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Falsche Sparpolitik: Was am Lehrerstreik wirklich nervt

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Protestierende Lehrer in Berlin (Archivbild): Endlich Prioritäten setzen Zur Großansicht
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Protestierende Lehrer in Berlin (Archivbild): Endlich Prioritäten setzen

Die Wirtschaft macht Rekordgewinne, die Steuereinnahmen steigen. Aber für Helden des Alltags wie Erzieher und Lehrer ist angeblich kaum Geld da. Wie kann das sein?

Toll, dieses Deutschland. Alle unsere Nachbarn beneiden uns, wir haben die famose Angela Merkel, eine Power-Wirtschaft, Export-Rekorde, sogar die Binnennachfrage läuft. Wie schön. Oder doch nicht?

Es gibt noch eine andere Wahrheit über dieses Land, sie ist weniger glanzvoll. Seit Jahren verspricht die Politik allen alles: Mehr Sicherheit auf den Straßen, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber zugleich wird bei wichtigen staatlichen Aufgaben geknausert. Schulen, Kindergärten, Polizei, Krankenhäuser, in vielen Bereichen des öffentlichen Dienstes ist trotz der großen Ankündigungen das Geld knapp.

Das führt zu Frust und Streit im Alltag. So wie an diesem Dienstag: Lehrer und Erzieher streiken für mehr Geld und bessere Verträge. Tausende Kinder sitzen zu Hause oder bei Papa/Mama im Büro und spielen Nintendo statt zu lernen. Superland Deutschland? Naja.

Nun könnte man sagen, was soll der Geiz? Bezahlt und behandelt die Leute im öffentlichen Dienst besser, und die Sache ist erledigt. Richtig, ein bisschen mehr geht in einem reichen Land wie Deutschland sicher immer. Aber so einfach ist es auch wieder nicht. Es gibt zwei Probleme:

  • Jahrzehntelang hat die Politik im Verbund mit den Gewerkschaften den öffentlichen Dienst immer weiter aufgebläht. Es sind gigantische Ansprüche für die Altersversorgung aufgelaufen, sie werden jetzt und in den kommenden Jahren in den Haushalten von Bund und Ländern brutal spürbar. Diese Kosten dürfen wir nicht der nächsten Generation aufbürden - und schon gar nicht erhöhen.
  • Im öffentlichen Dienst herrschen immer noch die Ideologen der Gleichmacherei. Alle Versuche, Angestellte und Beamte entsprechend ihrer Leistung zu honorieren, bleiben seit Jahren im Ansatz stecken. Jeder weiß es: Nicht jeder Job im öffentlichen Dienst ist gleich anstrengend oder stressig. Trotzdem wird das wenige Geld, das die Politik für eine bessere Entlohnung locker macht, mehr oder weniger nach dem Prinzip Gießkanne auf alle verteilt.

Sowohl die Politik als auch die Gewerkschaften müssen viel stärker als bisher Prioritäten setzen. Sie müssen sich darauf verständigen, welche Bereiche des öffentlichen Dienstes wirklich gestärkt werden müssen - und welche nicht. Sparen ist richtig. Aber wer bei motivierten Lehrern und Erziehern ansetzt, spart bei den Falschen.

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Lehrerstreik

Ist es okay, wenn angestellte Lehrer streiken?

Zum Autor
Roland Nelles ist Ressortleiter Politik und Leiter des Berliner Büros sowie Mitglied der Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Roland_Nelles@spiegel.de

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1. also lehrer in berlin
uksubs 03.03.2015
verdienen gut genug!!
2. Natürlich wird
winnetou16 03.03.2015
überall geknausert wenn es um die deutschen Bürger geht. Wenn dann Griechenland mal wieder klamm ist weil sie einfach nicht mit Geld umgehen können, dann sind sofort Milliarden verfügbar.
3.
blurps11 03.03.2015
Speziell das Bildungssystem leidet sowieso schon unter Testitis. Wenn jetzt noch alle Lehrer individuell bewertet werden sollen, ist man an den Schulen nur noch mit Evaluierung beschäftigt und für die Lehre bleibt gar keine Zeit mehr. Ob man dadurch unterm Strich wirklich Geld einspart, ist auch mindestens zweifelhaft.
4. Giesskannen und Gleichmacherei
Listkaefer 03.03.2015
Im Öffentlichen Dienst herrscht nicht das Prinzip Giesskanne und die Gleichmacherei. Das sind flotte Sprüche, aber bei Licht betrachtet ist es nicht mehr als leeres Geschwätz. Im ÖD wird j e d e r Dienstposten anhand von Tätigkeitsmerkmalen analysiert und je nach Ergebnis einer Besoldungsgruppe zugeordnet, nach der sich die Einstufung und Bezahlung richtet. Das gilt für Beamte, deren Besoldung der Staat festlegt, und auch für Angestellte, deren Besoldung in Tarifverträgen mit den Gewerkschaften Verhandelt wird. Beispiel: Die Arbeit als Patentprüfer beim Patentamt als Beamter ist grundsätzlichch A15 - wertig. Beim Dienstantritt sind die Voraussetzungen ein abgeschlossenes Hochschulstudium (Ingenieur, Chemiker, Physiker). Am Anfang erhält man A13 und wird noch ausgebildet. Nach einer Zeit wird man dann A14, und nach Ende der 3-jährigen Ausbildung im Patentamt A15 - entsprechend dem Inhalt der Tätigkeit. Das gilt fur alle ca. 700 Prüfer, egal ob Mann oder Frau und wie alt zu Beginn dieser Tätigkeit. Ist das Gleichmacherei? Nein, das ist Ordnung und Besoldungsgerechtigkeit, am Inhalt der Tätigkeit orientiert. Da sind auch Leistungskomponenten drin, denn wenn man gut ist und entsprechend viel Erfahrung gewonnen hat, können einige noch Gruppenleiter werden und eine Zulage erhalten, und danach kann ein kleiner Teil der Gruppemleiter auch noch Abteilungsleiter mit A16 werden. Dass das alles lupenrein zugeht, dafür sorgen Stellenausschreibungen, mit denen der am besten qualifizierte Bewerber nach den Kriterien Eignung, Leistung, und Befähigung ermittelt wird, und nicht zuletzt der Bundesrechnungshof als Kontrollinstanz. So, und wo sind da jetzt die Giesskannen und die Gleichmacherei? Dämliches Gescwätz von Leuten, die keine Ahnung haben.
5. Streik ist Klientel-Politik
Miere 03.03.2015
Es streiken die, die es sich erlauben können. (Lokführer, Piloten, und nun Lehrer.) Es streiken nicht diejenigen, die wirklich ganz arm dran sind (Reinigungskräfte, Friseure, Kassierer/innen bei Discountern). Denn die können nicht. Sie würden einfach rausgeschmissen. Streik ist heutzutage "Ich habe meins und ich will mehr, fu## euch Rest!" Die Schleusenwärter haben gestreikt, um mehr von ihresgleichen einzustellen, und es war ihnen egal, ob sie damit freiberufliche Binnenschiffer, die viel härter arbeiten, in den Ruin getrieben haben. Man sollte nur für Dinge streiken, die machbar/beazhlbar sind und auch den schlechter Gestellten zugute kommen - aber solche Solidarität gibts heute wohl nicht mehr. Wenn die existierenden Lehrer 5% mehr bekommen, deswegen aber keine neuen Lehrer mehr eingestellt werden können, weil sich die Länder das nicht leisten können, dann ist den Lehrern geholfen, aber nicht den Kindern und auch nicht den Arbeitslosen.
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