Neue Klassengesellschaft Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern

Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

Ein Schüler der vierten Klasse beim Lesen
DPA

Ein Schüler der vierten Klasse beim Lesen

Eine Kolumne von


Wie geht es Deutschland? Wenn man auf die Wirtschaftszahlen schaut, blendend. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, dass man fast von Vollbeschäftigung sprechen kann. Die Steuereinnahmen des Staates bewegen sich auf Rekordniveau. Wenn man die Leute fragt, wie sie ihre ökonomische Zukunft einschätzen, blicken die meisten zuversichtlich nach vorne. Doch wie heißt es bei Goya: Unter der Oberfläche lauern die Gespenster.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 50/2017
Wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert

Ich habe vergangene Woche eine Zahl gelesen, die mir keine Ruhe lässt. Bildungsforscher haben den Stand der Leseleistung weltweit verglichen, das machen sie alle fünf Jahre. Das Ergebnis für Deutschland ist desaströs, anders lässt es sich nicht sagen.

Ein Fünftel der deutschen Grundschüler kann nach vier Jahren nicht richtig lesen und schreiben. Das heißt, die Schüler können Worte entziffern, aber sie brauchen dafür so lange, dass sie oft vergessen haben, was am Anfang eines Satzes stand, wenn sie am Ende angekommen sind. Oder sie können den Sinn nicht entschlüsseln. Wenn sie einen Text über Piraten lesen sollen, wissen sie nicht, was ein "Mast" ist oder was es bedeutet, den Anker zu "lichten".

Ein Fünftel partielle Analphabeten unter den Zehnjährigen, das ist eine irre Zahl. Ich hatte erwartet, dass ein Aufschrei durchs Land gehen würde. Eigenartigerweise wurde der Befund, der für die Zukunft unseres Landes bedeutsamer ist als jede andere Debatte, eher achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Wir reden hier wie gesagt nicht von Erstklässlern, sondern von Kindern, die vier Jahre Grundschule hinter sich haben. Was ist in den Familien los, frage ich mich? Ich kann mir das Versagen nur so erklären, dass die Eltern kein Interesse an Büchern haben oder ihnen sogar feindselig gegenüberstehen. Ein Kind, das trotz der Anstrengungen seiner Lehrer nach vier Jahren Schule nicht richtig lesen und schreiben kann, muss aus einem Umfeld stammen, in dem man jede Bildungsanstrengung regelrecht zunichtemacht.

Die soziale Schere klafft in Deutschland immer weiter auseinander, davon bin auch ich überzeugt. Aber sie klafft aus anderen Gründen auseinander, als die Leute, die bei allen Problemen die große Umverteilungsspritze zücken, uns glauben machen wollen. Die Klassengrenze verläuft nicht entlang der Grenze zwischen Arm und Reich, sondern zwischen gebildet und ungebildet. Dass beides eng miteinander zusammenhängt, das ist evident. Trotzdem macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mangelnde Bildung auf Armut zurückführe oder auf Desinteresse.

Alle sozialstaatliche Intervention fußt auf dem Vertrauen, dass es die Verhältnisse sind, die Menschen zurückhalten, ihr Potenzial zu entwickeln, nicht Unwillen oder Unvermögen. Die Menschen würden gerne, aber sie können nicht, weil finanzielle Nöte sie hindern: Das ist das sozialdemokratische Mantra. Also muss man nur ihr finanzielles Schicksal lindern, und die Bildung stellt sich ein. Aber was, wenn es nicht am Geld mangelt, sondern an der Einsicht, dass Bildung etwas Wertvolles ist?

Die wichtigsten Ergebnisse der Iglu-Studie
Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen
Die Zahl der besonders lesestarken Viertklässler erhöhte sich von 8,6 Prozent (2001) auf 11,8 Prozent (2016). Gleichzeitig erhöhte sich aber auch die Zahl der Grundschüler mit starken Leseschwächen: 2001 waren es noch 16,9 Prozent, 15 Jahre später liegt ihr Anteil bei 18,9 Prozent - 2006 und 2011 waren es deutlich weniger Kinder mit schlechten Ergebnissen.
Deutschland liegt im internationalen Vergleich nur noch im Mittelfeld
2001 gab es nur vier Länder, die signifikant besser abschnitten als Deutschland. 2016 sind 20 Länder signifikant besser. Die Viertklässler in Deutschland lesen damit zwar immer noch besser als die Gleichaltrigen im internationalen Durchschnitt (521 Punkte), aber geringfügig schlechter als Grundschüler im EU-Durchschnitt (540 Punkte) und im OECD-Durchschnitt (541 Punkte).
Die Herkunft entscheidet
In Familien, bei denen es mehr Bücher gibt und die Eltern Berufe mit höherer Qualifikation ausüben, können die Grundschüler deutlich besser lesen und mit Texten umgehen.

Einen gewissen Prozentsatz an Halbgebildeten und Lernunwilligen hält auch eine Gesellschaft wie die deutsche aus. Aber 20 Prozent eines Jahrgangs? Das überfordert den besten Sozialstaat. So viele Arbeitsplätze für Ungelernte gibt es dann auch nicht. Man kann die Lehrer schuldig sprechen, die es offenkundig nicht vermocht haben, den ihnen anvertrauten Kindern basale Kulturtechniken zu vermitteln. Aber gegen die Bildungsverachtung im Elternhaus kommt die beste Schule nicht an.

Alles, was uns bislang einfiel, war die Zusammenlegung von begabten und weniger begaben Kindern. Unzählige Schultests haben bewiesen, dass es nichts besser macht, wenn man Kinder in einer Klasse zusammensperrt und draußen das Wort "Gesamtschule" dran schreibt. Aber das hat die sozialdemokratischen Bildungsreformer nicht entmutigen können. Tatsächlich tritt sogar der gegenteilige Effekt ein. Wenn Kindern jeden Tag von ihren begabteren Mitschülern vorgeführt wird, wie sehr sie hinterherhinken, führt das nicht dazu, dass sie sich mehr anstrengen, sondern dass sie alle Hoffnung fahren lassen.

ANZEIGE
Jan Fleischhauer:
Alles ist besser als noch ein Tag mit dir

Roman über die Liebe, ihr Ende und das Leben danach

Knaus; 208 Seiten; 20 Euro

Was also soll man tun? Das Erste wäre die Einsicht, dass man es mit Strukturen zu tun hat, die sich der Sozialingenieurskunst entziehen. Wir haben uns angewöhnt, von "bildungsfernen Schichten" zu sprechen. Ich halte das für einen Euphemismus. "Bildungsfern" klingt wie ein unverschuldetes Schicksal, dabei ist es genau das nicht. Es mag die Alleinerziehende geben, die vor Sorge weder ein noch aus weiß, und deshalb abends zu müde ist, um noch ein Buch zur Hand zu nehmen. Aber das erklärt nicht die Zahl der Zehnjährigen mit gravierenden Leseschwächen.

Dass der Arme manchmal vielleicht auch deshalb arm ist, weil er faul ist oder vom Alkohol verblödet, ist ein Gedanke, der in unserer auf sozialen Ausgleich bedachten Gesellschaft als so anstößig gilt, dass er nicht zugelassen werden darf. Ich habe kein Verständnis für Eltern, die ihre Kinder vor die Glotze setzen und sich lieber mit dem Handy beschäftigen, anstatt ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Man sagt so schnell entschuldigend: Ach, die armen Hascherl am sozialen Rand, die wissen es nicht besser. Doch sie wissen es besser. Sie sind nur zu bequem oder zu gleichgültig, um entsprechend zu handeln. Auch in Teilen Asiens sind sie bettelarm, und trotzdem nutzen sie dort jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet, ihren Kindern etwas beizubringen.

Vielleicht muss man sich an den Gedanken gewöhnen, das elterliche Erziehungsmonopol einzuschränken. Die elterliche Autonomie ist ein hohes Gut. Aber wenn sich zeigt, dass Kinder im Elternhaus der Voraussetzungen beraubt werden, um als Erwachsene ein erfülltes Leben zu leben, muss der Staat möglicherweise früher als bislang eingreifen.

Wir haben uns aus guten Gründen entschieden, den Schulbesuch ab dem sechsten Lebensjahr verpflichtend zu machen. Das ist sehr spät. Der Rückstand, der in sechs Jahren entstanden ist, wenn man bis dahin noch nie in ein Buch gesehen hat, lässt sich kaum aufholen. Vorschule ab zwei Jahren, wenn der Arzt feststellt, dass die Eltern überfordert sind - das wäre ein Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 343 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ökofred 14.12.2017
1. Kommentar aus der Mottenkiste
Merkwürdig, praktisch überall auf der Welt wird so verfahren, dass die Kinder bis zur 8. gemeinsam unterrichtet werden, nur in D. funktioniert das angeblich nicht.
sabinaz 14.12.2017
2. Da steht er nun, der weiße Elefant
Dick und fett mitten im Raum: Es gibt viele Eltern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, ihren Kindern das Lesen beizubringen. Sie haben zum Beispiel - Alleinerziehende, so lange sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen oder Doppelverdiener mit schlecht bezahlten Berufen - Ganztagsjobs. Oder sie sind zu dumm und zu faul. Ergo ist hier der Staat gefragt. Klar, mit Ganztageskindergärten und Ganztagsschulen, die diese Lücke füllen. Flächendeckend, als Regelmodell, erstklassig ausgestattet natürlich, so dass Kinder hierzulande wirklich alle dieselben Chancen haben. Schlimmes Problem, ganz klare Lösung. Auf geht's!
hzj 14.12.2017
3. An staatlichenGesamt- und Realschulen ist es richtig dramatisch!
"20% der Grundschüler sind nach der 4. Klasse funktionale Analphabeten, weitere 40% haben starke bis mittlere Lese- und Schreibschwächen. Diese 40 bis 60% der Schüler eines Jahrgangs besuchen in NRW nach der Grundschule eine Gesamtschule oder Realschule. Das bedeutet zu Anfang des 5. Jahrgangs, dass kaum ein Schüler einer 5. Klasse einer Gesamt- oder Realschule so lesen und schreiben kann, wie es das öffentliche Schulsystem als Grundvoraussetzung für den Fachunterricht in der Sekundarstufe I vorsieht. Auch nicht vergessen darf man die zusätzlich den öffentlichen, allgemeinbildenden, weiterführenden Schulen auferlegten Probleme mit inklusionsbedingten Lern- und Verhaltensstörungen und den Auswirkungen der Flucht- und Migrationswellen, durch die das Lernen und die Bildungsarbeit in den Schulklassen weiter extrem erschwert werden. Immer mehr bildungsorientierte Eltern suchen daher für ihre Kinder eine Schule in privater Trägerschaft, da diese noch die Kontrolle über ihre Neuanmeldungen haben.
M aus USA 14.12.2017
4. Übung macht den Meister
Herr Fleischhauer, nicht alle asiatischen Gesellschaften haben Bildung zu einem hohen Gut erhoben. Das ist ein etwas ignorantes Vorurteil. Wirtschaftlich dominante Staaten in der Region wie z.B. China, Korea, Japan schon - andere nicht. Darüber hinaus ist dann die Frage interessant, was bei der Erziehung der heuten Eltern vor ca. 25 - 40 Jahren schief gelaufen ist um ein derartiges Desinteresse am zukünftigen Wohl Ihrer Sprösslinge zu erklären. Vielleicht wäre eine Kindergartenpflicht keine schlechte Idee. Eine hübsche Alternative könnten auch verpflichtende Fortbildungen der Eltern bei Nichterreichen bestimmter Ziele der Kinder sein. Für deren Teilnahme und Engagement ist Geld vermutlich ein ausreichender Motivator.
juratill 14.12.2017
5. Es kommt auf die Eltern an
Ich habe in meinem Bekanntenkreis genügend Beispiele von Eltern, die selber - gleich aus welchen Gründen - nicht in den Genuss einer höheren Schulausbildung gekommen sind; diese Eltern erkannten aber, dass es entscheidend auf die Schulbildung ihrer Kinder ankam und alles daran setzten, dass sie nicht nur basale Schulfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen erlangten, sondern auch richtig gute Schüler wurden. Diese Kinder haben mittlerweile durchweg gute und sehr gute schulische Ergebnisse bis zum Abitur erzielt. Und mit vorstehend "alles" meine ich nicht, dass diese Eltern Nachhilfestunden "einkauften", nein, die Eltern haben sich selber nochmal angestrengt, vorgelesen, vorgerechnet und mit ihren Kindern wissensreiche Beschäftigungen gemeinsam unternommen. Diese Eltern und Kinder hatten und haben gemeinsam etwas davon.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.