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Angriffe auf die Journalisten bei Legida: "Ich bin nur noch gerannt"

Von , Leipzig

Legida-Demonstration: "Eine unglaublich aggressive Stimmung" Zur Großansicht
Björn Kietzmann/Demotix/Corbis

Legida-Demonstration: "Eine unglaublich aggressive Stimmung"

Rechte Gewalttäter bestimmen das Bild von Legida. Sie marschieren als schwarzer Block, pöbeln, rempeln und schlagen zu. Mehrere Journalisten berichten SPIEGEL ONLINE, was sie in den Straßen von Leipzig erlebt haben.

Leipzig - "Lügenpresse". Dieser diffamierende Begriff kursiert in der deutschen Anti-Islam-Szene, zunächst in den Straßen von Dresden, dann auch in Leipzig. Aus Verachtung für die Medien ist in kurzer Zeit bei manchen regelrechter Hass geworden, jetzt sind den Worten Taten gefolgt. Vermummte Hooligans haben am Mittwochabend gezielt Pressevertreter angegriffen.

Markus Müller* ist einer der Journalisten, die dem wütenden Mob gegenüberstanden. Für das Lokalradio Mephisto 97.6 hat er die Ereignisse mitgeschnitten. Demnach spielte sich der Übergriff so ab:

Müller lief zunächst gemeinsam mit Kollegen vor der Spitze des Demonstrationszuges her. Dabei beobachteten sie, wie die Vermummten einen Block bildeten und sich an die Spitze der Menschenmenge setzten. Aus dieser Gruppe scherten immer wieder rund 50 Mann nach links aus. Mehrere Augenzeugen berichteten anschließend: Die Choreografie wirkte einstudiert. Laut Müller zogen sich die Ordner am Rand des Demonstrationszuges zurück, die Polizei war weit weg. Immer wieder pöbelten einzelne aus dem Block der Vermummten gegen Journalisten: "Pack die Kamera weg, du ... , sonst …"

Plötzlich ist auf der Aufnahme Müllers ein dumpfer Schlag zu hören. Das ist dem Journalisten zufolge der Moment, in dem ein Hooligan ausrastete. Er soll dem Fotografen neben Müller einen Stoß mit dem Ellbogen versetzt haben, woraufhin dieser zu Boden sackte. Müller selbst wurde angespuckt, wie er berichtet.

Danach sei die Lage eskaliert, beschreibt der Lokaljournalist die Situation. "Los, los, los", hätten die Hooligans gebrüllt. Daraufhin sei eine Gruppe in Richtung der Journalisten-Traube vor dem Demonstrationszug gesprintet. Ein weiterer Videojournalist sei dann von hinten getreten worden und ebenfalls gefallen. "Ich habe mich nur noch umgedreht und bin gerannt, ich habe nicht mehr gesehen, was mit den Kollegen passiert ist", sagt Müller.

Der Redakteur einer Studentenzeitung beobachtete den Angriff auf den Fotografen ebenfalls. Er habe nur wenige Meter daneben gestanden, berichtet er. "Es war eine unglaublich aggressive Stimmung." Er selbst sei mit dem Schrecken davon gekommen.

"Wenn wir hier fertig sind, kriegst du aufs Maul"

Zum Zeitpunkt des Überfalls hielten sich laut Müller nur wenige Polizisten in der Nähe der Journalisten auf. Sie seien ebenfalls weggelaufen, sagt er. Erst einige hundert Meter weiter auf der Strecke des Demonstrationszuges seien mehr Beamte dazu gekommen. Sie hätten die Hooligans ins Spalier genommen.

Ein freier Fotograf berichtet von einem weiteren Vorfall während der Demo. Er habe versucht, von einer Verkehrsinsel aus Fotos zu machen. Dabei habe er nicht bemerkt, dass er auf einmal mitten in einem Pulk aus Hooligans gestanden habe. "Plötzlich baut sich einer vor mir auf, bedrängt und beschimpft mich." Er habe jedoch die Nerven behalten und den Angreifer ignoriert - zum Glück sei ihm eine Ordnerin beigesprungen.

Die "Leipziger Volkszeitung" berichtete via Twitter, dass einer ihrer Fotografen ebenfalls bedroht worden sei. "Wenn wir hier fertig sind, kriegst du aufs Maul", hätten die Vermummten gebrüllt.

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Legida-Aufmarsch: Angespannte Lage in Leipzig
Dass die Atmosphäre bei den Demonstrationen immer angespannter wird, beobachtet auch Marcel Nowicki. Er gehört zu den Betreibern des Portals Nolegida. Sie sammeln Berichte, Fotos und Videos von den Ereignissen am Mittwoch und verbreiten sie auf Twitter und Facebook weiter. Er habe "wirklich Angst" gehabt, sagt Nowicki. "Schon letzte Woche waren viele Rechtsradikale auf der Straße, am Mittwoch waren es noch mal mehr", sagt er. Und die bürgerlichen Teilnehmer? "Ich habe Angst, dass die irgendwann danebenstehen und applaudieren - wie damals in Rostock."

Auch Jens Frohburg hat die Nazis auf der Demo genau im Blick. Er dokumentiert für das Portal Chronik.le rechte Umtriebe in der Stadt. Er schätzt, dass insgesamt rund 1500 Hooligans auf der Demo unterwegs waren. "Viele Gesichter kennen wir von Nazidemos überall." Auch das Verhalten der Teilnehmer sei üblich: "Die Rufe, der Aufzug, die Kleider und die Angriffe auf die Presse, das kennen wir von Nazimärschen."

Auch nach dem Ende der Demonstration blieb die Lage in Leipzig bedrohlich. Legida-Anhänger und -Gegner lieferten sich mit der Polizei eine Verfolgungsjagd durch die Innenstadt. Am Hauptbahnhof flogen Böller und Flaschen, mehrere Gegendemonstranten sollen von Hooligans verletzt worden sein. Ein Internet-Video zeigt eine Frau wimmernd auf dem Asphalt liegend.

Die Polizei ermittelt auch gegen linksextreme Gewalttäter. Augenzeugen berichten von chaotischen Zuständen. Die Polizei habe teilweise die Demonstrationsgruppen nicht unterscheiden können.

Juliane Nagel sitzt für die Linke im Stadtrat und im sächsischen Landtag. Sie gilt als Kennerin der rechten Umtriebe im Freistaat - und wird regelmäßig bedroht. Auch am Mittwochabend suchte sie hinter Polizeibeamten Schutz. "Mehrere Hundert Nazis wollten vom Bahnhof zum Versammlungsort. Als sie mich entdeckten, haben sie mich mit Namen angepöbelt", berichtete sie. Nagel beobachtet Legida mit wachsender Sorge: "Ich habe große Angst davor, dass hier der Aufstand der Stammtische zusammenfällt mit dem von Hardcore-Nazis."

REUTERS

* Name von der Redaktion geändert

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Einsatz wegen Legida: Polizei-Großaufgebot in Leipzig


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