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Neonazi-Krawalle in Leipzig: Verwüstet

Von Maximilian Gerl, Leipzig

Es war eine Machtdemonstration: Im Leipziger Stadtteil Connewitz terrorisierte eine rechte Meute eine ganze Straße. Anwohner und Geschäftsleute sind erschüttert. Warum hat die Polizei sie nicht geschützt?

"Wollen Sie ein Buch kaufen? Das wäre mir jetzt am liebsten." Ilona Fleischmann steht in ihrem kleinen Geschäft, auf dem Boden stehen Büchertürme. Normalerweise liegen sie im Schaufenster aus. Doch das ist zertrümmert. Hooligans haben die Scheiben eingeworfen. Gestohlen haben sie wohl nichts. Sie wollten einfach nur zerstören.

Ilona Fleischmann sagt, so etwas habe sie noch nicht erlebt. Seit über 30 Jahren führt sie den Buchladen.

Dienstag, Tag eins nach den Krawallen von Leipzig. Am Rande einer fremdenfeindlichen Legida-Demo in der Innenstadt zogen rund 250 vermummte, laut Polizei mehrheitlich rechtsextreme Hooligans durch die Wolfgang-Heinze-Straße im Stadtteil Connewitz. Auf einer Strecke von einigen Hundert Metern warfen sie systematisch fast jedes Schaufenster ein. Bei der Bäckerei, beim Musikgeschäft, bei der Kneipe. Bei Ilona Fleischmann, der Buchhändlerin.

Fleischmann ist eine der wenigen, die am Tag danach öffentlich etwas sagen will. Die übrigen Geschäftsinhaber in der Straße und die Anwohner bleiben lieber anonym.

Connewitz im Süden Leipzigs gilt seit jeher als Hochburg der linksautonomen Szene. Es gibt kleine Läden, viele Graffiti, ein paar Häuser stehen leer. Von einem Fenster hängt ein Banner: "Refugees Welcome". Man kennt sich. Wer hier arbeitet, lebt meist auch hier. Connewitz wirkt ein bisschen wie Berlin-Kreuzberg, bevor die Gentrifizierung begann.

"Damit konnte ja niemand rechnen"

Auf den Straßen liegen nur vereinzelt Scherben, die Aufräumarbeiten finden größtenteils drinnen statt, wo Ladeninhaber die Splitter zusammenkehren. Wo mal Fenster waren, sind jetzt Holzverkleidungen und Planen. Gestohlen wurde offenbar nirgends etwas.

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Hooligans in Leipzig: Verwüstung in Connewitz
Natürlich habe sich die Gewalt im Viertel zuletzt immer stärker aufgeschaukelt, sagt ein Geschäftsinhaber. Aber dass es solche Ausmaße annehme, hätte er nie erwartet. Für die Zukunft hofft er auf mehr "Ordnung und Sicherheit", richtig dran glauben will der Mann allerdings nicht. "Es bringt halt nichts, nur mit einer Kerze in der Hand dazustehen", sagt er.

Mit der Kerze in der Hand standen am Montagabend auch viele Connewitzer da, allerdings nicht in ihrem Viertel, sondern in der Leipziger Innenstadt. Eine Lichterkette gegen Legida, trotz strömenden Regens. Mit dabei viele Polizisten, die versuchten, Legida-Anhänger und Gegendemonstranten auseinanderzuhalten.

Connewitz, das von der linksautonomen Szene sonst beschützt wird, lag auf einmal offen da. Anscheinend nutzten die Hooligans das gezielt aus. Die Polizei nahm schließlich insgesamt 211 Verdächtige vorübergehend in Gewahrsam. Viele von ihnen seien bereits als "rechtsmotiviert und/oder Gewalttäter Sport" - also Hooligans - aktenkundig, heißt es in einer Mitteilung der Beamten.

Die Verwüstungen sind das vorläufige Ergebnis einer Gewaltspirale. Schon im Laufe des Dezember wurde die Stadt von einem Aufmarsch der Rechtsextremen heimgesucht, Barrikaden brannten, ein andermal wurde die Wohnung eines NPD-Mannes verwüstet, zuvor war ein anderer tätlich angegriffen worden, Neonazis zündeten Autos an.

In den sozialen Netzwerken brüsten sich die Rechtsextremen nun mit den jüngsten Verwüstungen: Denen habe man es gezeigt, man habe die "Leipziger Hurensohn-Antifa platt gemacht". Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) spricht von "Straßenterror".

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Ausschreitungen in Leipzig: Der Tag danach
Mehr Beamte als sonst im Einsatz

Vielen Anwohnern ist der Schock der vergangenen Nacht noch anzusehen. "Ich saß mit meiner Tochter in der Wohnung und hatte Angst", erzählt einer. Andere attackierten die Neonazis offenbar: Eine Nachbarin berichtet, aus den oberen Stockwerken seien die Hooligans mit Böllern beworfen worden. Gerüchte machen die Runde. Zum Beispiel, dass die Hooligans aus Autos heraus gezielt nach Menschen gesucht hätten, um sie zusammenschlagen zu können.

Eine Frage treibt Leipzig besonders um: Wie konnten 250 schwarz vermummte Männer überhaupt nach Connewitz gelangen? Im Internet hatten linke und rechte Gruppen Gewalt angekündigt, es waren ja deshalb mehr Polizisten als sonst im Einsatz. Rund um den Hauptbahnhof und die Innenstadt hatten sie wegen der Legida-Demonstration viele Straßen weiträumig abgeriegelt. Die Hooligans kamen trotzdem irgendwie vorbei. In Connewitz war die Polizei dann zwar schnell vor Ort, das Chaos aber war da schon im Gange.

Mancher in Connewitz ärgert sich über die Beamten: Die seien auf dem "rechten Auge blind", sagt ein Anwohner. Zudem gibt es den Verdacht, bei der Polizei könnte es einen NPD-Maulwurf geben: Am Montag hatten Beamte mutmaßlich bewaffnete Linksextremisten aufgehalten, interne Polizeidokumente darüber wurden noch am selben Tag der Leipziger NPD zugespielt. Nun sind Ermittlungen wegen Geheimnisverrats eingeleitet worden.

Einige Anwohner fürchten, dass auf die Gewaltexzesse bald weitere folgen. Ein Taxifahrer sagt, dass es schon in den Neunzigerjahren Krawalle in Connewitz gegeben habe. Links gegen Rechts, Pflastersteine, Eisenstangen, das volle Programm. Die Linken hätten gewonnen, "die Glatzen" sich daraufhin aus der Stadt zurückgezogen. Wenn das stimmt, dann hatten beide Seiten ihre Reviere abgesteckt. Wer keinen Ärger wollte, blieb in seiner Gegend. Die Zeiten könnten jetzt vorbei sein.

Ilona Fleischmann will keine Mutmaßungen anstellen, wer ihr warum die Scheibe eingeworfen hat. Bei ihr klingelt ständig das Telefon, Leute wollen helfen, obwohl es nichts mehr zu helfen gibt. Fleischmann sagt dann höflich ab.

"Es ist eben passiert", sagt sie. "Ich mache weiter."

Im Video: Demonstration und Randale in Leipzig

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