Legendenbildung: Ein Gespenst namens Guttenberg

Von Helmut Däuble

Schuld sind immer die anderen: Seinen Rücktritt verklärte Karl-Theodor zu Guttenberg quasi als Meuchelmord an einem beliebten Volkspolitiker. Doch der Ex-Minister taugt nicht als Märtyrer. In Wahrheit ist er über sich selbst gestürzt. Die deutsche Gesellschaft wird er noch lange beschäftigen.

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dapd

Guttenberg (bei der Rücktrittserklärung): Über sich selbst gestürzt

Legenden sind Darstellungen von Ereignissen, die schönfärbende Absichten vor Wahrheiten stellen. Die Dolchstoßlegende, die das deutsche hohe Militär nach 1918 gestrickt hat, ist dafür beispielhaft: im Felde unbesiegt, in der Heimat durch linke Feinde hinterrücks erdolcht.

Wir sind Zeugen geworden, wie eine neue Dolchstoßlegende gezimmert wird. Karl-Theodor zu Guttenberg, ein Verteidigungsminister mit höchster Beliebtheit in der Bevölkerung, wird des wissenschaftlichen Betrugs überführt. Seine Doktorarbeit ist offensichtlich ein bewusstes Plagiat. Oliver Lepsius, Professor an der Universität Bayreuth, nennt es ein "Ausmaß an Dreistigkeit, das wir bisher nicht gesehen haben".

Doch statt dass der Minister - sobald die Schwere des Vergehens publik wird - von der verantwortlichen Kanzlerin entlassen wird, darf er den Zeitpunkt, seinen Hut zu nehmen, selbst wählen und mit einer Interpretation versehen, die nichts anderes ist als eine Dolchstoßlegende 2.0.

Der scheidende Verteidigungsminister bedauerte seine "fehlerhafte Doktorarbeit" und erklärte sich bereit, angesichts der "massiven Vorwürfe" bezüglich seiner Glaubwürdigkeit sich an der Klärung der Fragen hinsichtlich seiner Dissertation zu beteiligen. Dass er aber offensichtlich - aus welchen Motiven auch immer - bewusst und massiv betrogen hat und dass seine politische Laufbahn deswegen zwangsläufig und gerechtfertigterweise zu Ende geht, mag er nicht einsehen, geschweige denn eingestehen.

Stattdessen liefert er uns seine Sicht der Dinge: Ein im Kriege sich befindender herausragender Verteidigungsminister - natürlich mit "Schwächen und Fehlern" - wird heimtückisch und hinterhältig erdolcht. Ein großer Feldherr steht mit seinen "großartigen Truppen im Einsatz" und kämpft für sein Vaterland. Seinen Auftrag kann er jedoch nicht mehr erfüllen, weil er von Vaterlandsverrätern niedergestreckt wird. In Afghanistan unbesiegt, im Inland niederträchtig gemeuchelt.

Wer hat den Ersten Soldaten meuchlings auf dem Gewissen?

Sehr geschickt baut er diese Legende auf. Er rechtfertigt seinen Rücktritt mit der Unmöglichkeit, "den höchsten Ansprüchen", die er selbst an seine Verantwortung anlegt, nachkommen zu können. Nicht die Überführung des Betrugs ließe ihn weichen, sondern seine "Verantwortung in einem fordernden Amt", die eine "möglichst ungeteilte Konzentration und fehlerfreie Arbeit" verlange. Ein fürsorglicher und vorbildlicher militärischer Anführer müsse sich den ihm "Anvertrauten" vorrangig zuwenden und ihnen den Rücken frei halten. Die eigene Person sei vor höheren Aufgaben immer in den Hintergrund zu rücken: "Wenn es auf dem Rücken (!) der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten."

Und dass er noch im Fallen sich zuvorderst seinen "Soldatinnen und Soldaten, die mir bis heute den Rücken (!) stärkten" zuwendet, versteht sich da von selbst. Vor dem Aushauchen des - vorläufig - letzten politischen Atemzugs sei es für ihn eine "Frage des Anstands, zunächst die drei gefallenen Soldaten mit Würde zu Grabe zu tragen". Erst wenn diese letzte Tat vollbracht ist, darf ein wahrer Kriegsheld gehen. Er kämpft und fällt als Letzter.

Wer aber hat den Ersten Soldaten nun meuchlings auf dem Gewissen? In dem sehr präzise inszenierten Abgang werden die Schuldigen benannt. Es sind nicht die externen Feinde, es sind die Feinde im Innern, die zu benennen und dereinst auch zur Rechenschaft zu ziehen sind: die investigativen Journalisten und die politischen Gegner. Es sei die "enorme Wucht der medialen Betrachtung" seiner Person, es seien die zerstörerischen "Mechanismen im politischen und medialen Geschäft", die ihn dahingestreckt hätten. Mitten im Kampf mit seiner von ihm "gestärkten Bundeswehr". Nicht seine Betrügereien hätten ihn zu Fall gebracht, sondern das heimatliche Trommelfeuer mit seiner "hohen medialen und oppositionellen Taktfrequenz".

Guttenberg hat sich selbst zu Fall gebracht

Er hat gekämpft, wie ein aufrechter Mann für sein Vaterland kämpft, und er hätte weiter gerungen, wäre da nicht der wuchtige Dolch der ganzen - vorgeblich linken - Medien, der ganzen Opposition hinterhältig in seinen Rücken gedrungen. Ein wahrer Held wird mit gemeinsten Mitteln aus dem (politischen) Leben gerissen. Ein Meuchelmord sondergleichen. So endet seine Rücktrittsrede auch mit den Worten: "Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht." Ein neuer Märtyrer ist geboren, der noch lange durch unsere Gesellschaft geistern wird.

Es wird sehr schwer werden, diese Legendenbildung aufzuhalten. Allzu viele glauben daran, all zu viele spenden dieser Heldeninszenierung bereits jetzt Beifall.

Die Wahrheit muss aber weiter gesagt werden dürfen: Nicht die Medien, nicht die Opposition, ja keine kritische Zivilgesellschaft können einen solchen Politiker kippen. Er selbst hat sich zu Fall gebracht. Er selbst hat sich - wenn man so sagen will - den Dolch durch massiven und vorsätzlichen Betrug bäuchlings gesetzt. Ein Lügner und Betrüger ist über sich selbst gestürzt.

Wäre er frühzeitig mit der Einsicht gegangen, dass eine politische Führungsfigur in einer Demokratie keine solchen Leichen im Keller haben darf, er hätte wenigstens Respekt verdient.

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1. ...
vogelsteller 06.03.2011
Zitat von sysopSchuld sind immer die anderen: Seinen Rücktritt verklärte Karl-Theodor zu Guttenberg quasi als Meuchelmord an einem beliebten Volkspolitiker. Doch der Ex-Minister taugt nicht als Märtyrer. In Wahrheit ist er über sich selbst gestürzt. Die deutsche Gesellschaft wird er noch lange beschäftigen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749232,00.html
so langsam kotzt mich euere nachtreterei gewaltig an. ihr habt nicht das geringste schamgefühl für euere primitiven kommentierungen.
2. ...
bfz 06.03.2011
Zitat von sysopSchuld sind immer die anderen: Seinen Rücktritt verklärte Karl-Theodor zu Guttenberg quasi als Meuchelmord an einem beliebten Volkspolitiker. Doch der Ex-Minister taugt nicht als Märtyrer. In Wahrheit ist er über sich selbst gestürzt. Die deutsche Gesellschaft wird er noch lange beschäftigen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749232,00.html
Das Problem ist nicht die beliebtheit Guttenbergs, sondern die unbeliebtheit seiner größten "Kriticker" aus der kommunistisch/grünen Ecke des Bundestags. Zudem es nun auch nicht so ist, das die mit der größten Fresse, nicht unbedingt besser sind. Im Gegenteil sie haben ihre Doktorarbeiten als BRD/Demokratie Schmähschrift verfasst, oder eben als SED Propaganda. Was sie natürlich nicht daran hindert sich vom verhassten Klassenfeind durchfüttern zu lassen!
3. .
Haio Forler 06.03.2011
Zitat von vogelstellerso langsam kotzt mich euere nachtreterei gewaltig an. ihr habt nicht das geringste schamgefühl für euere primitiven kommentierungen.
Er hat sich aber auch ein Ding geleistet, der Guttenberg. War ja nicht ohne.
4. Danke
Softship 06.03.2011
Zitat von vogelstellerso langsam kotzt mich euere nachtreterei gewaltig an. ihr habt nicht das geringste schamgefühl für euere primitiven kommentierungen.
Danke. wollte ich auch gerade schreiben. Es reicht. Es reicht wirklich.
5. .
Haio Forler 06.03.2011
Guttenberg: : "Wenn es auf dem Rücken (!) der Soldaten nur noch um meine Person gehen soll, kann ich dies nicht mehr verantworten." Der Autor meint, dies sei geschickte Rhetorik? geschickt? ja, für Menschen, die nicht ahnen, wie Medien und Tränendrüse funktionieren. Bin ich der Einzige, der diesen miesen, billigen Trick schon beim Anhören durchschaute? Gewiß nicht!
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Zum Autor
Helmut Däuble, Jahrgang 1961, ist als Akademischer Rat an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg im Fach Politikwissenschaft tätig.

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