Politische Sozialstudie: Arme wählen Piraten, Ängstliche gar nicht
Piraten-Wähler plagt die Angst vor Jobverlust, Frauen wenden sich von der FDP ab, immer mehr Jüngere gehen nicht mehr wählen: In einer Studie haben Forscher die individuellen Lebensumstände von Parteianhängern unter die Lupe genommen - mit zum Teil überraschenden Ergebnissen.
Berlin - Welche Partei hat die jüngsten Wähler, welche die reichsten? Machen Frauen eher bei Rot, Schwarz oder Grün ihr Kreuzchen? Welche Partei lockt netzaffine Wähler an, und welche Wählergruppe ist am ehesten depressiv? Forscher der Universität Leipzig haben in einer Studie Wahlpräferenzen mit individuellen Lebensumständen verknüpft. "Gängige Überzeugung ist, dass Selbstständige FDP wählen, Juristen die CDU und Angestellte die SPD", teilten die Forscher mit. Dabei seien Wählerprofile vielschichtiger und komplexer.
In der Auswertung legten die Experten besonderes Augenmerk auf die Anhängerschaft der Piratenpartei, da deren Klientel noch am wenigsten erforscht sei. Demnach hätten Piraten-Wähler von allen Parteianhängern etwa die größte Angst um ihren Job. Auch das private Einkommen spielte bei der Befragung eine Rolle. Demzufolge scharten FDP und Grüne eher wohlhabende Wähler um sich, am wenigsten Geld haben Nichtwähler zur Verfügung.
Die Kernpunkte der Studie im Überblick:
Einkommen: FDP und Grüne haben der Studie zufolge die reichsten Wähler, deutlich weniger verdienen die Anhänger von SPD und Linken. Geringverdiener - also jene mit einem Einkommen von unter 1000 Euro monatlich - wenden sich am ehesten der Piratenpartei zu oder seien im Nichtwähler-Milieu zu finden, stellten die Forscher fest. Einen Sonderfall bilden rechtsextreme Wähler: Hier sind sowohl sehr arme als auch sehr wohlhabende Menschen zu finden.
Arbeitslosigkeit: Kein einziger Arbeitsloser der insgesamt 2400 Befragten würde die FDP wählen. Die Liberalen haben "wieder ein eindeutiges Wählerprofil als Klientelpartei der Reichen" erreicht, meinen die Experten. Ein Drittel der Arbeitslosen gehe überhaupt nicht wählen, hieß es weiter.
Lebensumstände: Die Wähler der Piratenpartei lebten der Studie zufolge häufig in einer "prekären Lebenssituation": Sie hätten von allen Parteianhängern die größte Angst um ihren Job. Am wenigsten sorgten sich Anhänger der SPD, der CDU und rechtsextremer Parteien um ihren Arbeitsplatz. Hier stellten die Forscher eine Veränderung fest. Vor einem Jahr seien die Wähler der rechten Parteien noch von großer Sorge um den Arbeitsplatz erfüllt gewesen - nun sei offenbar die Piratenpartei "für Personen mit Sorge um den Arbeitsplatz der optimale Interessenvertreter", heißt es in der Studie.
Alter: Die Piratenpartei zieht die jüngsten Wähler an, stellen die Studienmacher fest. Mit durchschnittlich 34 Jahren sei deren Anhängerschaft am jüngsten. Damit haben sie die Grünen-Anhänger an der Spitze der jüngsten Wähler abgelöst. CDU-Wähler seien mit 58 Jahren weiterhin die ältesten. Interessanterweise sei das Durchschnittsalter der Nichtwähler gesunken: "Das bedeutet, dass immer mehr jüngere Wahlberechtigte nicht mehr wählen gehen."
Geschlecht: Der Eindruck, dass nur Männer die Piraten wählen, täusche, stellten die Studienmacher fest. Unter deren Wählern halten sich die Geschlechter annähernd die Waage, ebenso bei CDU und SPD. Männer seien deutlich stärker bei Rechten, FDP und Linken vertreten, während Frauen eher für die Grünen stimmten. Auch bei Unentschlossenen und Nichtwählern seien Frauen überproportional vertreten. Im Vergleich zu der Befragung im vergangenen Jahr habe sich der Anteil der Frauen bei den FDP-Anhängern deutlich verringert, stellten die Studienmacher fest: "Viele Frauen haben sich von der FDP abgewandt."
Angst und Depressivität: Nichtwähler beschrieben sich in den Befragungen auffallend oft ängstlich, dicht gefolgt von Wählern rechtsextremer Parteien. Am wenigsten ängstlich zeigten sich FDP-Wähler und Unentschlossene. Nichtwähler und rechte Wähler zeigen eine "ausgeprägte depressive Grundstimmung", Piraten-Wähler sind am wenigsten depressiv.
Mediennutzung: Klassische Medien wie Zeitung, Radio, Fernsehen oder Telefon werden von Piraten-Wählern und Nichtwählern, aber auch Wählern rechtsextremer Parteien am wenigsten genutzt - und von FDP- und Unionswählern am stärksten. Smartphone, Computer und Internet sind eine Domäne der Piraten-Wähler, aber auch von Grünen- und FDP-Anhängern. Rechte, CDU/CSU- und SPD-Anhänger sind, was neue Medien und Online-Nutzung angeht, eher abstinent.
Am Donnerstag wollen die Forscher die Ergebnisse ihrer Befragung offiziell vorstellen. Für die Studie im Auftrag der Abteilung für Medizinische Psychologie der Universität Leipzig wurden im Sommer 2012 rund 2400 Wahlberechtigte im Alter zwischen 18 und 91 Jahren befragt - die ausführlichen Ergebnisse finden sie hier.
amz
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