Legenden Der Mann hinter Markus Wolf

Hans Wall ist westdeutscher Großunternehmer in weltweitem Einsatz, Markus Wolf war Chef des DDR-Auslandsgeheimdienstes. Gemeinsam kümmern sich Schwiegersohn und Schwiegervater heute um die Gedenkstätte der DDR-Ikone Friedrich Wolf.

Von Sassan Niasseri


Markus Wolf in der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte: "Ein älterer pensionierter Schreiber"
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Markus Wolf in der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte: "Ein älterer pensionierter Schreiber"

Berlin - Manche Gewohnheiten ändern sich nie. Markus Wolf betritt die Küche seines Elternhauses, schnurstracks setzt er sich auf denjenigen Stuhl, von dem aus der Blick ins Grüne am besten ist. Hier saß er früher schon, da war er 25. Links von ihm saß Bruder Konrad, rechts Friedrich, der Vater. Seine eigenen Kinder waren auch oft dabei. "Das Schönste", sagt Wolf, "war das Ostereier-Suchen."

Wer den charmanten Wolf besucht, der vergisst schnell, dass der Mann für ein Regime arbeitete, welches seinen Bürgern die einfachsten Grundrechte vorenthielt. Als Auslandschef eines der effizientesten Geheimdienste bekämpfte den Westen, er setzte Romeos als Spione auf Chefsekretärinnen bundesdeutscher Politiker an. In seiner "Hauptabteilung Aufklärung" wurden Desinformations- und Verleumdungskampagnen ausgeheckt. Wolfs Meisterstück: Sein Stasi-Agent Günter Guillaume arbeitete sich in die unmittelbare Nähe des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt vor. Die Sache flog auf, Brandt trat anschließend zurück.

Das Erbe des Pazifisten und Kommunisten

Doch das scheint alles gar nicht mehr wahr zu sein. Wolf hat sich nach der Wende auf die Familie verlegt. Hier, in der brandenburgischen Kleinstadt Lehnitz, lebte sein Vater Friedrich Wolf, der Dramatiker und Arzt, von 1948 bis zu seinem Tod 1953. Heute ist das zweistöckige Gebäude eine Gedenkstätte, sauber und aufgeräumt. Eine zeitlang sah es hier anders aus. Das Interesse an Friedrich Wolf, dem 1933 vor den Nazis ins Exil geflüchteten deutschen Juden, in der DDR ein gefeierter Pazifist und Kommunist, hatte zuletzt nachgelassen. Das war auch dem Haus anzusehen. Die Böden mussten neu gemacht, die Räume gepflegt, das Archiv geordnet werden. Kapital musste her.

Das stellte Hans Wall. Ein Berliner Großunternehmer, der in der ganzen Welt als "Stadtmöblierer" bekannt wurde. Vor allem wegen seiner technisierten City-Toiletten und seiner beleuchteten Werbetafeln. In rund 40 Metropolen ist sein Unternehmen aktiv, von Moskau bis nach Boston. Wall ist einer, der sich "Anhänger der sozialen Marktwirtschaft aus Überzeugung" nennt. In Westdeutschland hat er sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet.

Politische Auseinandersetzungen

Wall und Wolf - ein deutsch-deutsches Paar, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Der Kapitalist und der Kommunist, familiär verbunden. Denn Wall ist Wolfs Schwiegersohn, verheiratet mit dessen Stieftochter Claudia. Seit dem vergangenen Jahr ist Wall auch Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Wolf-Gesellschaft. Er ist damit so etwas wie der Patron des Ex-Spionagechefs Wolf.

Wolf vor der Plakatwand mit Werken des Vaters: Hang zur Treue
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Wolf vor der Plakatwand mit Werken des Vaters: Hang zur Treue

Wolf sagt: "Ich achte Hans Wall. Ich mag seine soziale Einstellung als Unternehmer." Seiner Wahl zum Vorsitz der Friedrich-Wolf-Gesellschaft hatte er zugestimmt. Ihm imponiere, dass Wall wohltätige Projekte initiiere oder unterstütze. Dessen Treue zum System, das sei vorbildlich. Das kennzeichnet Wolf: sein Hang zur Treue. Das sei es auch, was ihn als Kommunisten antreibe, sagt er.

"Wir sitzen oft zusammen, und natürlich haben wir bisweilen politische Auseinandersetzungen", sagt Wolf. Klänge es nicht so abgegriffen, so würde der Satz bei diesem Duo Sinn machen: Wall ist der ideale Schwiegersohn. Der Junge bewundert den Alten. Geklärte Hierarchien. Es gibt manches, da liegen sie auseinander. Zum Beispiel über den Wiederaufbau des Berliner Stadtschloss. Der Schwiegersohn will das vom DDR-Regime gesprengte Gebäude wieder errichten, der Schwiegervater ist dagegen. Wall: "Mischa findet das Schloss protzig." Wolf favorisiert natürlich das Nachbargebäude: "Der Palast der Republik hätte durchaus Grundlage für die Neugestaltung des Platzes sein können."

"Ich bin ein Schüler, ein Lernender"

Die Wolfs und die Walls: Das ist eine Familiengeschichte, wie Friedrich Wolf sie sich nicht besser ausgedacht hätte. Womöglich hätte sich der Schriftsteller auch in Wall hineindenken können. Schließlich wuchs Friedrich in einer bürgerlich-liberalen, jüdischen Kaufmannsfamilie auf.

Markus Wolf ist 82, Wall 63. Sie trennt eine Generation. Schwiegersohn Hans nennt seinen Schwiegerpapa "Mischa". Wolf stand Jahrzehnte mit an der Spitze eines Systems, das seine Bürger drangsalierte und bespitzeln ließ, in dem Menschenrechte nichts galten. Zehntausende landeten hinter Gittern, weil sie das Land verlassen wollten. Manche frühere DDR-Bürgerrechtler reden noch heute voller Verachtung über Markus Wolf. Wall aber sagt: "Er hat sicher keine Verbrechen begangen. Das spüre ich tief drinnen." Mischa, glaubt Wall, sei ein "grundehrlicher Mensch".

Die Wall AG hat ihren Sitz in der Berliner Friedrichstraße nahe des Kunstzentrums Tacheles, und von seinem Büro im obersten Stockwerk hat Wall einen Panoramablick über zentrale Orte der Stadt: Alexanderplatz, die Synagoge, Potsdamer Platz, Reichstag. Und er sieht die Straßen, die er möblierte. Hier eine Reklametafel, dort eine Bushaltestelle. In den kommenden Jahren rechnet Wall mit Investitionen von 500 Millionen Euro, und er plant den Gang an die Börse.

Wall wirkt wie einer, der immer etwas tun muss. Beim Sprechen rückt er auf seinem Stuhl hin und her. Er spricht von den sozialen Projekten, die er finanziert. "In der Wut über soziale Ungerechtigkeit, da sind Friedrich Wolf und ich uns doch sehr ähnlich", sagt er. Dabei gebe es noch so vieles, was er über Friedrich Wolf nicht wisse. "Ich bin ein Schüler, ein Lernender."

Unternehmer Hans Wall: "Mischa ist ein grundehrlicher Mensch"

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Gerade die Jüngeren im Westen, sagt Wall, wüssten kaum etwas über Friedrich Wolf. Das soll sich unter seinem Vorsitz ändern. "Die Jugend muss erfahren, dass er ein Vorbild ist." Wolfs Antisemitismus-Drama vom jüdischen "Professor Mamlock" sollte jeder Schüler lesen, die Verfilmung von Konrad Wolf, dem berühmten, Anfang der Achtziger in der DDR verstorbenen Bruder von Markus, jeder Jugendliche sehen: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass danach noch jemand rechts wählt." Die Filmvorführungen an den Schulen wolle er selbst finanzieren. Die Rache der Geschichte: Wall ist es, der mit seinem Geld die Verbreitung der Träume, an die Sozialisten in der DDR so lange glaubten, überhaupt erst möglich macht.

Die Träume des Vaters

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Karsten Schirmer

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Nach dem Zusammenbruch des DDR-Regimes wurde Wolf 1997 in Deutschland wegen Freiheitsberaubung verurteilt, die Strafe auf Bewährung ausgesetzt. Über Details seiner Arbeit als Chef der HVA hat Wolf stets geschwiegen. Routiniert antwortet er auch diesmal: "Ich war der Mann mit Tätigkeit im Sicherheitsministerium auf dem Gebiet des Nachrichtendienstes."

Er sei durch die Medien verteufelt worden, klagt Wolf. "In schweren Zeiten stand Wall immer zu mir", erinnert sich Wolf. Oft habe ihn der Schwiegersohn gebeten, ihn bei öffentlichen Anlässen zu begleiten. "Da habe ich gesagt: Lass das mal lieber sein. Aber diese Zeit ist inzwischen vorbei." Hin- und wieder sieht man ihn und seine Frau jetzt auf Bildern auf den bunten Seiten Berliner Zeitungen, mitten im Getümmel mit anderen Prominenten.

Seit der Wende arbeitet der ehemalige Stasi-Mann an der Verbesserung seines Images, so ähnlich, wie Albert Speer das nach dem Krieg getan hat. Wolf schrieb kein Spandauer Tagebuch, sondern ein Kochbuch. Und nun kümmert er sich eben um das Andenken an seinen unverdächtigen Vater. Dessen Traum, sagt Markus Wolf, sei nicht in Erfüllung gegangen: soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Jetzt muss schon Wolfs Familiengeschichte herhalten, um 40 Jahre DDR zu legitimieren. Denn von Papas strahlender Büste fällt natürlich auch Glanz auf den Sohn, der für die DDR allerdings nicht als Sozialarbeiter tätig war.

Da ist er schon beim nächsten Thema, auch hier kommt ein Spruch aus dem postsozialistischen Poesiealbum: "Der Kapitalismus hat nicht gesiegt. Er ist nur übrig geblieben", sagt Wolf und lächelt.



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