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Legale Sterbehilfe: Breite Front der Ablehnung

Die Niederlande sind weltweit das erste Land, in dem aktive Sterbehilfe offiziell erlaubt ist. Nicht nur in Deutschland stößt die Regelung auf harsche Kritik.

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Legale Sterbehilfe

Soll Sterbehilfe in Deutschland nach niederländischem Vorbild gestattet sein?



Sterbehilfe-Gegner bei einer Protestkundgebung vor dem Senatsgebäude am 10.April
REUTERS

Sterbehilfe-Gegner bei einer Protestkundgebung vor dem Senatsgebäude am 10.April

Den Haag/Hamburg - Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, erklärte, die aktive Sterbehilfe stehe dem Gebot "Du sollst nicht töten" und der christlichen Überzeugung von der Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens entgegen. "Es gibt Anspruch auf menschenwürdiges Sterben, aber kein Recht auf Tötung", betonte Kock in der "Bild"-Zeitung. Am Dienstag hatten sich bereits Vertreter von SPD und CDU gegen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe ausgesprochen.

Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin sagte, das niederländische Gesetz sei kein Modell für Deutschland. Sie forderte, die Schmerztherapie in Deutschland durch Fortbildung von Ärzten voranzutreiben. "Unsere Anstrengungen sollten darauf konzentriert werden, dass Menschen in Würde und ohne Leiden sterben können", sagte die Justizministerin.

Bundespräsident Johannes Rau erklärte dem "Mannheimer Morgen", Deutschland müsse seinen eigenen Weg in dieser Frage finden. "Das gilt für die Sterbehilfe, das gilt für die Embryonenforschung", sagte Rau. Dabei müsse die Politik die Grenzen für die Wissenschaft bestimmen. Die Vorsitzende der Ethik-Kommission im Deutschen Bundestag, Margot von Renesse (SPD), sprach sich im Deutschlandfunk gegen eine Legalisierung der Sterbehilfe hier zu Lande aus.

Auch der Vatikan übte heftige Kritik an der Sterbehilfe. Kein von Menschen gemachtes Gesetz könne die Zerstörung des Lebens rechtfertigen. Mit der Entscheidung richteten sich die Niederlande gegen Tausende Jahre europäischer Zivilisation, so der Vatikan. Das Gesetz verstoße gegen die Menschenwürde und bringe die Ärzte in Gewissensnöte.

Gefahr des Missbrauchs

Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, warnte vor der Gefahr des Missbrauchs bei Sterbehilfe. "Aus meiner Sicht hat jeder das Recht auf einen würdigen Tod, niemand aber das Recht darauf, getötet zu werden", sagte Hoppe der "Bild"-Zeitung.

Nach Ansicht von Experten könnte die niederländische Entscheidung Vorbildcharakter für andere EU-Länder haben. In Belgien soll über ein ähnliches Gesetz noch in diesem Jahr beraten werden. Auch in Frankreich, Großbritannien, Italien und Australien gibt es starke Pro-Sterbehilfe-Bewegungen. Die Direktorin der britischen Gesellschaft für Sterbehilfe, Deborah Annetts, sagte, mit der Legalisierung in den Niederlanden sei eine Barriere durchbrochen worden.

In Deutschland wird vor allem wegen des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten die Sterbehilfe mit großen Vorbehalten betrachtet. Zwischen 1939 und 1941 ermordeten die Nazis schätzungsweise 100.000 Behinderte, die nach der NS-Ideologie als "lebensunwert" galten.

Länderkammer billigt Gesetz

Die niederländische Länderkammer in Den Haag hatte am Dienstag ein entsprechendes Gesetz nach zweitägiger Debatte mit 46 zu 28 Stimmen angenommen. Damit wurde die letzte parlamentarische Hürde genommen. Vor dem Parlament protestierten rund zehntausend Gegner des neuen Gesetzes, das im Sommer in Kraft treten soll. Umfragen zufolge sind jedoch 90 Prozent der Niederländer für das Gesetz.

Demonstrant mit einer symbolischen Todesspritze
AP

Demonstrant mit einer symbolischen Todesspritze

Für Ärzte bedeutet die geplante gesetzliche Regelung, dass sie künftig Sterbehilfe leisten dürfen, ohne eine Strafe befürchten zu müssen. Denn auch wenn die Euthanasie in den Niederlanden schon seit Jahren praktiziert und toleriert wird, so muss ein Arzt doch mit einer Haftstrafe bis zu zwölf Jahren wegen Beihilfe zu einem Selbstmord rechnen. Am Dienstag versammelten sich rund 10.000 Demonstranten vor dem Parlament, um gegen die Legalisierung der Sterbehilfe zu protestieren. Viele von ihnen beteten, sangen Kirchenlieder und zitierten aus der Bibel. Eine Gruppe von Euthanasiegegnern sammelte 25.000 Unterschriften gegen das Gesetz.

Bei der Ersten Kammer, der Länderkammer in den Niederlanden, gingen mehr als 60.000 Briefe ein, in denen zumeist die Ablehnung gefordert wurde. Die Abgeordneten der Zweiten Kammer hatten das Gesetz schon im November mit 104 gegen 40 Stimmen gebilligt.

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