale Zeit der Pubertät und den groben Zeitraum drum herum.

Jetzt also ausgerechnet Angela Merkel. Denn LeFloid hat die Kanzlerin interviewt. Das 30-minütige Ergebnis ist seit Montagabend im Netz. Alles was Jette braucht, um in das YouTube-Kanzlerin-Mash-up einzutauchen, ist ein Laptop und ein Starbucks-Kakao.

Das Hallo: Merkel und LeFloid sitzen in der Nähe des Reichstagsgebäudes. Merkel will ihren sogenannten Bürgerdialog promoten. www.gut-leben-in-deutschland.de , buchstabiert sie. LeFloid fragt, was "gutes Leben" für Merkel sei, und Merkel antwortet, dass sie gern arbeite, "auch nach acht Stunden noch". Sie sagt Dinge wie "Zufriedenheitsfaktor" und "auskömmlicher Dienst". Es ist nicht gerade Rock 'n' Roll. Oder Dubstep.

Dann der Schock: Jette findet den Start okay. Gut Leben bedeute eben für jeden etwas anderes. Auch dass man dabei auch an andere Länder denken solle, wie Merkel sagt, sei richtig. Die steife Begrüßung verzeiht Jette. "Die beiden kennen sich ja nicht."

Die Sackgasse: Dann ein Sprengstoffthema: die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare. "Für mich persönlich ist die Ehe das Zusammenleben zwischen Mann und Frau", betont die Kanzlerin. LeFloid hakt nach, keine Chance. "Man muss akzeptieren, dass es dazu verschiedene Meinungen gibt. Ich sage meine", sagt Merkel.

Jette findet, dass Schwule und Lesben dieselben Rechte haben sollten. Dann stellt sie fest: Merkel repräsentiere "das Mittelmaß in Deutschland". Nicht homophob sein, aber es sich auch nicht mit den Konservativen verscherzen. LeFloid hat noch mal nachgehakt, Merkel antwortet inzwischen nur noch in Halbsätzen. "Keine Diskriminierung. Ehe zwischen Mann und Frau". Der Interviewer kommt nicht weiter. War irgendwie klar.

Merkels Baff-Sekunde: Es geht um dieses Internet, also das, wo ihre Berater die Kanzlerin gern reinspülen wollen, mit Facebook und Instagram und Google-Hangouts (Jette: "Was sind Google-Hangouts?"). Die Würde des Menschen müsse gewahrt bleiben, fordert Merkel, "ob Internet oder reales Außenleben". Plötzlich klickt Jette auf Stopp. "Der Blick von Merkel, als er 'Heil Hitler' gesagt hat. Den muss ich mir noch mal angucken", erklärt sie.

LeFloid hat was gesagt? Ach so, der YouTuber zitiert ausländerfeindliche Parolen im Netz und regt sich darüber auf, wenn Zeitungen dann statt von Rassisten von Asylgegnern schreiben. Merkel guckt für eine Sekunde wirklich etwas baff, dass LeFloid einfach so "Heil Hitler" sagt, wenn auch nur als Zitat. Natürlich fängt sie sich schnell wieder. "Rassismus, Antisemitismus, das wird von der Politik klar benannt", sagt sie. "Genau", sagt LeFloid. "Dann sind wir uns ja sehr, sehr einig."

Abhören unter Freunden: Und die Sache mit dem belauschten Handy? "Ich hätte an Frau Merkels Stelle einen Riesenaufstand gemacht", meint Jette. Macht die Kanzlerin natürlich nicht. Bei LeFloid wiederholt sie ihr Treuebekenntnis zu den USA. "Das was man an Infos rauskriegt, das ist das Abhören nicht wert", meint sie gelassen. Zum Spionage-Drama sagt die Kanzlerin dann noch diesen schönen Satz: "Ich kann mir diese Tätigkeit für mich nicht vorstellen". LeFloid hatte gefragt, was Merkel von Whistleblowern halte.

TTIP: "Wir werden nicht hinter unsere Standards zurückgehen. Das kann ich versprechen", sagt die Kanzlerin im feinsten politischen PR-Sprech. Und was meint der YouTuber da? Wenn das so ist, kann TTIP seinetwegen gern kommen. "Ist ja cool." Spätestens jetzt ist klar: Konfrontativ ist hier gar nichts. Merkel darf LeFloid sogar anbieten, ihm "drei Broschüren der CDU" zum Thema zu schicken.

Griechenland: Kommt nicht dran. Genauer gesagt fragt LeFloid die Kanzlerin, ob sie auf den Gipfel-Kram noch Lust habe. Merkel sagt, sie freue sich, wenn sie "auch mal ausschlafen" könne. Jette findet es "schwach", dass das Thema nebenbei abgefrühstückt wird. Ihre Theorie: Wahrscheinlich hätten sich die LeFloid-Fans, vor dem Interview Fragen schicken durften, einfach nicht für die Griechenlandkrise interessiert.

Der 27-Jährige und die Kanzlerin, sie sind schon ein gutes Team, "ein bisschen wie Diplomaten", sagt Jette. Keiner provoziert den anderen. Leider killt dieses Prinzip jegliche Chance auf Spontanes. Deutschland solle es gut gehen. Cannabis gehöre nicht legalisiert. Jeder habe Gaben und Schwächen. Kompromisse seien notwendig. Treffen mit Horst Seehofer seien nett. "Ein Tag ist fröhlicher, ein anderer Tag weniger." Zeitweise ähnelt das Interview einer Sammlung von "Angelas Kalendersprüchen für jeden Tag".

Ein LeFloid im Angriffsmodus hätte allerdings kaum funktioniert, der YouTube-Star musste sich den Regeln der Politik gewissermaßen anpassen. Jette hat dafür Verständnis. "Er gibt sonst den Alleinunterhalter. Hier war es besser, dass er sich nicht in den Vordergrund drängelte." Die Regierungschefin verdiene Respekt, sagt Jette.

Die Kanzlerin, sie hat sogar LeFloid gezähmt. Und er hat sich zähmen lassen. "Ich bin nicht Claus Kleber für Jugendliche", sagte er vor ein paar Wochen im SPIEGEL. Nach diesem Interview ist das nicht mehr so sicher.



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karatekid 13.07.2015
1. Youtuber, kein Journalist
Für ein kritisches Interview fehlen ihm wohl das Interesse und die handwerklichen Fähigkeiten.
Trondesson 13.07.2015
2.
Zitat: >Spätestens wer die Ü30-Gefahrenzone betreten hat, ist beim Stammpublikum von ApeCrime, Bibi oder eben Florian Mundt alias LeFloid vor allem eines: Raus.< Gut, daß dieser von Ahnungslosigkeit zeugende Satz gleich am Anfang stand, so konnte ich mir das Lesen des Restes des Artikels sparen.
Msc 14.07.2015
3.
Da muss er sich nicht grämen. Es haben schon ganz andere Kaliber sich an der Frau die Zähne ausgebissen. Dass er nichts Neues erfährt, das wurde ja auch genauso hier und überall sonst prophezeit. Nur die naivsten Fans dachten anders. Alles in allem eine tolle Werbeveranstaltung für Mutti. Und für ihn natürlich auch.
weltgedanke 14.07.2015
4.
Journalismus darf unbequem sein, aber als Journalist unbequem zu sein, darf nicht zum Selbstzweck verkommen. Man darf kritisch und skeptisch sein (tut dem Journalismus in der Regel gut) nicht mit Unzufrieden-sein oder Eine-geheime-Agenda-verfolgen (eher ungünstig) verwechseln oder auf eine Stufe stellen. Insofern fand ich, dass LeFloid seine Sache sehr gut gemacht hat. Es ist doch im Prinzip nichts daran auszusetzen, wenn die Kanzlerin ein Interview gibt, in dem man nicht mit Argumenten aufeinander einkloppt, sondern in dem sie einfach nur erklärt, wie sie Dinge sieht. Ich fand das Interview vor allem eins: Zu kurz! Es war spürbar, dass viele Themen nur angerissen wurden, für eine echte Plauderei oder auch einen echten Diskurs war zu wenig Zeit. Schade war auch, dass die Frage nach dem Widerspruch zwischen Fühlen und Handeln nicht wirklich ins Ziel traf, die beiden redeten aneinander vorbei. Insgesamt fiel mir auf, dass ich Frau Merkel eigentlich noch nie in einem Interview gesehen habe. Sowas sollte es öfter geben.
ovoso 14.07.2015
5. Gute PR für Merkel
merkel dürfte sich damit sicher ein paar stimmen von jugendlichen für die nächste wahl gesichert haben. das interview war kaum richtig kritisch, bei wichtigen dingen wurde nich genug nachgehackt. aber das konnte man von einem youtuber auch nicht erwarten. der typ dürfte wohl noch verständlicher weise zu viel respekt vor der bundeskanzleron gehabt haben. der youtube zielgruppe sei es geraten sich auch mal über andere medien zu informieren
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